“Rock-Musik ist scheiße, sie kotzt mich nur noch an!” Conrad Keelys Stimme schnarrt so angewidert, als müsse er sich tatsächlich gleich übergeben. Die Frage nach seinem Interesse an aktueller Musik hat der kreative Kopf von …And You Will Know Us By The Trail Of Dead dankend zum Anlass genommen, um mal so richtig vom Leder zu ziehen.

Natürlich ist das, was er und seine (je nachdem) drei bis fünf Kollegen auf ihrem neuen Album ‘Worlds Apart’ komponiert haben, auch Rock-Musik – aber nicht im herkömmlichen Sinne. Zumindest in der Wahrnehmung des Komponisten.
Zugegeben: Ganz Unrecht hat Keely mit seiner Selbsteinschätzung nicht. Das neue Album ist ein seltsamer Brocken: um einiges vielschichtiger und komplizierter, stellenweise aber sogar leichter zugänglich als der herausragende Vorgänger ‘Source Tags & Codes’.

Wie eine klassische Oper wird das Werk von einer schweren Ouvertüre eröffnet. Erst dann baut sich das neue Rock-Konzept von Trail Of Dead allmählich zur vollen Größe auf. Neben den typischen dissonanten Krachriffs finden sich immer wieder Passagen mit klassischen Instrumenten und Bombast-Orgien im Stil von Pink Floyd zu ‘Dark Side Of The Moon’-Zeiten. “Die Ouvertüre wurde von dem griechischen Komponisten Basil Poledouris inspiriert”, erklärt Keely. “Das war der Typ, der den Soundtrack zu ‘Conan der Barbar’ geschrieben hat. Der Soundtrack ist so richtig Carmina-Burana-mäßig fett, ein großes Vorbild für uns, als wir ‘Worlds Apart’ schrieben. Der Soundtrack zu ‘Jesus Christ Superstar’ war auch eine wichtige Inspirationsquelle. Es war DAS Album meiner Kindheit.”

Bei so vielen Hinweisen in Richtung Artrock-Größenwahn wird man den Verdacht nicht los, dass man es hier mit einem ausgewachsenen Konzept-Album zu tun hat. “Nein, das Album ist eher eine Ansammlung einzelner Themen, die wir mal ansprechen wollten”, erklärt Keely. “Die meisten Bands singen von irgendwelchem persönlichen Blabla, von ihren egoistischen kleinen Emotionen, davon, dass ihre Freundin abgehauen ist und was weiß ich. Dabei gibt es gerade heute, wo soviel Chaos in der Welt herrscht, echt wichtigere Themen, mit denen man sich befassen sollte.”
Ein paar griffige Beispiele hat Keely gleich parat: “Die Geschichte menschlicher Konflikte zum Beispiel, oder die Heirat der Klassik mit der Moderne. Wir haben auf dem neuen Album sehr viel mit Instrumenten aus dem Barock oder der Renaissance gearbeitet, und uns andererseits aber zum ersten Mal intensiv mit Computer-Synthesizern beschäftigt. Es ist unglaublich, was für Möglichkeiten sich bei dieser Kombination eröffnen. Rockmusik ist noch lange nicht am Ende ihrer Evolution angelangt. Sie hat genau genommen gerade erst angefangen.”

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Dass der Einsatz dieser alten Instrumente in moderner Musik weit mehr ist als ein freakiger Gimmick, beweist zum Beispiel der monströse Sound der Kesselpauken auf dem neuen Album.

Ob solche wertvollen Stücke in den Händen von Trail Of Dead lange überleben, ist jedoch fraglich. Am Ende ihrer Auftritte wird gern mal das gesamte Equipment zu Kleinholz gedroschen. “Für mich ist ein Instrument ein Werkzeug, sonst nichts”, erklärt Keely und fährt begeistert fort: “Ich habe schon als Kind immer alles kaputt gemacht. Aber auf diese Weise habe ich auch sehr viel darüber gelernt, wie Dinge zusammengesetzt sind, wie sie funktionieren. Wenn wir auf der Bühne Spaß haben, hauen wir halt gerne mal was kaputt. Es ist fantastisch!”

Ob es nun musikalische Konventionen, der Glaube an das Gute in der Rockmusik oder schlicht ihre Instrumente sind: das Credo, man müsse erst mal alles Alte zerstören, um Neues zu erschaffen, lebt kaum jemand so konsequent wie Trail Of Dead.

Text: Till Stoppenhagen