Mit “The Future Embrace” erscheint nun endlich jenes Solo-Album, das die meisten schon unmittelbar nach dem Ende der Smashing Pumpkins von Corgan erwartet hatten. Nachdem er sich zwischenzeitlich – durchaus erfolgreich – als Buchautor und Sportkommentator (sic!) versucht hatte, ist Billy Corgan also zurück im angestammten Metier. Und gibt sich prompt offener und freundlicher als je zuvor. Nachdem Corgan während der Pumpkins-Jahre ein Image als grantiger Band-Diktator und launige Diva kultivierte, ist ein Interview mit dem ausgeglichen und ausbalanciert wirkenden 38-Jährigen heute eine lehrreiche, überaus tiefgründige und in Teilen gar humorvolle Angelegenheit.

Billy, zum ersten Mal warst du bei “The Future Empbrace” für alles alleine zuständig. Wie fühlt sich das für dich als Band-Musiker an?
Nun, ganz alleine war ich ja auch diesmal nicht. Auf dem Album spielen schließlich auch andere Musiker. Im Prinzip ist es so gelaufen, wie es immer läuft. Ich würde dir jetzt gerne eine interessantere Geschichte erzählen, dass es eine ganz und gar neue und außergewöhnliche Erfahrung war, aber das war leider nicht der Fall. Ich bin halt täglich zur Arbeit gegangen und habe die Sache durchgezogen wie immer.

Ich höre die unterschiedlichsten Einflüsse auf “The Future Embrace” – von deinen alten Faves New Order bis hin zum David Bowie der Berlin-Ära. “Myrna Loy M.O.H.)” erinnert gar ein bisschen an Faithless…
Faithless? Wer ist denn das?

Ein in Europa ziemlich bekannter Dance-Act.
Oh, interessant! Das muss ich mir gleich mal aufschreiben (nimmt Zettel und Papier zur Hand). Moment, wie heißen die? Failures?

Nein, Faithless. Es ist nicht wirklich dasselbe, was du machst. Aber die Harmonien haben mich hier und da an sie erinnert.
Ah, okay. Ich hab’s mir notiert und werde mir etwas von ihnen besorgen, um zu sehen, ob dein Vergleich stimmt. Meine Hauptinspiration für dieses Album war jedenfalls, etwas komplett Neues zu probieren. Natürlich weiß ich, dass das in der Musik eigentlich unmöglich ist, da ja alles aufeinander aufbaut. Aber die Intention, es wenigstens zu versuchen, war mir wichtig. Ich habe es stets als langweilig empfunden, dem Mainstream zu folgen und genau das zu machen, was alle anderen auch machen.

Auf jeden Fall klingt es einzigartig für diese Zeit. Während alle anderen rückwärtsgewandte Gitarrenrock-Muster wiederbeleben, machst du das genaue Gegenteil. Ich meine, es sind natürlich Gitarren auf dem Album, aber nicht unbedingt klassische Rock-Gitarren.
Ich habe mich entschieden, die Gitarren eher atmosphärisch und nicht so sehr als das Leading-Instrument einzusetzen. Ich wollte eine Wall Of Sound kreieren, vor deren Hintergrund sich dann die Songs aufbauen. Eingespielt habe ich übrigens sämtliche Gitarren selbst und ohne Overdubs. Was nun so klingt wie zehn Gitarrenspuren ist also in Wahrheit nur eine einzige.

Die unaufdringliche, songdienliche Gitarrenarbeit hat mich übrigens ein bisschen überrascht. Vor einigen Wochen sprach ich nämlich mit Jimmy Chamberlin (Ex-Smashing Pumpkins- und Zwan-Drummer, d. Red.)…
Oh, du hast mit Jimmy gesprochen? Interessant, war er denn hier in Europa und war das Interview gut?

Nein, es handelte sich um ein Telefon-Interview. Jedenfalls finde ich, dass Chamberlins Solo-Debüt so ein typisches Schlagzeuger-Musiker-Album geworden ist, und daraufhin meinte er, wenn ich das bei ihm schon fände, sollte ich erstmal deines hören, denn das wäre dann eine absolute Gitarristen-Platte (Corgan lacht). Nun aber muss ich sagen, dass “The Future Embrace” dankenswerterweise nicht gerade wie Steve Vai oder so was klingt.
Nein, nicht in der Art. Aber es ist schon ein Gitarristen-Album. Die Dramatik der Gitarre gibt die Stimmung vor.

Mit einem Freund wie Super-Drummer Jimmy Chamberlin, der immerhin auf einem Track des neuen Albums zu hören ist, wie kann man da einen Drum-Computer benutzen, wie du es bei den restlichen Songs tust?
Das frage ich mich auch (lacht). Wir haben es zuerst gemeinsam versucht, aber dann eine Entscheidung getroffen. Das Problem ist: Wenn Jimmy und ich zusammen spielen, klingt es immer nach den Pumpkins. Das haben wir durch Zwan gelernt. Da sind wir rückblickend etwas naiv rangegangen. Wir dachten, wir könnten wirklich noch mal eine neue Band haben und komplett von vorne anfangen. Aber das ist Quatsch, es funktioniert einfach nicht, die Pumpkins sind Geschichte. Mit einem anderen Drummer aber wollte ich auch nicht arbeiten. Außerdem finde ich die Drum-Computer-Sounds passen sehr gut zur Atmosphäre des Albums.

Wie zur Hölle bist du eigentlich auf die Idee gekommen ausgerechnet “To Love Somebody” von den Bee Gees zu covern?
Ich mochte die Nummer schon immer und finde außerdem, dass sie sehr gut zur Stimmung der Platte passt.

Zumindest eröffnet deine Version eine ganz neue Dimension des Songs, den du so weit verfremdet hast, dass man ihn erst beim Refrain so richtig erkennt.
Ja, das Roiginal klingt optimistischer, weil es in Major-D gespielt ist. Meine Version ist in Minor-D gehalten, dadurch wirkt sie automatisch trauriger.

Dieser Effekt wird noch verstärkt durch die Mitwirkung von Robert Smith.
Zuerst hat er die Lead-Stimme gesungen und es klang sofort original wie The Cure. Sobald Robert den Mund aufmacht, denkt jeder an Cure, deshalb macht er nun die Backing-Vocals und singt in einer für ihn etwas untypischen Weise.

Wie kam es denn überhaupt zu der Zusammenarbeit?
Wir kennen uns schon lange und wollten immer schon etwas zusammen machen, Robert ist ein guter Freund.

Wenn man bedenkt, mit wem du schon alles gespielt hast, müsstest du ein glücklicher Mann sein. Du warst beim Konzert zu Bowies 50. Geburtstag, hast mit New Order deren letzte Welttournee gespielt und nun auch noch Smith – gibt es noch weitere Namen auf deiner Liste der Idole, mit denen du gerne zusammenarbeiten würdest?
Oh ja, eine Menge. Yngwie Malmsteen, Ritchie Blackmore, und natürlich die Scorpions, mit denen würde ich sehr gerne ein paar Songs schreiben.

Dass du Scorpions-Fan bist ist ja bekannt. Da kommt dann das Heavy-Metal-Kid in dir zum Vorschein…
Genau. Ich liebe Musik so sehr und es gibt so viele Leute, die ich über alle Maßen respektiere. Die Liste ließe sich also quasi endlos fortsetzen. Wenn mir eine Band etwas bedeutet, spielt es auch keine Rolle, was sie jetzt macht. Es mag sein, dass manche meiner Helden nicht mehr ganz so gut sind wie früher, aber das heißt nicht, dass sie nicht trotzdem großartig sind.

In einer langen Karriere, wie zum Beispiel bei den Stones, ist ja auch klar, dass es auf und ab geht. Man kann schließlich nicht 40 Jahre lang ein “Exile On Main Street” nach dem anderen machen.
Das Ding ist: Sie haben “Exile On Main Street” gemacht! Diese Jungs haben diese fantastische Platte aufgenommen, die so vielen Leuten soviel bedeutet. 10.000 andere Bands kommen nie an diesen Punkt. Und aus diesem Grund haben solche Bands für alle Zeiten einen Platz in meinem Herzen – was immer sie auch später machen.

Einige deiner Texte wirken beinahe religiös. Wie stehst du zu organisierten Religionsformen, gibt es eine Religion, die es wert ist, an sie zu glauben?
(Überlegt lange) Nun, ich kann jedenfalls verstehen, warum Leute Trost und Unterstützung in ihrer Religion suchen. Problematisch wird es, wenn organisierte Religionen zu einem Gesetz für die Leute werden. Es ist wichtig, die Gesetze der Kirchen und die der Menschen strikt getrennt zu halten.

Hast du denn Erfahrung mit institutionalisierter Glaubensausübung?
Ich bin katholisch erzogen worden, aber die Gesetze der Menschen sind für mich bald an Stelle der kirchlichen getreten. Ich halte die Freiheit des Einzelnen, individuelle Wege zum Streben nach persönlichem Glück zu suchen, für das Wichtigste überhaupt. Jedenfalls solange dabei die Freiheit anderer Menschen nicht eingeschränkt wird. Wenn Religion als Grund vorgeschoben wird, um andere Menschen zu töten, obwohl dies eigentlich aus ganz anderen Gründen geschieht, ist das eine Katastrophe. Alles, was ein Mensch unternimmt, um Gott näher zu sein ist okay, wenn er darüber nicht seine Eigenverantwortung und persönliche Freiheit vergisst. Wenn man sich durch zum Roboter entwickelt, wird Religion zum schädlichen Kult.

Und genau das ist ja häufig bei organisierten Religionsformen zu beobachten.
Das ist aber kein spirituelles, sondern ein rein menschliches Problem. Die Korrumpierbarkeit des Menschen verursacht diese Probleme.

Das lässt sich ja auch in der Politik und anderen Bereichen beobachten.
Man braucht gar nicht so weit zu gehen, das siehst du auch an jemandem wie mir. Leute wie ich verfügen durch ihre Popularität über Macht. Und wie nutzen wir diese Macht? Wir missbrauchen sie mit Drogen, Geld und indem wir die Leute um uns herum schlecht behandeln. Macht ist ein schleichendes Gift für Menschen in allen Bereichen des Lebens. Daher kommen diese Misshandlungsskandale unter Priestern bei uns in Amerika und beinahe alle anderen Missstände. Macht korrumpiert Wahrheit, Glauben – einfach alles.

Du postest seit einiger Zeit eine Menge sehr gut und interessant geschriebener Weblogs auf deiner Seite, die allerdings teilweise auch ziemlich intim sind. Was treibt dich dazu an? Nicht viele Rockstars würden ein solches Forum wählen um sich ihren Fans derart dezidiert mitzuteilen…
Ich glaube, dass meine Fans eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, wer und wie ich bin. Sie wissen also, wer ich bin und ich weiß das sowieso. In den Medien aber wird stets ein Bild von mir vermittelt, das nicht besonders viel mit meiner wahren Persönlichkeit zu tun hat. Also nutze ich diese wunderbare Möglichkeit des Internets, um direkt und ohne Umwege mit den Fans zu kommunizieren.

Hat dich denn die Art und Weise, wie du meist porträtiert worden bist, sehr verletzt?
Ja, schon. Weil sie einfach nicht der Wahrheit entsprach. Aber was mich wirklich verletzt hat ist die Tatsache, dass wir nie den angemessenen Respekt für unsere künstlerische Arbeit als Band gekriegt haben.

Aber die Kritiken für die ersten Alben waren doch gut.
Nein, keineswegs. Lies dir die alten Reviews doch noch einmal durch.

Also, ich kann mich erinnern, dass zum Beispiel “Mellon Collie And The Infinite Sadness” hier in Deutschland sehr gut weggekommen ist…
Zweieinhalb Sterne im amerikanischen Rolling Stone! Daran kann ich mich noch besonders gut erinnern. Geh und besorg dir die entsprechende Ausgabe, das sollte kein Problem für dich sein.

Ich glaube dir ja. Nur hier in Deutschland war es eben anders. Zumindest bis “Adore”.
Wirklich? Das ist gut zu hören!

Letztlich zählt ja vor allem die Meinung der Fans, und da sprechen die Verkaufszahlen jawohl für sich. Davon abgesehen ist euer Frühwerk ohnehin über jeden Zweifel erhaben.
Danke, das finde ich auch.

Jimmy Chamberlin erzählte mir zu dem enormen Druck, unter dem ihr mit den Smashing Pumpkins standet, dass er heute keine Drogen mehr nimmt weil er nicht mehr 25 ist und in einer weltberühmten Band spielt. Er hätte die Drogen gebraucht, um mit diesem Druck umgehen zu können. Du hast nie Drogen genommen…
Ich habe darauf reagiert, indem ich Tag und Nacht gearbeitet und mich von allen Leuten abgeschottet habe, während Jimmy versucht hat, auf seine Art damit fertig zu werden. Er hat sich halt die Nächte an den Bars um die Ohren geschlagen, eine Menge Zeug eingeworfen und seine Witze erzählt, nur damit ihm dann später alle erzählen, wie toll er ist. Und auf diese Weise hätte er sich beinahe umgebracht, das muss man sich mal vorstellen.

Etwas anderes: Über die Jahre hast du in den Texten auch immer wieder deine Familie zum Thema gemacht. In einem der angesprochenen Texte aus deinem Online-Buch beschreibst du nun wie du nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder ins Haus deines Vaters gekommen bist. Keine besonders einfache Situation. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben?
Es ist okay und gleichzeitig problematisch. Ein Beispiel: Er ist mein Vater und berechnet mir jedes Mal, wenn ich länger bei ihm bin, Geld für meinen Stromverbrauch (lacht). Das muss man sich mal vorstellen: Er stellt seinem eigenen Sohn zehn Dollar für Strom in Rechnung, das ist so unfassbar!

Du bist allgemein als extrem harter Arbeiter bekannt. Hat diese Haltung, dein Ehrgeiz, vielleicht auch etwas damit zu tun, dass du als Kind mitbekommen hast wie die guten Ideen deines Vaters mangels Engagement stets im Sande verliefen?
Weißt du, mein Vater ist ein sehr talentierter Musiker. Er müsste wirklich ein berühmter Gitarrist sein, das sage ich nicht nur, weil er mein Vater ist. Jeder, der ihn spielen hört, ist begeistert. Vor einigen Jahren hatten wir diesen Gig in Chicago, unser Abschieds-Konzert, und mein Vater kam zu uns auf die Bühne. Er hat mir glatt die Show gestohlen, so gut hat er gespielt. Aber er hat eben nie wirklich etwas unternommen, um groß raus zu kommen. Und in seinem Fall liegt das wirklich einzig und allein daran, dass er nicht hart genug gearbeitet hat. Eine andere Sache, die ich nie verstehen konnte ist, dass er seine Aufnahmen nicht aufbewahrt. Es gibt buchstäblich kein einziges Band von ihm. Er wird sich später nie zurücklehnen können, um sich beim Hören alter Tapes an alte Zeiten zu erinnern. Das macht mich rasend. Und daraus beziehe ich tatsächlich einen großen Teil meines Antriebs, um auf deine Frage zurückzukommen. Ich will etwas Bleibendes schaffen, das ist mir wichtig.

Planst du bei den anstehenden Konzerten auch Songs der Smashing Pumpkins oder von Zwan zu spielen?
Nein, das habe ich nicht vor. Zu den Zwan-Songs habe ich kein besonders gutes Gefühl. Das liegt wahrscheinlich an den Umständen, wie die Band geendet ist. Wäre es anders gelaufen, würde ich vielleicht die eine oder andere Nummer spielen. Was die Pumpkins betrifft, so möchte ich deren Songs nicht ohne die anderen aus der Band spielen, das würde auch nicht funktionieren. Außerdem möchte ich meine Konzerte frei von anderen Einflüssen halten. Ich habe ein sehr stimmungsvolles, neuartiges Konzept für die Shows, das sich ganz an der Stimmung des Albums orientiert. In diesem Kontext würden die alten Sachen nur stören.

Text: Torsten Groß