Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass Tom Cruise in Deutschland einen Bambi überreicht bekam. Wofür genau er den damals verdient hatte war – wie immer beim Bambi – nicht ganz klar, aber es wurde verkündet, man würde damit seinen Mut auszeichnen. Worin genau der lag? Gute Frage… Vermutlich gehört einfach Mumm dazu, nach Berlin zu kommen, in die Rolle eines deutschen Nationalhelden zu schlüpfen und alle Scientology- und „Let Katie free“-Vorwürfe knallhart wegzugrinsen.

“Operation Walküre”

Nun kehrte der Mann, der Stauffenberg wurde, wieder zurück in die deutsche Hauptstadt – mit Katie, aber ohne Reh – denn der damals schon bei der Bambi-Verleihung promotete Film läuft nun auch hier in den Kinos an. Und siehe da: es braucht keinen Mut, sich „Operation Walküre“ anzugucken. Im Gegenteil ist der Film ziemlich gelungen, ein spannender Thriller, historisch überwiegend korrekt und ganz ohne die befürchtete aufdringliche Emotionalität Holllywoods inszeniert.

“Der fremde Sohn”

Der Mut ist dieser Tage im Kino trotzdem allgegenwärtig, etwa in Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“, in dem sich Angelina Jolie mit aller Macht und dem Mut der Verzweiflung dagegen wehrt, einen fremden Jungen als eigenes Kind untergeschoben zu bekommen. Doch auch ihrem Regisseur darf man die Courage nicht absprechen. Dieser Tage einen Film mit der vielleicht meist fotografierten Frau der Welt zu besetzen, ist sicherlich mutig, wenn man mehr sucht als Promi-Glamour. Aber Eastwood weiß was er tut – und die weibliche Brangelina-Hälfte macht ihre Sache ausgesprochen überzeugend.

“Bolt”
Den Mut erst lernen muss dagegen „Bolt“, ein kleiner verwöhnter Hundestar, also so etwas wie der Brad Pitt unter den Vierbeiner. In diesem konventionellen, aber amüsanten Animationsfilm weiß der Köter nicht, dass er nur für die Kameras einer TV-Serie ein Hund mit übernatürlichen Fähigkeiten ist. Der Schock ist also groß, als er aus seiner Umgebung gerissen wird und plötzlich ein ganz normaler Kläffer ist. Doch zum Glück gibt es ja streunende Katzen und Hamster in Plastikkugeln, die einem beibringen, wie man selbstbewusst und mutig durchs Leben toben kann.

“Das Gesetz der Ehre”
Eher Stolz und Ehre als echter Mut werden in „Das Gesetz der Ehre“ hoch gehalten, in dem Edward Norton und der frisch gebackene Golden Globe-Gewinner Colin Farrell als verschwägerte Raubeine im Polizeidienst zu sehen sind. Letztlich aber sind die Themen dieses souveränen Copthrillers mit albern-brutalem Finale eher Betrug und Feigheit, doch das ahnen alle Beteiligten viel zu spät.

“Alles für meinen Vater”
Ob dagegen Tareks Plan eher unter „mutig“ oder „feige“ einzuordnen ist, erweist sich als wesentlich komplexere Frage. Der Palästinenser will sich in „Alles für meinen Vater“ eigentlich in Israel in die Luft sprengen. Dann allerdings geht der Zünder kaputt, der Sabbat verhindert zwei Tage lang eine Reparatur und alles kommt ganz anders als geplant, inklusive der Liebe. Ein Selbstmordattentäter-Feelgood-Movie also, womit der israelische Regisseur Dror Zahavi auf jeden Fall eine gute Portion Wagemut beweist.

“Man On Wire”
Eher zwischen Übermut und Wahnsinn anzusiedeln ist derweil das Verhalten des Franzosen Philippe Petit, der 1974 ein Drahtseil zwischen den Türmen des World Trade Centers spannte und eine Stunde lang darauf herumbalancierte. Spannend wie ein Bankraubkrimi, zusammengesetzt aus Archivaufnahmen, Spielszenen sowie Interviews und komplexer als manch kluger Spielfilm erinnert sich „Man On Wire“ an diese waghalsige Aktion – und gilt damit prompt als Favorit auf den Oscar für den Besten Dokumentarfilm.

„Lulu und Jimi“
Womit wir dann auch schon bei „Lulu und Jimi“ wären. Wegen des Oscars – oder besser: Oskars – und natürlich auch wegen der Waghalsigkeit. Der bonbonfarbene Fifties-Lovestory-Kitsch ist nämlich der neue Film von Oskar Roehler, der nicht ganz zu unrecht als einer der abwechslungsreichsten und mutigsten Regisseure des deutschen Kinos gilt. Diese Hommage an David Lynch ist ihm zwar auf groteske Weise misslungen, aber das macht nichts. Immerhin traut sich der Mann was! Und schließlich gibt’s für Mut nicht immer gleich einen Bambi.

Patrick Heidmann