Vom Underground-MC zum Chartstürmer – der 24-jährige Grime-Rapper Dizzee Rascal ist derzeit in aller Munde – Grund genug für einen kurzen Rückblick.

Im Vorjahr hat er noch auf einer Zeltbühne gestanden, beim diesjährigen SPLASH! war er einer der Headliner auf der Mainstage. Nächsten Monat soll sein neues Album “Tongue In Cheek” hierzulande auf den Markt kommen. Vorab berichtet Dizzee Rascal im motor.de-Interview über Vergangenes und Aktuelles.

motor.de: Lass uns mit Deiner Kindheit beginnen, in der Du öfter auch in kriminelle Dinge verwickelt warst. Wie hast Du doch noch die Kurve gekriegt?

Dizzee: Ich habe mich schon immer mit Musik beschäftigt, und die hat mich auch immer mehr interessiert als irgendwelche krummen Dinger. Ich hab nie gedacht, dass ich jetzt der “Vollzeitgangster” werden will – da war ich nicht scharf drauf. Der Ort an dem ich aufgewachsen bin, war eine ziemlich raue Gegend – dort passierte es einfach, in diverse Geschichten verwickelt zu werden. Aber Musik liebe ich schon seit jeher von ganzem Herzen. Ich habe immer Piratensender gehört, als DJ angefangen aufzulegen und dann als MC begonnen. Schnell wurde ich gut darin, habe erste Tracks geschrieben, die irgendwann herausgebracht wurden, ich bekam einen Plattendeal, der Rest ist Geschichte, Mann.

motor.de: In welchem Alter ist das alles passiert?

Dizzee: Also mit DJing hab ich mit ungefähr 13 angefangen, der Rest schloss sich dann an, so genau kann ich das gar nicht sagen. Auf jeden Fall wollte ich schon immer Musiker werden, das war klar. Ich erinnere mich noch, dass ich mir immer Tapes aus der Bücherei ausgeliehen habe, um sie zu kopieren und natürlich Musik aus dem Radio aufnahm.

motor.de: Kannst Du Dich noch an Deine erste Platte erinnern?

Dizzee: Welche das jetzt genau war, kann ich echt nicht sagen. Wie gesagt meine Tapes, die ich mir kopiert und zusammengestellt habe, die waren wichtig. Ich habe immer genau auf die Mixe der DJs und natürlich die MCs gehört und wollte wie sie sein. Das war in der Blütezeit des Jungle.

motor.de: War außer Dir jemand maßgeblich verantwortlich für Deine Karriere?

Dizzee: In erster Linie meine Mutter. Sie kaufte mir die ersten Turntables, was der Startschuss für meine Selbstständigkeit und Entwicklung im Business war. Sie hat mich unterstützt und meinen Weg gehen lassen. Es hieß nie: “Du musst jetzt Arzt oder dies und jenes werden.” Wichtig war ihr nur, dass ich die Schule beende. Dann ist da noch mein Manager Cage, der viele Weichen gestellt und für meine Entwicklung verantwortlich war. Wenn ich über meine Karriere nachdenke, dann sind es im wesentlichen diese zwei Personen.

motor.de: Apropos Deine Mutter – sie stammt ja aus Ghana. Haben diese afrikanischen Wurzeln Dich beeinflusst?

Dizzee: Ich bin mir schon meiner Herkunft bewusst, aber es wurde mir nicht aufgezwungen. Beispielsweise kann ich nicht Ghanaisch sprechen, meine Mutter hat nur auf Englisch mit mir geredet. Ich habe auch noch reichlich Verwandtschaft in Ghana, war aber noch nie da. Mir wurde gesagt, ich würde es dort lieben.

motor.de: Kennt man Dich dort als Künstler?

Dizzee: Ich weiß zumindest, dass es in Südafrika eine Szene gibt und meine Musik gehört wird. “Dance Wiv Me” hat dort sogar Gold gebracht.

Dizzee Rascal – I Luv You

motor.de: Wo wir gerade über konkrete Songs sprechen – Dein erster Hit “I Luv U” in dem es um Teenager-Schwangerschaft geht, hat dies einen autobiographischen Hintergrund?

Dizzee: Ja – das war ein Thema, was mich in der Zeit häufig umgab.

motor.de: Nun zum letzten riesen Erfolg “Bonkers”, den Du gemeinsam mit Armand Van Helden herausgebracht hast. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Dizzee: Wir kennen uns eigentlich gar nicht. Er hat mir nur den Track gesendet, ich habe mich reingehört, etwas aufgenommen und ihm das Ganze dann zurückgeschickt. Das Resultat ist in jedem Fall eine Bombe – zwei Wochen Nummer 1 in UK!

motor.de: Da bieten sich doch weitere gemeinsame Aktionen an, oder?

Dizzee: Warum nicht? Ich mag seine Beats und Produktionen, daher wäre das schon gut.

motor.de: In einem Interview hast Du kürzlich gesagt, dass Du Dich von Deinen Grime-Wurzeln entfernen wirst, um Dich stärker auf Pop-geprägte Produktionen zu konzentrieren. Wie wird der neue Dizzee-Sound sich anhören?

Dizzee: Das kann ich so genau nicht sagen. Hör Dir erstmal mein neues Album an. Ich werde auf jeden fall Musik machen, die gefällig sein wird, aber trotzdem ein paar Kanten hat. Das ist das Grundlegende, was ich machen möchte.

motor.de:
Wo siehts Du Dich selbst in 20 Jahren?

Dizzee: Keine Ahnung. Hoffentlich immer noch in den Charts. (lacht) Auf jeden Fall immer noch in der Musik!

Dizzee Rascal bei motor.de

Interview: Oliver Kobe; Kai-Uwe Weser
Fotos: Juliane Hoffmann