Mit ‘Berlin Hi-Fi’ hat die Band um Paul Wallfisch, den Ex-Tastenmann von Firewater und nunmehr zum vierten Mal nur noch Botanica-Sänger und Keyboarder, ihr neues Album nicht nur nach dessen Aufnahmeort benannt, sondern gleichwohl auch ein Orgel-organisches, wunderbar rundes, neues Rock-Kammermusik-Kleinod geschaffen. Grund genug, den guten Paul in einem gemütlich kleinen Café in Berlin-Prenzlauer Berg zu treffen. Im Hintergrund läuft Scott Walker und Paul freut sich, in der aktuellen Ausgabe eines ausliegenden Musikmagazins blätternd, über die Dresden Dolls-Titelstory. Sind ja Freunde von ihm. Manchmal passt eben einfach alles zusammen.

“Ich würde auch gerne mal so eine Orchester-Platte im Stile von Sinatra oder Scott Walker machen”, offenbart uns Paul dann auch kurz darauf. Mal sehen, was die Zukunft noch bringt, schließlich ist im Leben, wie auch in der Kunst nichts unmöglich. Und Kunst ist in Zusammenhang mit Botanica absolut das treffend-richtige Stichwort, auch wenn Pauls diesbezügliches Verständnis nichts mit disharmonisch-destruktiven Dekonstruktions-Neurosen oder prätentiöser musikalischer Unhörbarkeit zu tun hat. “Es gibt wie immer verschiedene Stile auf der Platte, aber die fließen diesmal auf koheränte Art und Weise besser in einander. Außerdem ist es im Vergleich eine sehr romantische Platte geworden. Es gibt drei Schlüsselsongs für mich. ‘Eleganza & Wines’ ist ein nostalgisches Märchen über L.A.. Die anderen beiden sind ‘Berlin Hi-Fi’ und ‘A Freestyle Kiss To Hedy Lamarr’.”

Insbesondere letzterer hat es wahrhaft in sich, geht es doch um die wahre Geschichte einer österreichischen Schauspielerin, die 1933 die erste Spielfilm-Nacktszene der Filmgeschichte zierte (und jetzt Botanicas aktuelles Album-Cover), kurze Zeit später in die USA emigrierte und dort neben einer zweiten Schauspielkarriere zusammen mit dem Komponisten Geroge Antheil das Frequenzsprungverfahren erfand – eine Technik, die erst ein halbes Jahrhundert später im Mobilfunk zum voller Einsatzblüte kam. Klingelt es? Ohne die Dame hätten wir wohl keine Handys. “In dieser Geschichte steckt einfach alles. Ein perfektes Thema also für einen Botanica-Song.” Eine Aussage, die wohl wie keine andere den künstlerischen Geist der Band auf den Punkt bringt.

Kein Wunder, dass der bereiste New Yorker und seine internationale Combo gerade das europäische Kunst-Klima so zu schätzen wissen. “Hier gibt es eher ein Verständnis dafür, dass ein Künstler einer unabhängiger, elitärer Charakter ist, den man zum Wohle einer gedeihenden Kultur gewähren lässt. Diesen Ansatz existiert in der amerikanischen Psyche nicht. Da ist schon Elite ein Schimpfwort, weil von jedem so ein durchschnittliches Otto-Normalverbraucher Leben und Verhalten erwartet wird. Ich denke, dass den Leuten mehr Zeit zum Nachdenken gut tun würde, nur so kann man diese Welt verstehen lernen und das ist genau das, was ein Künstler macht.” Und im Falle von Botanica auch ausmacht. Genießt es.

Text: Frank Thießies

BOTANICA AUF TOUR

22.5. Greifswald – Klex
23.5. Berlin – Maschinenhaus@Kulturbrauerei
24.5. Dresden – Star Club
25.5. Stuttgart – Laboratorium
29.5. Krefeld – Odeon
30.5. Hamburg – Astra Stube
31.5. Bielefeld – Forum
1.6. Bochum – tba
2.6. Neu Ulm – NuBahnhof
3.6. Wetzlar – Kulturzentrum Franzis