Als hätten sie es heraufbeschworen: „There’s a pitch black cloud / Hanging over our heads“ singt Frontmann Miikka Koivisto nichtsahnend, dass wenig später eine große Wolke einen Strich durch die Rechnung machen wird.

Um genau zu sein, ist es die isländische Aschewolke, die Miikka, Gitarrist Jussi, Bassist Lasse und Schlagzeuger Mikko im April einen Ausflug nach Deutschland vermasselt. Aber alles halb so wild: Dafür sitzt das Finnen-Quartett zwei Wochen später unversehrt, vollzählig und – dank eines extrem frühen Fliegers – reichlich übernächtigt in Berlin-Kreuzberg und erzählt, was es zur Entstehung ihres vierten Albums zu erzählen gibt.

Letzteres hört auf den ominösen Titel „The Island Of Disco Ensemble“. „Wir hatten Probleme, einen Albumtitel auszuwählen. Die Platte ist sehr stark geworden, und wir fanden nichts, das uns passend erschien“, erinnert sich Jussi. „Zeitweilig wollten wir ganz auf einen Namen verzichten.“ Dann entdeckte Sänger Miikka in einem Kunst-Blog ein surrealistisches Olgemälde des jungen amerikanischen Malers Ryan Browning. „The Birth Of An Island“ gefiel auch den restlichen Ensemble-Mitgliedern so gut, dass es nicht nur den Titel inspirierte, sondern auch zum Albumcover gekürt wurde. Inzwischen ziert das von der Band erworbene Original das Büro des Disco Ensemble-Labels Fullsteam Records in Helsinki. „Wir haben überlegt, es in unserem Probenraum aufzuhängen“, so Mikko. „Aber dort kippen immer wieder Sachen um, und überall schimmelt es. Das Bild wäre vermutlich nach einer Woche im Eimer.

Siehe da: Selbst Stars der finnischen Emo-Punk-Hardcore-Szene proben noch in einer gammeligen Bude. Aber, hey, wir sind in Finnland. Der große Reibach ist in der dünnbesiedelten und dichtbewaldeten Nordrepublik nicht zu machen. Und wer das Maximum der heimischen Kaufkraft ausschöpfen will, probiert es lieber mit Düsterrock und Metal. Die Metal-Lastigkeit der Heimat war es, die das Disco Ensemble bei den Aufnahmen der Vorgänger-Alben „Viper Ethics“, „First Aid Kit“ und „Magic Recoveries“ ins skandinavische Ausland und in die Arme profilierter schwedischer Indie-Produzenten wie Pelle Gunnerfeldt trieb. „In Schweden gibt es viel mehr Produzenten, die auf Punk, Hardcore oder Indie-Rock spezialisiert sind, und wir wollten mit Leuten arbeiten, die langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet hatten“, erklärt Jussi rückblickend. Mikko ergänzt: „In Finnland machten alle Tontechniker Metal oder so. Deshalb sahen wir zu Hause keine wirkliche Option für uns.“ Aber die Zeiten ändern sich: „Inzwischen scheint es auch bei uns mehr Möglichkeiten und weniger engstirnige Leute zu geben.“ Miika bekräftigt: „Helsinki hat eine gute Indie- und Punk-Szene.

So entschieden sich die vier Herren, die Albumproduktion diesmal einem Finnen anzuvertrauen und in der eigenen Stadt aufzunehmen. Lasse Kurki erwies sich als hervorragende Wahl, brachte der Produzent – selber Kopf der Indiepop-Combo Lemonator – doch nicht nur das nötige Know-How, sondern auch die erwünschte Musikleidenschaft mit. Die Arbeit mit einem Landsmann hatte noch weitere Vorteile, wie Mikko zu berichten weiß: „Wir konnten uns mit Worten verständigen, die zwar streng genommen kein Finnisch sind, aber so nah dran, dass nur Finnen sie verstehen. Wir waren also nicht ständig in Erklärungsnot.“ Auch der extreme Zeitdruck, wie ihn die Band von vorigen Studio-Sessions in Schweden und Dänemark kannte, fiel vor der eigenen Haustür weg. Anstatt drei Wochen lang rund um die Uhr aufeinander zu hocken, ließ man sich ein halbes Jahr Zeit und behandelte das Album wie einen normalen Nine-To-Five-Job. „Bei den früheren Alben wachten wir jeden Tag auf und mussten weiter arbeiten, auch wenn wir uns beschissen fühlten. Diesmal kamen wir morgens erholt und mit unverbrauchten Ohren ins Studio.

Geschadet hat der entspannte Produktionsprozess daheim auf jeden Fall nicht. Aufregende Neuigkeiten gibt es von der Insel namens Disco Ensemble zwar nicht zu vermelden („Wir sind nicht losgegangen und haben zehn Triangeln gekauft, um zu schauen, ob wir sie irgendwie verarbeiten können.“), aber Mikko fasst den Gesamteindruck der Platte treffend zusammen, wenn er sagt: „Wir haben das Bewährte genommen und es weiter perfektioniert.“ Mit anderen Worten: „The Island Of Disco Ensemble“ besticht durch eine ausgefeilte Produktion, abwechslungsreiche Gitarrensounds und einen ganzen Sack voller Hymnen zum gepflegten Kopfschütteln und Schwofen auf dem Indie-Rock-Floor. Wenn Miikka, Jussi, Lasse und Mikko so weiter machen, sollte einem baldigen musikalischen Imagewechsel ihres Heimatlandes nichts mehr im Wege stehen. Auch keine Aschewolke aus Island.

Nina Töllner

VÖ: 28.05.2010

Label: Fullsteam/Pias

Tracklist:
01. Bay Of Biscay
02. Pitch Black Cloud
03. White Flag For Peace
04. Protector
05. So Cold
06. Get Some Sleep
07. Life Of Crime
08. Semi-Eternal Flame Undo
09. Lefty
10. Samantha