Bereits seit Monate redet alles von den Arctic Monkeys aus Sheffield. Nun gibt es in Form des Debüts “Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not” endlich was zu hören. Wir unterzogen die heißeste Band der Saison im Interview mit Matt Helders (Drums) und Andy Nicholson (Bass) einem Qualitätscheck.

Ihr habt vor einigen Wochen im Berliner Mudd Club gespielt. Das Publikum war völlig außer Rand und Band und hat sämtliche Songs mitgesungen – obwohl offiziell bislang kaum etwas von euch in den Läden steht. Hat euch das sehr überrascht?
Matt: Es war sehr überraschend dafür, dass es nicht in England war. Dort haben wir uns schon fast an solche Reaktionen gewöhnt. Natürlich bestand das Publikum zu einem nicht unerheblichen Teil aus Engländern, aber ein paar Einheimische waren wohl auch da.

Das Verhältnis war ungefähr 50 zu 50. Ich sprach mit Jemandem, der extra für die Show aus Manchester angereist war.
Andy: So was ist unglaublich, cool!

Es scheint die normale Reaktion in diesen Tagen zu sein, dass, wo immer ihr auch spielt, die Leute total ausflippen und alle Songs mitsingen.
Matt: Ja, es sieht so aus. Das ist unglaublich. Natürlich sind, wie schon gesagt, bei all diesen Shows immer eine Menge Engländer. Auch bei den Konzerten, die wir jetzt in Japan und den USA gespielt haben. New York war cool, dort waren eine Menge Berühmtheiten, nur um uns zu sehen.

Lebt ihr auf der Tour eure Träume von einem typischen Rockstar-Leben aus?
Andy: Nein, es gibt nichts Typisches bei uns in dieser Richtung. Wir sind ganz normale Kids.

Also wächst in euren Reihen kein neuer Pete Doherty nach?
Matt: Auf keinen Fall!

Ihr seid eine der ersten Bands, die konsequent die Möglichkeiten des Internets für sich nutzt. Eure Songs standen bereits seit Monaten zum Download auf der Website bereit und erfuhren von dort aus eine gigantische Verbreitung, ehe auf diese Weise Plattenfirmen auf euch aufmerksam wurden. Denkt ihr, dass die traditionellen Vertriebswege, physische Tonträger und auch die Plattenfirmen eines Tages ausgedient haben?
Matt: Nein, das glaube ich nicht. Eine Menge von dem Kram, den wir selbst produziert haben, ist nicht mehr als Internet-Musik. Das sind einfach nur Demos, mit denen wir uns vorstellen wollten. Nichts davon würden wir wirklich veröffentlichen. Für die aktuelle Albumveröffentlichung haben wir natürlich alles noch einmal aufgenommen. Es hätte sich nicht richtig angefühlt, nur die Demos zu verwenden.

Habt ihr denn darüber nachgedacht, die Platte auf eigene Faust rauszubringen?
Matt: Schon. Wir haben eine limitierte Single selbst gemacht und die war auch sehr erfolgreich. Allein die Vorbestellungen haben bei weitem die Auflage übertroffen. Aber das war auch eine Menge Arbeit und ohne unser Management hätten wir das nicht geschafft. Für eine Sache wie unsere braucht man erfahrene Partner, die wissen, was sie tun und auf bestehende Strukturen zurückgreifen können. Wir selber wollen uns ganz auf die Musik konzentrieren.

Und wie hat es sich angefühlt all die Songs nun noch einmal unter, sagen wir: normalen Bedingungen aufzunehmen?
Matt: Das war eine gute Erfahrung. Wir hatten ja noch nicht so viel Studio-Erfahrung, aber dafür ist es sehr gut gelaufen. Nach drei Wochen waren wir fertig. Wir haben durchgehend gearbeitet und schliefen sogar im Studio. Produziert hat Jim Abyss, er hat schon mit The Music, Kasabian und DJ Shaddow gearbeitet.

Hat er versucht, Einfluss auf das Songwriting zu nehmen?
Matt: Nein, alles stand bereits vorher fest. Er hat uns nur dabei geholfen den Aufnahmen den richtigen Vibe und Sound zu verpassen.

Wie du schon sagtest, habt ihr alle Songs noch einmal neu aufgenommen. Geändert habt ihr dabei im Vergleich zu den im Netz kursierenden Versionen freilich nicht besonders viel, oder?
Matt: Nein, wir wollten nur einen anderen, einheitlichen Sound hinkriegen. Mit den Arrangements waren wir vorher bereits zufrieden.

Nur bei “Mardy Bum” setzt nun der Gesang nicht gleich in der zweiten Strophe ein sondern wie am Anfang kommt erst einen Takt lang das Gitarrenthema.
Andy: Das haben wir allerdings jetzt schon wieder zurück geändert, da uns die alte Version besser gefiel. Als wir in München gespielt haben, gingen wir dort ins Studio und nahmen eine neue alte Version auf. (lacht)

Seid ihr denn nun mit der Platte und ihrem Klang zufrieden?
Andy: Ja, sogar sehr.

Ich finde ja, dass die Aufnahmen im Vergleich zu den Demos ein bisschen von ihrem ungestümen Charme verloren haben. Zudem ist mir der Gitarrensound zu unorganisch.
Matt: Das sagen viele Leute. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Leute sich schon so an die Demos gewöhnt haben. Angesichts der unglaublichen Verbreitung und Beliebtheit dieser alten Aufnahmen können wir mit der Platte sowieso schwer noch einen drauf setzen. Wir betrachten die Platte aber trotzdem als einen Schritt nach vorne und sind sehr zufrieden.

Gab es noch andere Angebote außer dem von ‘Domino’?
Matt: Jede Menge. ‘Domino’ waren sogar die letzten. Die Leute, die dort arbeiten haben letztlich den Ausschlag gegeben. Weil wir den Eindruck hatten, dass sie uns wirklich mögen und eine Menge für ihre Bands tun. Geld spielte bei dieser Entscheidung keine Rolle – da gab es bessere Angebote. Wir wollten auf jeden Fall zu einem Indie-Label mit einem guten Katalog, beides war hier der Fall.

Habt ihr denn eure Labelmates Franz Ferdinand schon getroffen?
Andy: Nein, wir treffen sie nächste Woche zum ersten Mal, spielen einige Konzerte zusammen mit ihnen. Wir sind keine großen Fans, akzeptieren sie aber.

Ihr seid alle noch unter 20 und seid von der jüngsten Entwicklung, die die Band genommen hat, sicher auch ein bisschen überrollt worden. Habt ihr manchmal auch Angst, Teile eures alten Lebens unwiderruflich zu verlieren?
Matt: Schon ein bisschen. Wir versuchen, die Kontrolle über alles zu behalten, uns mit den richtigen Leuten zu umgeben. So wollen wir gewährleisten glücklich zu bleiben, uns unsere Jugend zu erhalten und weiterhin machen zu können was WIR wollen.

Am Anfang des “I Bet You Look Good On The Dancefloor”- Videos sagt euer Sänger Alex Turner “don’t believe the hype”. Wie Ernst ist es euch mit so einem Spruch?
Matt: Das meinen wir absolut ernst. Wir wollen schließlich nicht, dass die Leute und respektieren, weil der NME ihnen das vorkaut, sondern weil sie die Musik wirklich mögen. Wir haben lange, bevor die Presse auf uns aufmerksam wurde, eine Menge Leute mit unseren Songs glücklich gemacht, ohne irgendeinen Hype, und so soll das auch bleiben.

An Superlativen die Arctic Monkeys betreffend herrscht derzeit wahrlich kein Mangel. Alex Turner wurde jüngst gar zum coolsten Mann des Planeten gewählt. Was denkt man, wenn man als 19-Jähriger liest, man sei besser als Oasis?
Andy: Wir finden das witzig, nehmen es aber natürlich nicht ernst. Ändern können wir daran ja sowieso nichts. Man muss die komische Seite daran sehen.

Nehmt ihr die Kraft mit diesen Dingen so nüchtern umzugehen auch aus der Tatsache, dass ihr alle aus intakten Familien kommt und einander bereits seit der Kindheit kennt?
Matt: Auf jeden Fall. Unsere Eltern haben uns alle immer vorbildlich unterstützt. Wir alle sind gemeinsam aufgewachsen, waren gemeinsam in der Schule und all diese Dinge. Wir kannten uns also lange bevor wir die Band gegründet haben und wussten genau, worauf wir uns miteinander einlassen.

Habt ihr die Schule denn abgeschlossen?
Matt: Ja, wir starteten die Arctic Monkeys direkt nach dem High School-Abschluss mit 16. Alex und ich waren sogar noch zwei Jahre auf dem College bevor wir uns entschieden, auf Vollzeitbasis Musik zu machen.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Alex überhaupt erst vor drei Jahren angefangen hat Gitarre zu spielen…
Matt: Das stimmt und kurz danach bekam ich mein erstes Schlagzeug.

Dann müsst ihr ein gigantisches Talent haben!
Matt: Ach wo, das ist alles Übungssache. Wir haben in den letzten Jahren praktisch nichts anderes gemacht als von morgens bis abends zu proben.

Ist Sheffield ein guter Ort zum Aufwachsen?
Matt: Sheffield ist weder besonders toll noch ganz schlimm. Nicht gerade eine Touristenattraktion, man muss wohl dort geboren sein, um die Stadt zu mögen. Wir fühlen uns dort wohl. Es ist die viertgrößte Stadt in England, es gibt eine Menge zu tun.

Zumindest hattet ihr dort wohl früher eine Menge Ärger mit Türstehern, wenn man der entsprechenden Textzeile in “From The Ritz To The Rubble” Glauben schenken darf…
Andy: Ja, das stimmt. Als wir jünger waren hatten wir da eine Menge Probleme und sogar jetzt kommt es bisweilen vor, dass wir irgendwo nicht rein kommen. Aber dann missbrauchen wir einfach unsere Position, die wir mittlerweile haben. Nein, das war ein Witz.

Gibt es denn gute Clubs in Sheffield?
Matt: Ja, sie sind zwar für jemanden von außerhalb nicht so leicht zu finden, aber ein paar interessante Sachen sind auf jeden Fall dabei.

Was sind die wichtigsten musikalischen Einflüsse für euch?
Andy: Ich denke vor allem Oasis und The Coral.
Matt: Als wir in der Schule waren, sind wir verschiedene Phasen durchlaufen. Doch selbst wenn wir auf HipHop standen, hörten wir immer auch Oasis. Diese Band hat uns all die Jahre begleitet.

Es scheint, als wären Oasis für viele dieser neuen britischen Bands eine Art Initialzündung gewesen…
Matt: Ja, sie sind sehr wichtig.

Bei euch höre ich aber auch einen Soul-Einfluss heraus. Außerdem klingt vieles wie ein Destillat der letzten 40 Jahre britischer Gitarrentradition, auch Bands wie The Who klingen an.
Matt: All diese Sachen waren wichtig. Das variiert auch immer ein bisschen. Mal hören wir Led Zeppelin, dann wieder Soul. Und ja, es stimmt: Wir mögen auch James Brown und so was.

Meiner Ansicht nach haben die Strokes mit ihrem Debüt den Stein ins Rollen gebracht, durch den all diese neuen Bands, und letztlich auch ihr, ans Licht gekommen sind.
Matt: Wir mögen die Strokes sehr, ich freue mich bereits auf ihr neues Album. Die Strokes sind rausgekommen, als wir angefangen haben. Wir schulden ihnen eine Menge. Es ist fantastisch, was sie für uns und andere Bands getan haben.

Letzte Frage: Do you look “good on The dancefloor”?
Nicht wirklich. Nur wenn wir betrunken sind. Wir machen uns besser auf der Bühne. Die Mädchen sollen auf dem Floor tanzen, wir bleiben auf der Bühne. (lacht)

Text: Torsten Groß