Meine Güte: keine vier Wochen mehr bis Weihnachten, diese Woche ist schon der erste Advent. Aber sind wir schon in der richtigen Stimmung? Oder womöglich schon gar nicht mehr? Immerhin konnte man sich in jedem Supermarkt schon ab Anfang September mit Spekulatius und Lebkuchen eindecken. Da weiß man trotz neuer Öffnungszeiten plötzlich gar nicht mehr, was man überhaupt noch kaufen soll.

Selbst im Kino geht es höchst unweihnachtlich zu, mal abgesehen vom dritten „Santa Clause“-Teil, den aber kaum jemand schaut. Auch „Little Miss Sunshine“, die schönste Komödie dieser Woche (und womöglich des ganzen Jahres), ist alles andere als besinnlich. Die niedliche, aber nicht gerade dem Massengeschmack entsprechende Olive möchte mit ihren 9 Jahren unbedingt Schönheitskönigin werden, weswegen die ganze Familie im klapprigen Bus durch die Staaten düst. Mit dabei: der schweigende Bruder, der schwule, suizidale Onkel und Opa mit seinen Pornoheftchen. Und wir natürlich, denn diese charmante, skurrile und manchmal auch tragische Familie darf man sich nicht entgehen lassen – auch im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsmahl im Kreis der eigenen Lieben.

Noch viel weniger mit Tannenduft und süßen Plätzchen haben die Jackass-Jungs am Hut. Zum zweiten Mal haben sie sich für einen Kinofilm zusammengetan, und natürlich treiben Knoxville, Bam, Steve-O und Co. auch in „Jackass Nummer 2“ das gleiche wie immer. Bissige Schlangen, Hummer, Alligatoren und Haie, wütende Stiere und ein guter Schluck Pferdesperma kommen zum Einsatz, was natürlich noch lange nicht alles ist – aber genug, um zu entscheiden, ob man so etwas auf riesiger Leinwand sehen möchte.

Viel makaberen Humor und reichlich Ekelpotential bietet auch „Severance“. Eine Gruppe britischer streift durch osteuropäische Wälder, wo sie zwar nicht das Christkind, aber immerhin Teamgeist und ein wenig Abwechslung sucht. Stattdessen finden sie perverse Ex-Söldner mit riesigem Waffenarsenal, so dass das Gemetzel schnell beginnen kann. „Stromberg“ trifft „Hostel“ hat das jemand genannt, aber die rumänische Tourismus-Behörde ist trotzdem not very amused.

Reihum gestorben wird auch in „Pulse“, wobei es sich mal wieder um das amerikanische Remake eines japanischen Horrorfilms handelt. Hübsche junge Menschen – Kristen Bell aus „Veronica Mars“, der schnuckelige Ian Somerhalder aus „Lost“ und Popsternchen Christina Milian – müssen erfahren, dass Handys, Computer und andere Elektrogeräte das Leben nicht nur erleichtern, sondern mitunter auch verkürzen. Vielleicht steckt hier also doch noch eine weihnachtliche Botschaft drin – und sei es nur, damit man über den eigenen Wunschzettel noch mal nachdenkt.

Eher auf ein leichtes Gruseln denn auf echte Schockeffekte setzt „Als das Meer verschwand“. In dem neuseeländischen Krimi kehrt ein Mann nach vielen Jahren nach Hause zurück und wird natürlich misstrauisch beäugt, nicht zuletzt als die Tochter seiner Ex-Freundin verschwindet. Das ist sehr dichtes, emotional erzähltes Kino, eine echte kleine Überraschung und damit also auch eine Art Geschenk, das man sich gerne gefallen lassen kann.

Nur für spezielle Geschmäcker dürfte dagegen Franka Potentes Regiedebüt „Der die Tollkirsche ausgräbt“ sein, denn die Schauspielerin hat einen schwarzweißen Stummfilm gedreht. Da das Ganze allerdings auch nur 43 Minuten hat und entsprechend die Kinokarten billiger sind, wäre es also vielleicht etwas für den kleinen Geldbeutel. Ebenfalls sehr poetisch und ohne viele Worte kommt „Bye Bye Blackbird“ daher, eine Dreiecksgeschichte unter Trapezkünstlern im Zirkus.

Dem Gefühl von Weihnachten kommt man somit vermutlich mit „Happy Feet“ am nächsten. Früher gab es ja nur einmal im Jahr, pünktlich zum Advent, einen großen Zeichentrickfilm. Mittlerweile kommt mindestens einer im Monat, aber „Happy Feet“ von George Miller (der von „Mad Max“ bis „Schweinchen Babe“ schon einiges ausprobiert hat) ist sicherlich einer der schönsten des Jahres. Putzige Tiere (in diesem Fall die ohnehin sehr angesagten Pinguine) singen ebensolche Lieder, eine naturbewusste Botschaft gibt’s obendrein. Das ist doch fast wie früher – und der Weihnachtsmann kann kommen.


Patrick Heidmann