“Retro ist immer gut”, sagt Sascha Bretz, der zusammen mit seinem Kollegen Alexander Imiela das auf Sechziger- und Siebzigerjahre-Soundtracks spezialisierte Label ‘Diggler Records’ betreibt. Wir haben in einem Kölner Straßencafé platzgenommen, um über vier Jahre Labelarbeit und 16 Veröffentlichungen zu sprechen. Wer in Anbetracht des Labelprogramms jedoch erwartet hat, zwei Cordanzugträgern in orangefarbenen Hemden zu begegnen, wird enttäuscht. Mit ihren Armeeparkas und Alexanders Vollbart fallen die zwei um die 30-Jährigen eher in die Kategorie Brit-Popper. Ein Gespräch über Nostalgie, Trash und Sexfilm-Soundtracks.

Grant Hart zitiert in den Linernotes der letzten Hüsker Dü-Platte, dass Nostalgie das Symptom einer sterbenden Kultur sei. Was haltet ihr als auf Retro-Ware spezialisierte Labelbetreiber von so einer Aussage?
Sascha: Na, das ist ja mal ein Einstieg in ein Interview.
Alexander: Gab es nicht schon immer Nostalgie? Dann würde die Kultur ja permanent sterben.
Sascha: Ich weiß nicht. Ich hab mich auch bei mir schon gefragt, warum ich darauf so fixiert bin. Ich glaube nicht, dass es dafür eine richtige Erklärung gibt. Ich denke, das hat viel mit der Kindheit zu tun. Da war alles behütet, es gab keinen Stress. Als Kind war halt alles leichter. Vielleicht springe ich deshalb darauf so an.

Ihn plagte wohl eher die Angst, dass Rückbesinnung Weiterentwicklung verhindern würde. Warum glaubt ihr, dass Leute eure Platten kaufen?
A: Vielleicht, weil sie echt sind. Heute gibt es an jeder Ecke das Wort Retro. Alle mögen den Stil von damals, oder die Sachen, die so aussehen. Was wir rausbringen, ist aber wirklich von damals. Nicht retro, sondern echt und alt. Rückblickend wird da aber sicher auch viel verklärt. Man behält die guten Sachen und vergisst die Schlechten.
S: Ich denke, das muss man je nach Veröffentlichung unterscheiden. Die “Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt”-Käufer, bei denen spielt wohl wirklich die Nostalgie die Hauptrolle, aber eine Sexfilmplatte ist wohl eher selten mit schönen Kindheitserinnerungen verbunden. Der Sound gefällt halt. Das könnte eine Folge des modernen Krams sein, den man irgendwann nicht mehr hören kann. Für einige mag auch eine eskapistische Funktion eine Rolle spielen.

Seid ihr auch der Meinung, dass vieles, was ihr veröffentlicht, der Kategorie Trash zuzurechnen ist?
A: Einiges. Aber nicht alles. Bei einigen Songs ist Ironie jedoch ein wichtiger Punkt. Ohne Humor würde vieles sicher nicht funktionieren.
S: Ich tue mich mit dem Begriff trotzdem ein bisschen schwer, denn musikalisch finde ich Vieles gar nicht so trashig, im Sinne von unfreiwillig komisch. Selbst in kolossal schlechten Filmen wurde bei der Musik komischerweise immer viel Wert auf Qualität gelegt. Da waren immer erstklassige Musiker am Werk.

Büsser hat mal geschrieben, dass Trash toll ist, da sich durch ihn die Gesellschaft selbst demontiert. Trash gibt zu, dass alles nur bunter Abfall ist. Wenn man will, kann man Trash auf diese Art eine unfreiwillig aufklärerische Funktion unterstellen.
A: Sind wir also Aufklärer?
S: Ich weiß, was er meint. Das funktioniert aber nur, weil man im Jahre 2005 so erhaben drüber reden kann. Wir haben ja 30 Jahre mehr Erfahrung. Musikalisch war das damals immer state of the art.

Habt ihr gespürt, dass die Retro-Welle, die Mitte der Neunziger, als ‘Crippled Dick Hot Wax’ die Gerd Wilden-Soundtracks auf den Markt brachten, ziemlich groß war, inzwischen wieder abgeflaut ist?
A: Natürlich haben wir das auch bemerkt, wenn auch nicht mit ‘Diggler’. Damals hatten wir ja noch gar nicht angefangen.
S: Wir sind sozusagen Post-Crippled.

Aber das Label war schon ein Vorbild?
S: Eher ein Wegbereiter.
A: Also unser Plan war nicht, das gleiche noch mal in Köln aufzuziehen. Wir kannten aber natürlich deren Platten und waren Fans.

Wie und wann seid ihr dann auf die Idee gekommen, selber ein Label zu gründen?
S: Alex und ich haben uns 1999 bei unserer Ausbildung zum Medienkaufmann kennen gelernt. Da schwelte die Idee schon lange in mir. Ich hatte den Film “Hexen bis aufs Blut gequält” gesehen und dachte, das gibt’s ja nicht. Alles sehr 1969. Hexenverfolgung, Hexenverbrennung, angeblich auf Akten basierend, aber eigentlich nur ein Vehikel, um Folterszenen zu zeigen. Und dazu ertönt dann so ein ganz lockerer, fröhlicher Sound von Michael Holm. Das muss man veröffentlichen, dachte ich mir. Die Recherchen haben sich dann aber ewig hingezogen, weil nicht mal Holm wusste, wo die Masterbänder lagen. Bis zum fertigen Produkt hat es fast zwei Jahre gedauert.

Wie muss man sich heute die Recherche vorstellen? Lauft ihr über Flohmärkte und stolpert zufällig über Dinge, oder sucht ihr gezielt?
S: Sowohl als auch, aber wir sind überhaupt keine Flohmarktgänger. Solche Sachen, wie wir sie veröffentlichen, die findet man da sowieso nicht. Wir gucken halt viele Filme und interessieren uns für die Musik.
A: Oft kommt man auch vom einen zum anderen. Während einer Recherche stößt man auf einen Komponisten oder auf einen neuen Film. Und so kristallisieren sich manchmal nebenbei schon Ideen für neue Projekt heraus.

Die frühen Veröffentlichungen kamen fast alle aus dem Bereich der Softporno-soundtracks, und auch der Name ‘Diggler Records’ in Anspielung auf den gleichnamigen Charakter aus dem Film “Boogie Nights” weckt Assoziationen an die Pornobranche. Heute bringt ihr jedoch auch Kinderserien- und Kinderfilm-Soundtracks heraus. Wo seht ihr die thematischen Grenzen des Labels?
S: Natürlich haben wir uns nach Dirk Diggler benannt. Wir wollten einen Namen, der nach Siebzigerjahren klingt und in Siebzigerschrift gut aussieht. Lustigerweise haben viele die Assoziation, dass das von “to dig”, also ausbuddeln, kommt. Das ist die Variante, die wir allen über 60 Jahren erzählen. Dass dann so viele Sexplatten kamen war wirklich Zufall. Das Oberthema ist und war immer nur Sechziger- und Siebzigerjahre. Wir würden auch einfach gerne eine Platte raus bringen, die es seit 1968 nicht mehr gibt. Darüber hinaus gibt es keine wirkliche Grenze, auch wenn wir wahrscheinlich kein HipHop-Album veröffentlichen würden. Aber wir stäuben uns auch nicht gegen was Neues. Die Remixe zur “Robbi Tobbi” und auch zur Popshoppers-Platte waren ja neu. Von den Popshoppers kommt übrigens bald was Neues.

Wer bei euch anruft und bei eurem AB landet, bekommt zu hören, er hätte bei ‘Diggler Records and Films’ angerufen. Was hat das mit dem Films auf sich?
S: Das ist unser nächstes Projekt. Wir wollen demnächst DVDs raus bringen. Also, nicht selbst produzieren. Selbstverständlich wird das auch in die Richtung Sechziger-, Siebzigerjahre gehen: Spielfilme, Dokumentarfilme. All das, was uns persönlich fehlt. Das, was etablierte Firmen nicht veröffentlichen. Es gibt zwei Sachen, an denen wir gerade arbeiten. Das eine ist ein Fußballdokumentarfilm aus den Siebzigern namens “Profis”. Da sind Paul Breitner und Uli Hoeness eine Jahr mit der Kamera begleitet worden, was selbstverständlich ganz tolle Bilder ergeben hat. Das andere ist ein Spielfilm. Da planen wir eine Roger Fritz-Reihe. Der gehörte zur Münchner Schule, aber die etwas wildere Gangart. Heute arbeitet er mehr als Fotograf. Wir wissen aber noch nicht, mit welchem Film wir da anfangen. Das wird eine Überraschung.

Interview: Moritz Honert

Backkatalog:
01 Michael Holm – OST Mark Of The Devil / Hexen bis aufs Blut gequält
02 V/A – St. Pauli Affairs / Red Light Music From German Reeperbahn Movies Of The 60s And 70s
03 Peter Thomas – Peter Scores / The Erotic World Of The Peter Thomas Sound Orchestra
04 V/A – Birds Do It / Music From Oswald Kolle And Other Sex-Education-Movies Of The 60s And 70s
05 Ingfried Hoffmann – OST Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt
06 V/A – Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt / 6 Track Remix EP
07 V/A – Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt / 7″ (nur Promo)
08 V/A – OST Perry Rhodan SOS aus dem Weltall
09 Gerhard Heinz – Melodies In Love / The Erotic World Of Gerhard Heinz
10 V/A – Poppshoppers’ Shopping Guide
11 The Popshoppers – Chromdioxyd II EP
12 V/A – Schwabing Affairs – Delicate Tunes From Swinging Munich Movies Of The 60s And 70s
13 The Popshoppers – Citron MCD
14 Christian Bruhn – OST Timm Thaler
15 David Hess – (Climbing Up The) Sunshine Path / Rare, Lost and Unreleased Songs by David Hess
16 V/A – This Is Skateboard Music / A Collection Of Real 1970s Skateboarding Tunes