Sie hatten einen Plan, und der war verdammt gut. Lange haben sie daran gesessen und ihre Träume zu Papier gebracht, geredet und diskutiert, ausgebessert und gefeilt – und jetzt war er so gut wie perfekt. Die Zeit, die sie damit verbrachten, tat ihnen nicht leid, im Gegenteil – wenn Die Raketen die erste Band sein soll, die auf dem Mond spielt, ist Zeit nicht das wichtigste, so etwas will schliesslich durchdacht sein. Und ausserdem: wenn es kein Risiko wert ist, die erste Band auf dem Mond zu sein – was dann?

Dass die Raumgleiter eigentlich immer erstaunlich schlecht bewacht waren, hatten Mickey Due Champ, Sandokan und Janni Gagarin ziemlich schnell mitbekommen. Was die drei nicht wussten: Ausgerechnet an diesem Abend hatte Zoran Dienst, und Zoran galt als der beste Wächter von allen. Im Zentrum nannten sie ihn “Das Auge” – ihm entging nichts, nicht einmal eine Maus hätte ungesehen zu den Raumgleitern gelangt. Für ihn war es auch eine Frage der Ehre, dass er die Sternenfahrzeuge rund um die Uhr im Auge behielt. Schliesslich ging es hier nicht nur um eine Frage der nationalen Sicherheit, es war auch etwas persönliches. Er hatte einen verdammten Job zu machen. Vor allem konnte er es nicht zulassen, dass Unbefugte wie Die Raketen sich auch nur im Ansatz den Raumgleitern nähern.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Mickey Due Champ, Sandokan und Janni Gagarin geschnappt wurden. Zoran hatte ihnen den Plan gründlich vermasselt. Als sie im Vernehmungszimmer Z3 des Ostflügels für interstellare Angelegenheiten auf die Abordnung der obersten Stabsstelle warteten, hing jeder der drei seinen Gedanken nach. Vor der Tür standen die Bewachungsroboter, drinnen sassen sie. Sogar die Zigaretten hatte man ihnen abgenommen.

Im brandenburgischen fing alles an, damals, in Kummersdorf West, als sie im “Verein für Raumfahrt” Blut leckten und von fernen Sternen und Galaxien träumten. Schliesslich hatte an gleicher Stelle Wernher von Braun schon vor siebzig Jahren Experimente mit Flüssigtreibstoffraketen gemacht. Ein wegweisender Mann war das, dachte Mickey, auch wenn er sich vor den Karren der Nazis hat spannen lassen. Aber ohne ihn gäbe es die Raumgleiter da draussen nicht, und ohne die Raumgleiter hätten die drei keine Träume…

Die Träume von fernen Galaxien, von unerreichter Musik, von neuen Tönen und vielleicht auch kreischenden Mädchen – ein gemeinsamer Nenner war schnell gefunden, als sich die drei auf einer Technoparty auf dem ehemaligen Todesstreifen kennen lernten. Geboren, um zu leben, gestatten, wir sind die Raketen… Dort geboren, wo zwischen Kreuzberg und Treptow der Wachturm steht. Man wollte dasselbe, und das ging nur, in dem man eine Band gründete. Zuvor wollten sie schon in Florida in Cape Canaveral ein Shuttle klauen. Doch ihr Plan war nicht ausgebufft genug – er ging gründlich schief. Zu schnell zu viel wollen führt nicht in die Höhe, sondern in den Abgrund.

Jahre vergingen. Dann kam die Zeit, wo alle nur dachten, verdammt, wie heisst bloss diese coole Band, die dieses brandheisse Lied fabriziert hat? “Tokyo Tokyo (“ey Mädchen)” war wirklich auf jeder Party zu hören, auf jedem Plattenteller zu finden und damit in aller Munde und hat die staubigen Strassen der Stadt erträglicher gemacht. Keiner wusste, dass sie dahinter stecken würden, dass der Song nur Teil ihres ausgeklügelten Plans war. Der Run auf den Song wurde jedoch zu gross, um weiter im verborgenen zu agieren. So wurde ihr name zum Symbol – zum Symbol, eines Tages die erde aus der luft zu erobern, aus dem Weltraum. Unendliche Weiten, die auf Die Raketen warten.

Das war schick, dachte Janni Gagarin, während er seinen Atem auf die Glasscheibe hauchte und kyrillische Buchstaben hineinmalte. Ein kluger Schachzug von uns, denn immerhin konnten wir uns mit einem Namen tarnen, der unserem Wesen entsprach und, entfernt zumindest, die Liebe zu fremden Planeten ausdrückte. Mit jeder Veröffentlichung wuchs die Nachfrage, die drei schienen das getroffen zu haben, was alle den Nerv der Zeit nannten. Sie wuchsen über sich hinaus, es folgte “I like Plastique”, wieder so ein Hammer, mit dem niemand rechnete. Remixe von Kid Alex, Tobi Neumann und Paul Kalkbrenner waren die Folge.

Und jetzt? Es gab kein Zurück, dachte Sandokan, und schaute sich in dem kargen Raum um. Nur drei Vernehmungspritschen standen darin, mit langen Lederriemen zum festschnallen. Die Aussichten waren trüb. Was wird sie erwarten? Warum war das Schicksal so ungerecht zu ihnen? Hatten sie nicht alles getan? Das erste Album war fertig, sie nannten es “Ahoi”, weil das freundlich klang. Nicht nur hier unten, auf der Erde. Auch da oben, im Weltraum. Die Party auf dem Mond sollte eine Party des Friedens werden, alle Menschen werden Brüder, da unten, hier oben, überall… Und Die Raketen wären die Heilsbringer.

Gute Songs haben sie sich einfallen lassen für ihr Debüt. Und Berlin? Das war schon lange zu klein geworden, jeder kannte sie hier, sie mussten da raus – und es schien nur diese Lösung hier zu geben. Der Plan war doch genial! Was aber würde jetzt mit ihnen und mit ihrem Baby, mit “Ahoi” geschehen? Sollte das Dutzend Songs dem Untergang geweiht sein? Würde jemals jemand zu “So Fuckin’ Yeah” tanzen? Würde irgendjemand jemals eine Träne zu “Ruf An” vergiessen können? Oder lachen, wenn “Mach mit” ertönt? “Das darf nicht sein”, dachte Mickey Due Champ. “Wir, eine Band der Zukunft. Mädchen sollen weinen, wenn sie uns sehen. Wir sind doch eine Mädchenband, geboren, um Herzen zu brechen. Das kann doch nicht alles gewesen sein.”

Die Zukunft war ungewiss – genau so wie damals, als alle versuchten, einen Namen für ihre Musik zu finden. Von Eletronic Country Rock war die Rede, von Sixties Wave´n´Roll, von Electroclash, sogar von Unhistoric Rock. Alles Blödsinn, aber auch wahr, von allem steckte was drin, es gab keine Erklärung, “Ahoi” war zu bahnbrechend, zu gut und zu wegweisend, als dass man es mit einem simplen musikalischen Fachausdruck betiteln könnte. Ländliche Volksmusik, gepaart mit Rock. Wer kann das schon mit Sinn und Verstand spielen und dabei noch so gut aussehen wie Die Raketen?

Sollte das alles verloren sein? Sie mussten raus hier, mussten der Welt und der interplanetaren Gemeinschaft zeigen, dass es sie gab. Die Raketen – gefangen in Z3, aufgehalten von einer Macht, die nicht die ihre war. Plötzlich ging die Tür auf, die Bewachungsroboter traten zur Seite, und Zoran, der Wächter, betrat den Raum. Mickey Due Champ, Sandokan und Janni Gagarin drehten sich zu ihm um und strichen ihre schwarzen Anzüge glatt. “Ich kenne euch nicht, ihr drei seid mir fremd”, begann Zoran und schaute auf den Boden. “Aber ihr habt Mut bewiesen. Ihr habt eine Mission, das fühle ich. Ihr seid wie Auserwählte, gekommen, um einen Plan, den ich nicht kenne, zu verwirklichen. Ich wünschte, ich wäre wie ihr. Mutig, voller Kraft und Energie, mit Visionen.” Er stockte. “Ich werde jetzt wieder gehen”, sagte Zoran, “aber ich lasse die Türe unverschlossen. Die Roboter kommen mit mir. Geht zum Raumgleiter A5 an Startbasis RAK-1 – ich wünsche euch viel Glück, bei allem, was ihr tut. Ihr habt Erfolg, ich weiss es.” Zoran hielt inne, dann drehte er sich noch einmal um. “Alles Gute.”
Es dauerte keine 15 Minuten, als Mickey Due Champ, Sandokan und Janni Gagarin im A5 sassen. Mit traumwandlerischer Sicherheit blockierten sie die elektronische Wegfliegsperre, liessen den Energieregler an, pendelten den Kreisel zur Flugstabilisierung aus und gaben Schub. Handgriffe, die sie schon tausendmal bis in ihre Träume durchgeführt haben. Niemand konnte sie jetzt mehr aufhalten, selbst für die Abfangjäger der schnellen interstellaren Flotte waren sie jetzt unerreichbar. Die Raketen sind gestartet, Rock´n´Roll ist der Treibstoff in ihren Tanks, und es gibt kein zurück. “Ahoi” klingt laut durch die Raumkapsel, als Soundtrack einer neuen, einer wunderbaren, neuen Zeit. Der Mond und die Mädchen können kommen.
Schau in den Himmel, und du wirst sie sehen.
Schau in dein Herz, und du wirst sie fühlen.
Schau in deine Seele, und du wirst sie spüren.
Deine Seele tanzt.
Die Raketen werden bei dir sein.

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