Es geht um Politik, liebe Kinder! Mitte der Sixties formiert sich die Stundentenbewegung in Deutschland langsam zur außerparlamentarischen Opposition und setzt der Großen Koalition aus CDU und SPD nicht nur eine Meinung, sondern auch eine Macht entgegen. Die APO führt dieses Land aus der Starre. In den Siebzigern treibt der Vietnam-Krieg die Jugendlichen in Massen zum Widerstand. 1977 entführt die RAF dann Hanns-Martin Schleyer. Die Kinder der Achtziger gehen zu Millionen auf die Straße, um gegen Pershing-Raketen, Atomkraft und Fremdenhass zu demonstrieren. Ein deutscher Teenager kommt an Politik nicht vorbei, so ist das hier. Wer Erwachsen werden will muss Ideale entwickeln, rausgehen und das Maul aufmachen. Es sei denn, du bist irgendwann NACH 1980 geboren. Dann hast du nichts! Kein Aufruhr, kein Rückrat, keine Meinung, keine Ideale, nicht mal einen Kurt Cobain, jedenfalls nicht lange. Heute stehen CDU und SPD wieder Arsch an Arsch vor ihrem Volk und NIEMAND steht auf. Im TV läuft DSDS, die Schnitzel sind größer als je zuvor und freitags wird gefickt.

Den Soundtrack derer, denen das zu wenig scheint, schreibt die Mediengruppe Telekommander. Marschmusik für Aufsässige. Slogans gegen Bewegungslosigkeit, die man am liebsten mit erhobener linker Faust skandieren möchte. Wer in den Achtzigern demonstrieren war, nimmt das politisch. Wer aber in den Neunzigern viel gekifft hat, versteht, worum es wirklich geht.

Also kommt Sänger und Motor FM-Moderator Winson mit zum Interview. Der ist Experte für weiche Drogen und Software-Rock. Er nennt die beiden Herren der MTK “die Hoffnungsträger”! Er weiß auch schon vor dem Interview die Antworten auf unsere Fragen. Erstens: Die neue und damit zweite MTK-Platte heißt ‘Näher Am Menschen’, weil sie einfacher zu verstehen kann als die erste. Zweites: Die MTK ist stark von den Goldenen Zitronen beeinflusst und wird dies auch im Interview zugeben. Drittens: Der Song ‘Mein Herz (Ist Schwarz Wie Deine Coca-Cola)’ ist eine virtuelle Songliste, quasi ein ‘Antikapitalistischer Anti-Hit-Song’.

Und? Wie nah ist der Winson dran?
Das ist wirklich alles richtig! Winson ist DER Experte. Bei ‘Mein Herz’ wusste bis jetzt wirklich niemand worum es geht. Es kommen immer wieder Leute auf einen zu und sagen: “Mach doch mal ein Lied hier drüber oder da drüber”, und tatsächlich ist das Stück jetzt eine Aneinanderreihung von Songwünschen, mit denen man uns ständig nervt. Das gibt 100 Journalistenpunkte für Winson!

Auf eurer Stirn klebt der Stempel ‘politische Band’. Wollt ihr Werte neu definieren und weitergeben, oder seid ihr auch nur verzweifelt?
Wir sind nicht verzweifelt, aber Bescheid wissen wir auch nicht. Wenn wir von Gesellschaft und Werten reden, dann sind wir nicht mehr als Beobachter. Das ist aber kein Nihilismus und auch kein Dada. Wir wollen ein Gefühl vermitteln. Dieses Gefühl, das man beim Beobachten der Welt bekommt. Dieses: “Da ist doch was. Da stimmt doch irgendwas nicht!” Dieses Gefühl beantwortet aber keine Fragen. Durch die Art, wie wir das präsentieren, denkt man gerne, es wären Antworten. Wir haben aber keine.

Im Video zu ‘Bis Zum Erbrechen Schreien’ ballert ihr in mit Maschinengewehren rum. Was hat mehr Spaß gemacht – das Schießen oder einen guten Weg gefunden zu haben, eine Idee zu transportieren?
Natürlich die Idee! Das Ballern war geil. Klar! Aber geiler war es, damit die Idee rauszutragen. Wir fühlen uns total wohl, auf diese Art und Weise Inhalte zu formulieren. WARUM wir das so machen, können wir kaum erklären. Aber das Ballern ist genau so ein Bild, bei dem man denkt, das hier irgendwas nicht in Ordnung ist.

Dann seid ihr nur der Soundtrack zu unserem Chaos?
Mehr können, wollen und sollten wir als Musiker doch auch gar nicht sein. Wir sind interessiert, aber wir sind nicht so tief drin in den Themen, dass wir mehr als Lieder drüber schreiben könnten. Wir sind keine Politiker, keine Gesellschaftswissenschaftler. Die Funktion des Musikers wird total überbewertet. Das geht so weit, dass man sich die Meinung von Bono anhört, statt jemanden zu fragen, der wirklich Ahnung von dem Scheiß hat.

Es gib einen Song auf dem neuen Album, der von Menschen handelt, “die auf die bunten Seiten des Lebens kleckern.” Die durch Fehlverhalten ihr soziales Umfeld beschmutzen. Seit IHR diese Leute?
Nein. Das sind die, die in ‘Show & Adel’ – Magazinen gefeatured werden und die dann plötzlich ausrasten und Dinge tun, die der Gutbürger nicht von ihnen erwartet hätte.


So wie Jenny Elvers-Elbertzhagen, die nach all ihren funktionslosen Jahren plötzlich Schauspielern kann?
Kann sie?

Es geht.
Ja, dann hat sie gekleckert. Gutes “umgekehrtes” Beispiel. Es geht aber natürlich auch um so Leute wie Kate Moss und Christoph Daum. Um Menschen, die die Brüche in den Medien markieren. Die erst gefeiert werden und dann plötzlich von den Medien gekündigt bekommen, weil sie kleckern. Dann kommt die große Empörung – dabei hat’s jeder Schwanz gewusst.

Ihr habt die Beatsteaks supportet, wie reagiert so ein Publikum auf Elektro-Slogans?
Die singen! “Wir woll’n die Beatsteaks sehn, ihr sollt nach Hause geh’n…”.

Nein!?
Doch! Bei Sportfreunde Stiller war’s genauso. Das war echt hart! Wir waren verwöhnt, weil es live bei uns echt immer gut lief und dann stehst du vor 2.000 Menschen, die dir den Rücken zudrehen und den Fuck-Finger in die Luft strecken. Am zweiten Tag ist Arnim von den Beatsteaks dann auf die Bühne und hat geschlichtet. Dann ging’s besser. Aber grundsätzlich würde ich sagen: Teenager, die auf Punkrock stehen, scheißen auf elektronische Musik. Wir haben ja nicht mal einen Drummer! Da sind die knallhart, und das haben wir voll abbekommen. Jetzt treffen wir manchmal Leute auf unseren Konzerten, die uns erzählen, dass sie uns da das erste Mal gesehen haben. So hat es am Ende doch was gebracht. Wir haben ‘Durchhalten’ gelernt und doch ein paar Fans dazu gewonnen.

Drei Worte zu den Goldenen Zitronen.
Großer Einfluss das!

Interview: Winson & Yessica Yeti