Frank Spilker und Thomas Wenzel von den Sternen über die “Friss-oder-stirb-Methode”, altmodisches Musikverständnis und demokratische Bandentscheidungen.

Es muss ein “Riss” durch Deutschland gehen. Und dieser kommt als EP von der Hamburger Band Die Sterne. Doch der Riss ging, bevor sie ihn verbreiten konnten, durch die Band selbst, als der langjährigen Keyboarder Richard von der Schulenburg die Band Mitte des Jahres verließ. Er wollte die neue, elektronischere Ausrichtung nicht mittragen, die die Sterne mit ihrem neuen Produzenten Mathias Modica entwickelten. Im Interview zum Tourauftakt wirken Frontmann Frank Spilker und Bassist Thomas Wenzel allerdings sehr aufgeräumt und sprechen offen über die Trennung und ihre neuen Stücke.


motor.de: Ihr seid als Band schon ziemlich lange unterwegs. Seid ihr trotzdem noch nervös vor einer Tour oder ist das in gewissem Maße schon Routine?

Spilker: Wir haben eine neue Platte, die wir noch nicht oder nur ganz wenig ausprobiert haben. Wir sind mit einem anderen Keyboarder unterwegs. Es gibt also genug Gründe, nervös zu sein. Ich muss auch immer kucken, wo ich meinen Textzettel habe. Da kannst du jeden noch so abgehangenen Schauspieler fragen, ein gewisses Lampenfieber ist immer vorhanden. Die Sterne gibt es seit 17 Jahren, haben wir vor kurzem ausgerechnet. Im Gegensatz zur ersten Tour, bei der man noch nicht wusste, was auf einen zukommt, gibt es jetzt schon eine andere Sicherheit. Ich weiß, dass es nicht komplett scheitern wird.

motor.de: Du meintest, ihr habt das neue Material schon ein wenig ausprobiert. Wo war das
?

Spilker:
Wir haben es auf dem Immergut-Festival getestet.

Wenzel: Wir spielten ein paar Konzerte auf Festivals und zumindest die Stücke, die jetzt auf der Maxi erschienen sind, haben wir schon live ausprobiert. Nicht alle gleichzeitig, aber nach und nach.

Spilker:
Aber es gab ein Problem mit den beiden Keyboards. Wir hatten immer nur eins. Jetzt ist es das erste Mal, dass wir alle Maxi-Stücke im richtigen Sound spielen.

motor.de: Habt ihr durch die Publikumsreaktion entschieden, welche Stücke auf die Platte kommen?

Spilker:
So arbeiten wir nicht. Wir arbeiten mehr nach der “Friss-oder-stirb-Methode”. Vielleicht höchstens in dem Sinne, dass man einen Teil kürzt. Aber wir müssen auch ausstrahlen, dass wir das neue Material gut finden.

motor.de: “Der Riss” ist relativ elektronisch im Gegensatz zu Sachen, die man sonst von den Sternen kennt. Wieso habt ihr euch entschlossen, in diese Richtung zu gehen?

Wenzel: Das sind Hörgewohnheiten, die sich geändert haben. Wenn man viel Musik hört, die so arbeitet, kommt man selbst automatisch dazu. Ich weiß auch nicht, ob das jetzt soviel elektronischer ist als die älteren Sachen. Das würde ich gar nicht sagen. Trotzdem hat man sich an manche Sachen einfach gewöhnt.

Spilker: Als erstes haben wir ein Echogerät gekauft und mit ihm Arrangements gemacht. Also Echo auf dem Gesang. Dadurch hat sich ergeben, dass quasi alle Stücke doppelt so lang wurden. Das ist mathematisch logisch…

Wenzel:
Entschuldige, dass ich dich unterbreche, aber wir haben tatsächlich vor dem Echogerät beschlossen, dass es lange Stücke werden. Du willst nämlich darauf hinaus, dass die Pausen, die jetzt länger sind, weil das Echo wirkt…

Spilker: Nein, will ich gar nicht.

Wenzel:
Sondern?

Spilker:
Dass diese Tracklogik bedeutet – was sich erst später mit Mathias Modica herausgestellt hat – dass Stücke doppelt so lang sind. Dass man also ein anderes Empfinden für Geschwindigkeit hat auf dem Dancefloor im Vergleich zum Radio, oder was man so als Indierock-Band kennt. Der Drei-Minuten-Song hat eine andere Logik als der Track, der sechs, sieben Minuten lang ist. Dass Echogerät hat tatsächlich für mich, so wie ich Texte setze, auch diese Bedeutung. Es ist selten mal so schnell erzählt, es ist immer eine Bremse drin.

motor.de: Habt ihr also mit den längeren Stücken mehr auf den Elektro-Hörer abgezielt?


Wenzel: Wir haben das auch schon auf den ersten Platten immer gemacht, dieses endlose Wiederholen einer Phrase – zumindest, was Bass und Schlagzeug angeht. Von daher ist es jetzt nicht so neu, wie überall getan wird. Aus meiner Sicht zumindest.

Spilker: Es wird auch gerne gesagt, dass es elektronisch ist, weil wir Keyboards statt Gitarren benutzt haben. Und wir haben uns eher auf eine Tracklogik als auf eine Songlogik konzentriert. Das sind die beiden Sachen, die sich verändert haben.

Wenzel: Was sich noch zur jüngeren Vergangenheit geändert hat: mit Mathias hatten wir einen “künstlerischen” Produzenten dabei. Er hatte nicht soviel mit dem Aufnahmeprozess zu tun. Sonst war die Produzentenrolle bei uns eher das “gute Aufnehmen” oder auch “Modern-Klingen-Lassen”. Mathias hat sich eher auf Flächen oder Akkorde konzentriert, also musikalisch-künstlerisch seinen Senf dazu beigetragen. Das fand ich relativ neu, dass jemand von außen drauf sieht und auch ohne Eitelkeit etwas dazu sagt.

Spilker: Produzent ist auch ein ganz schwammiger Begriff. Wenn ich zurückdenke, waren die meisten unserer Produzenten eher Techniker. Mathias war mehr ein zusätzlicher Musiker.

Wenzel: Oder eher zurückhaltender, könnte man positiv formulieren. Also Leute, die sich zurückhalten und künstlerisch kaum etwas sagen, sondern nur dafür sorgen, dass es gut aufgenommen ist. Oder nur ihre Meinung äußern, wenn man sie fragt. Mathias ist in dieser Hinsicht ganz anders und wollte immer gleich eingreifen. Und wir wollten das auch.

motor.de: Also wolltet ihr von Anfang an diesen Outsider-Input, oder hat sich das erst ergeben, als ihr bei Mathias Modicas Label Gomma unterschrieben habt?

Spilker: Ehrlich gesagt wussten wir nicht genau, wie er arbeitet. Wir haben uns verabredet und geschaut, was geht. Die Gemeinsamkeit lag erst einmal im Geschmacklichen. Die Sachen die bei Gomma herauskamen – besonders die, an denen Mathias beteiligt war – haben uns sehr gut gefallen. Deshalb konnten wir uns eine Zusammenarbeit vorstellen. Was er genau machen würde, wussten wir nicht, das hat sich im Laufe der Arbeit herausgestellt.

motor.de: Ihr habt euch ganz bewusst für Gomma entschieden?

Spilker: Wir haben uns zuerst für Mathias als Produzenten entschieden. Wir waren zu der Zeit in Verhandlung mit einer anderen Plattenfirma und hatten immer die Idee dieser Maxi. Die andere Plattenfirma wollte sich aber nicht entscheiden, diese zu veröffentlichen. Das hat uns zu lang gedauert, und wir haben schließlich beschlossen, es direkt bei Gomma zu machen.

motor.de: Du meintest, ihr habt die Gitarren durch Keyboards ersetzt. Das wäre eigentlich eine Vorlage für Richard von der Schulenburg gewesen. Wieso wollte er trotzdem nicht mehr mitmachen?

Spilker: Weil es nicht seine Keyboards waren. [lacht] Wir sind mit Richard an einen bestimmten Punkt gekommen mit den Stücken, an dem sich der Produzent eingeschaltet hat, wir vor einem Ergebnis standen und darauf reagieren mussten. Die Reaktion war so, dass drei Leute gesagt haben “Wow, das ist total klasse” und einer gesagt hat “Nein, genau das nicht”. Da haben wir gemerkt, dass sehr unterschiedliche Vorstellungen existieren. Wir mussten uns letztendlich entscheiden, einen Kompromiss einzugehen, der bedeutet etwas zu machen, was schon einmal da war: ein Album zu machen, das klingt wie “Räuber und Gedärm” oder zu sagen, wenn wir nicht weiterkommen, müssen wir uns trennen. Dafür haben wir uns entschieden, weil wir es auch künstlerisch interessanter fanden.

motor.de: Es war also eine demokratische Entscheidung.


Spilker:
Ja, eigentlich schon. Richard ist relativ dickköpfig [lacht] und hat gesagt: “So nicht!” Dann haben wir ihm mitgeteilt, dass wir es ohne ihn machen.

motor.de: Bei “Nach fest kommt lose” heißt es: “Wir sind hier weg, wir sind befreit, ein neuer Tag, wir sind bereit.” Ist das dieser Neuanfang, der sich darin widerspiegelt?

Spilker: Das hätte man so nicht vorausahnen können, denn die Stücke sind schon fertig gewesen, als sich die Trennung vollzog. Es war eher so, dass wir sie musikalisch ausgewählt haben. Mathias Modica hat sich aus unserem Katalog von Entwürfen die Stücke herausgesucht, die ihm am besten gefielen und die am besten zusammenpassten. Das fanden wir relativ logisch in der Zusammenarbeit, dass er die Sachen auswählt, mit denen er am meisten anfangen kann. Dann haben wir angefangen zu arbeiten und ich habe gemerkt, dass es einen thematischen Zusammenhang in den Texten gibt, der Mathias vielleicht gar nicht bewusst war. Das habe ich versucht, mit dieser Titelzeile zusammenzufassen. Es geht um Brüche. Risse.

motor.de: Du hast zur EP gesagt, dass ihr ein Stück Modernisierung betreiben würdet. Betreibt ihr eine Modernisierung der Sterne oder der Musik an sich?

Spilker: [zögert] Wenn, dann müsste es ja beides sein, wenn man die Musik an sich modernisiert. Ich weiß nicht, ob man sich selbst anmaßen kann, dieses Etikett umzuhängen. Aber natürlich suchen wir – und das macht jede gute Band – nach Wegen, die nicht ganz so ausgelatscht sind. Was mich stört an Bands und speziell deutschsprachigen Bands, ist die Haltung von Desinteresse gegenüber dem internationalen Markt, weil man sich damit von der internationalen Szene entkoppelt. So kann man es sich sehr leicht machen. Die Sterne machen es sich aber relativ schwer – obwohl wir nur im deutschsprachigen Raum wirklich Verkäufe erzielen können –, indem wir die Konkurrenz auf internationalem Niveau denken. Weil es sonst auch keinen Spaß machen würde.

motor.de: Es gibt schon länger den Trend, dass Indie-Bands die Gitarren zurückschrauben und mehr auf Keyboards und Beats setzen. Könnte deshalb an euch der Vorwurf kommen, ihr würdet dem Trend nur hinterher laufen?

Spilker: Ich glaube, dafür musst du erst das Album abwarten, um sagen zu können, ob es überhaupt so ist. Ich finde es altmodisch vorauszusetzen, dass Keyboards moderner als Gitarren sind. Dann wären wir wieder bei “digital ist besser”. Das ist ja nicht der Fall. Für mich interessante elektronische Projekte klingen immer akustischer. Wenngleich auf dem Laptop komponiert, klingen sie wie eine Band. Es gibt dabei interessante Mischformen wie WhoMadeWho, die auch bei Gomma herauskommen, bei denen komplette Elektronik am Start ist, ohne dass du das bei Live-Konzerten überhaupt merkst. Was einen ganz komischen Verfremdungseffekt hat. So gesehen finde ich den Vorwurf, ihr seid elektronisch oder Gitarre, völlig altmodisch. Das ist nicht das, worum es geht zurzeit. Das ist auch das Statement des Albums – obwohl wir nicht WhoMadeWho sind. Uns ist es nicht so wichtig, dass wir jetzt Keyboards benutzen, das hat sich durch die Zusammenarbeit mit Modica ergeben.

motor.de: Stichwort Album: Habt ihr schon alle Tracks fertig? Kann man schon sagen, in welche Richtung es geht?


Spilker:
Track ist ein gutes Stichwort. Es hat eine Tracklogik, aber nicht unbedingt in diesem Discosinn. Natürlich ist uns bewusst, dass wir jetzt das Gerücht in die Welt setzen, eine Neodisco-Band zu sein. Aber das sind wir nicht, wir verfolgen mehrere Stränge, in denen diese Logik umsetzbar ist. Ein gutes Beispiel ist unser Beitrag zum aktuellen Rolling-Stones-Sampler, “Schwein And The Family Stone”, der komplett mit Gitarren funktioniert, aber eine ähnliche Logik hat. Es klingt ein bisschen nach Can. Und 10cc. Wir haben Krautrock, wir haben Doors,… Mehrere Variationen von Disco, auf jeden Fall aber auch Gitarren. Es wird ein buntes Album in bunten Farben.

motor.de: Viele Fans feiern vor allem auf ältere Stücke wie “Trrrmer” ab. Seht ihr das nur als Bedienen der Erwartungshaltung oder spielt ihr sie wirklich noch gerne
?

Spilker:
Das Verrückte ist, dass dem nicht unbedingt so ist – weil es uns schon so lange gibt. Es gibt schon eine zweite und dritte Generation Sterne-Fans. Wir haben bei der letzten Tour das Gefühl gehabt, dass ganz viele Leute das letzte Album gekauft haben, das ganz toll finden und den alten Kram gar nicht kennen. Natürlich ist ein großer Teil des Publikums älter, hat die 1990er Jahre mitverfolgt, aber nicht alle. Und deshalb stimmt das so auch nicht. Für uns ist das eine Gratwanderung, weil man sich auch selbst zum Verwalter seiner eigenen Geschichte machen kann. Andererseits will ich auch nicht aufhören, Hits wie “…ruiniert” zu spielen, weil es einfach ein Klassiker ist. Ich habe kein Problem damit.

Eric Bauer