Geschäftige Zeiten im Hause Dinosaur jr. Nicht nur, dass vor zwei Jahren völlig überraschend die Originalbesetzung aus J Mascis (Gitarre, Gesang), Lou Barlow (Bass, Gesang) und Murph (Schlagzeug) sich nach über anderthalb Dekaden streitbedingter Funkstille wieder zusammenraufte, die drei sind seither auch noch beinahe ohne Unterlass auf Tour und veröffentlichen dieser Tage obendrein ein neues Album. “Beyond” heißt es, und präsentiert das legendäre Prä-Grunge-Trio in guter Form.

Angesichts dessen verblasst eine andere, ebenfalls nicht gerade unwichtige Reunion beinahe: Lou Barlow hat nicht nur Frieden mit seinem langjährigen Zorn- und Frustobjekt J Mascis geschlossen, er hat auch seine nicht minder legendäre Lo-Fi-Pionierskapelle Sebadoh wieder im “klassischen Line-up” um sich geschart. Doch dazu an anderer Stelle beizeiten mehr.

Im Folgenden zunächst ein aktuelles Gespräch mit dem inzwischen komplett ergrauten J Mascis:

Du bist selber Schlagzeuger, außerdem bekannt dafür, dass Du Deine Songs gerne komplett im Alleingang aufnimmst. Warst Du in Versuchung, auch diesmal das Schlagzeug neu und selbst einzuspielen, nachdem Murph und Lou das Studio verlassen hatten?

Klar sicher. Ein bisschen zumindest… Manchmal.

Aber Du hast nicht…

Och, ich schätze das werden wir wohl nie herausfinden. Möglich wär’s, hehe…

Aber im Großen und Ganzen hast Du Dich mit der Situation schon ganz wohl gefühlt, plötzlich wieder eine Band zu haben, mit der Du auch im Studio arbeitest?

Yeah… Murph spielt im Moment ganz gut. Ich muss zwar immer überlegen, was er kann und was nicht, das schränkt die Song-Auswahl für die Band doch manchmal ein…

Also sind die Songs alle speziell für dieses Album geschrieben worden, keine Überbleibsel, die Du eigentlich für Solo-Alben gedacht hattest?

Einige hatte ich noch rumliegen, andere habe ich extra geschrieben. Ich wollte unbedingt, dass Lou Stücke schreibt. Und das war… schwierig, aber gegen Ende brachte er dann welche mit…

Lou hat ja auf seiner Website zunächst einige Frustration über den Verlauf der Aufnahmen und die Atmosphäre in der Band zum Ausdruck gebracht; später dann jedoch geschrieben, dass er mehr und mehr überrascht und erfreut war, wie sehr er in den Prozess eingebunden wurde.

Nun, das ist wie Arbeit. Man weiß nie von vorneherein, wie es sich entwickeln wird. Aber, hm, ich weiß nicht, was er… Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass er frustriert war, keine Songs zustande bekommen zu haben. Das war schon immer ein Problem, auch früher – ihn in den kreativen Prozess einzubinden, ihn zum Liederschreiben zu animieren war immer schwer.

Erstaunlich, wenn man seinen nicht gerade kleinen Solo-Output oder den ebenfalls recht üppigen Sebadoh- und Folk Implosion-Katalog betrachtet… Meinst Du, er hat Angst, sich Euch gegenüber zu öffnen, zum Beispiel durch Songs, die ihr beurteilen könntet?

Yeah… I don’t know, you know, who knows… Früher sagte er immer: “Ihr werdet meine Songs ruinieren, wenn ich euch sie spielen lasse.” Vielleicht ist das einer der Gründe. Einer der vielen Gründe… Ich schätze aber, um es wirklich rauszufinden, müsstest Du ihn selbst fragen. Mir gegenüber hält er sich immer bedeckt, und je nachdem, wen man sonst fragt, sind es immer unterschiedliche Antworten…

Du hast diese Schwierigkeiten überhaupt nicht? Dich durch Deine Songs Lou und Murph mitzuteilen, Dich ihnen gegenüber zu öffnen?

Nein.

Es gibt ja demnächst auch ein Video zu “Almost Ready”, der ersten Single (Regie führte Js Freund Matt Dillon)

Ja, bei Thurston Moore (Sonic Youth) im Keller. Er hat Zillionen Platten und Bücher. Es ist eine sehr beeindruckende Ansammlung von… Kram.

Und spielt der “Kram” eine Rolle in dem Video?

Nein, da sind nur wir, Thurston und die Band seiner Tochter Coco.

Video Dinosaur Jr.: Been There

Im Cover der CD steht, man kann euch jetzt nicht nur für Konzerte, sondern auch für Parties buchen! Ein Versuch, den ausgelatschten Pfaden des Rock-Zirkus zu entkommen? Würdet ihr auch bei einer Kellerparty auftreten?

Ja! Wenn der Preis stimmt, hehe… Ich hab’ auch schon mal auf einem Junggesellen-Abend gespielt… Das war seltsam! Ich dachte, das wäre für den Freund eines Freundes, aber es stellte sich dann heraus, dass sie sich gar nicht kannten…

Was ist eigentlich aus Deinen Berliner-Wohnungs-Plänen geworden? Es geht das Gerücht, in Neukölln stünde der Name “Mascis” an einem Klingelschild…

Das ist die Wohnung meines Schwagers. Meine Frau und ich hatten eigentlich vor, sie mit ihm zu teilen, aber schließlich ist er ganz dort eingezogen und wir wohnen dort nur, wenn wir zu Besuch in Berlin sind – was allerdings recht häufig passiert.

Aber ein kompletter Umzug steht erst mal nicht an…

Nein, im Moment nicht.

Was war die längste Zeit, die Du an einem Stück in Berlin verbracht hast?

Hmmm… etwa ein Monat oder so.

Also magst Du Berlin nicht?

Oh, ich finde es schon in Ordnung. Ich bin bloß mehr Amerika gewohnt, oder so… Ich habe einige amerikanische Freunde, die hier leben und ihnen scheint es zu gefallen. Aber ich weiß nicht, ob ich es ertragen könnte, die ganze Zeit in einer solchen Stadt zu leben

In Amherst, Deiner Heimat, lebst Du also außerhalb der Stadt?

Nein, eigentlich sogar ziemlich zentral. Aber es ist keine besonders große Stadt.

Es ist also die Menge Leute, der Verkehr, die stören…

Ja, und der Mangel an Bäumen. Ich hatte auch lange Zeit eine Wohnung in New York, aber ich bin immer nur für ein paar Tage am Stück geblieben, und dann wieder zurück nach Amherst gefahren. Es fühlt sich für mich einfach nicht richtig an, so lange in einer Stadt zu bleiben.

Du brauchst also die Natur, um darin herumzuwandern?

Nicht unbedingt “herumzuwandern”, mir reicht es schon, durch die Gegend zu fahren… Ich schätze, wenn ich ein Alkoholiker wäre, oder so, dann würde es mir in der Stadt vielleicht besser gefallen, hehe…

Habt ihr aus der ersten, desaströsen Dinosaur-Phase gelernt?

Kommt ihr untereinander inzwischen eigentlich inzwischen besser aus, als damals, oder habt ihr einfach besser gelernt, euch aus dem Weg zu gehen?

Oh ja, ich würde sagen, dass wir jetzt besser miteinander klarkommen. Nicht perfekt, aber dann wiederum waren wir ja nie wirklich Freunde. Es war eher unsere Begeisterung für Musik, die uns zusammenbrachte. Aber, ja: Es ist definitiv besser!

Es war ja wohl auch so, dass ein Teil der Annäherung von Dir ausging – Du bist doch zum Beispiel zuerst auf Sebadoh-Shows gegangen, ehe Lou sich Deine Solo-Konzerte angesehen hat, oder? War es also schon so, dass Dir diese Streitigkeiten und Lous verletzte Gefühle etwas ausgemacht haben?

Nein. Er war derjenige, der all diese Wut mit sich herumtrug. Heute verstehen wir es mehr wie eine Familie, so als wäre ich der ältere Bruder, der Lou quält…

Wenn Lou der kleine Bruder ist – was ist dann Murph?

Hm. Er ist… ein weiterer Bruder, vielleicht eher ein Cousin. Auf jeden Fall ist er ein guter Mittelsmann; ich spreche immer noch manchmal durch Murph mit Lou…

An dieser Stelle eine kleine Rückblende – Auszüge aus einem Gespräch mit der kompletten Band, das vor knapp zwei Jahren anlässlich des ersten Dinosaur jr.-Konzertes in Originalbesetzung und in Deutschland seit 1989 stattfand:

Eine blöde Frage vorneweg: Auf einer Skala von Eins bis Zehn, wie merkwürdig findet ihr es, hier zusammen auf der Couch zu sitzen?
J Mascis: ‘Eins’ ist am wenigsten seltsam?


Genau, das würde bedeuten, es wäre vollkommen normal und fühlt sich natürlich an…

J: [murmelt]
Sagtest Du ‘Satan’? [Gelächter]
J: Yup. Ich versuche nur, die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten auszuloten… Ich sage ‘Drei’.
Lou Barlow: Es ist eine ‘Fünf’ für mich…
Murph: Für mich fühlt es sich nach einer ‘Zwei’ an – eigentlich nicht sehr seltsam.
Lou: Moment – ich finde es am merkwürdigsten? Das kann nicht sein – Nee… ich ändere es, sage jetzt ebenfalls ‘Zwei’.

Vor nicht all zu langer Zeit gab es bei einem Benefiz-Konzert für autistische Kinder in Boston ja bereits eine Deep-Wound-Wiedervereinigung, zumindest für einen Song. War das die Initialzündung für das, was hier jetzt passiert?

Lou: Das Konzert hat meine Mutter organisiert. Eigentlich wollte sie eine Dinosaur-Show als Überraschung, sie rief mich an und sagte [imitiert seine Mutter]: ‘Das wäre wirklich schön, Lou’, und ich antwortete [quengelt]: ‘Nein, Mom, das will ich nicht, das wäre verrückt…’ [Gelächter] Irgendwie ist es bei uns immer so, dass andere Menschen, die uns etwas bedeuten, uns zu allem drängen müssen. Wenn man uns dreien die Initiative überlassen hätte, hm, dann säßen wir wohl heute auch nicht hier… Aber ich hatte schon vorher wieder etwas Kontakt mit J.


Musstest Du eigentlich die Songs wieder lernen? Immerhin hattest Du sie vor anderthalb Jahrzehnten zuletzt gespielt. War es schmerzhaft?

Lou: Nein, nein, nein. Ich konnte die Musik immer von den bitteren Umständen trennen, unter denen sie entstanden ist. Vielleicht war es eine Qual, aber die Songs mochte ich immer. Und jetzt gibt uns die Reunion eine gute Gelegenheit, sie noch einmal aus einer besseren Situation heraus zu präsentieren – und es ist eine nette Gelegenheit, ein bisschen Geld zu verdienen…

Murph, du warst nach Lous Rausschmiss noch eine Weile bei Dinosaur. Was hast Du dann gemacht?
Murph: Ich war bis 1993 dabei, dann habe ich eine Pause gemacht, später noch bei den Lemonheads gespielt…

Lou: Die Zeit vermisst Du, oder? Murph ist enttäuscht, weil bei uns nicht so viele Supermodels backstage rumlaufen…
Murph: Genau, und Johnny Depp kommt auch nicht vorbei…
Lou: Stattdessen hauen die Leute ab, wenn wir die Bühne betreten… [Gelächter]

Stimmt es eigentlich, dass Dinosaur zuerst ‘Mogo’ hießen?
J: Ja, das war aber, als Charlie [Nakajima, Ex-Deep Wound] noch der Sänger war. Wir haben damals die Band aufgelöst… und ohne ihn wieder gegründet…

Hmm. Das scheint mehr als einmal passiert zu sein, oder? [Kichern]
J, Dir hängt ja der Ruf an, unkommunikativ und desinteressiert zu sein. Trifft es Dich, so etwas über Dich zu lesen, fühlst Du Dich missverstanden?

J: [Achselzucken]

Zum Beispiel gibt es ja ein schönes Zitat von Dir: ‘Ich denke noch immer oft daran, mich umzubringen. Aber ich bin mir heute sicher, dass das keines meiner Probleme lösen würde…’ [großes Gelächter bei Lou und Murph, keine sichtbare Reaktion von J] Stimmt das?
J: Klar… Der Tod beschäftigt mich immer…

Eine abschließende Frage: Habt ihr Spaß?
Lou: Yeah.
Murph: Klar! Lou hat sein Baby dabei, J seine Frau… Es ist wie eine große Familie. Für mich ist es besonders spaßig, denn ich bin der ungebundene Single…
J: [schweigt]


Text/ Interview: Torsten Hempelt