Es wird, ganz im Sinne des neuen Bundspräsidenten, ein enormer Ruck in die Musikindustrie fahren, wenn in diesem Jahr die Popkomm in Berlin ihre Pforten öffnet, wie man so sagt. Wiederum wird jeder beteuern, die Anwesenheit sei vollkommen unnötig, die Budgets seien heruntergefahren worden,die Präsenz bringe nichts, der Rummel sei schrecklich (in den letzten Jahren auch: kommt sowieso kaum noch jemand). Dann reisen alle nach Berlin (sofern sie nicht schon dort sind), wie sie früher nach Köln reisten, beklagen die Malaise, begrüßen die Überlebenden und jammern über den neuen Standort, weil es in Kölle doch so gemütlich war und der Dom dort gelassen wurde.

Andererseits gibt es in Berlin Schultheiß-Bier und auch andere Rauschmittel, deren Konsum den Flaneur auf dem so genannten Ausstellungsgelände ebenso beflügelt wie den Teilnehmer an einem Diskussionsforum. Beim endlosen Delirieren in zahllosen Schwatzbuden versicherte sich die ganze Branche stets ihrer selbst, hier war jeder Prahlhans und Adabei in seinem Element, hier wurde die Zukunft gemacht, wurde der Dotcom-Himmel beschworen, wurden die Online-Plattformen geebnet und die Menetekel des Untergangs überdröhnt. An immer armseligeren Ständen konnte man spätestens seit dem Jahr 2000 dabei zusehen, wie Arbeitsplätze und Besitzstände verschwanden, Gewissheiten und Bequemlichkeiten. Wo früher Geisterbahnen, Piratenschiffe, Spielplätze, Planschbecken und Lounges zum munteren Unfug und hemmungslosen Tratsch einluden, stand oft nur noch eine Sperrholzwand mit den Handy-Nummern von Leuten, die das Hyatt-Hotel aus lauter Frustration schon gar nicht mehr verließen. Oder ganz woanders weilten. Dort, wo das Virtuelle, das Wort, die Prophezeiung, die Hoffnung und der Glaube seit je wichtiger waren als blanke Zahlen, Fakten oder gar die Vernunft, griff erstmals die Realität um sich.

Vorbei die Zeiten, als Motor Music an seinem liberal gehaltenen Ausstellungsstand großzügig Bluna-Limonade ausschenkte, weil es im Allgemeinen voran und allen gut ging. Als Großfürst Dieter Gorny in einer Industrie-Ruine seinen Kometenpreis verlieh und die Medienmeute an Biertischen speiste, während gegenüber die halbwüchsigen Massen das herangekarrte Musikpersonal bejubelten. Tocotronic lehnten einen Preis der Kategorie “Jung, talentiert und auf dem Weg nach oben” ab, steigen dafür aber extra auf die Bühne, ausgebuht von fast Gleichaltrigen, die sie niemals gemeint hatten. Sie kamen, um sich zu beschweren. Doch das Fernsehen belohnt solchen Widerstand nicht, er sieht bloß schlecht aus.

Damals wurde der ganze Auflauf direkt an die Medien-Bar übertragen, die hundert Meter entfernt vom Geschehen war. Detlef Diederichsen saß dort herum und trank Cola, ich trank ein Glas Rotwein nach dem anderen, und irgendwann kam ein Kamerateam von “Viva zwei” oder so, und ein Mann fragte uns in gleißendem Licht, ob wir denn noch Schallplatten hören würden. Diederichsen war ein wenig beleidigt, weil er ja nur alte Schallplatten hörte, und ich sagte (weil ich ohnehin betrunken war), ich hätte kürzlich in einem Laden der Telekom ein Musikvideo von Soundgarden gesehen. Stimmte auch. Diederichsen und ich, wir waren die Dinosaurier, damals in Köln gegen Mitternacht, denn wir schrieben tagein, tagaus Plattenrezensionen, also Rezis, wie man jetzt sagte, und hätten gar nicht dort sein dürfen. Denn die Popkomm, mehr noch Gornys Preis, waren natürlich für Menschen da, die jemanden kennen, der jemanden kennt, der einen mit Karten kennt. Und Leute, die jemanden kennen, der jemanden kennt, der noch Schallplatten hört.

Nachts aber sitzen die Männer auf ihren Zimmern und schwadronieren besoffen davon, wie geil damals der Rock’n’Roll war, bevor sie ihn selbst übernommen haben.

Arne Willander, 33, ist Redakteur beim “Rolling Stone” in München.