Knapp zwei Jahre ist es her, dass Razorlight sich anschickten, dem englischen Indie-Rock einen neuen Sinn zu stiften. “Up All Night” hieß das Debüt und wurde auf der Insel zum absoluten Kassenschlager. Jetzt soll Europa folgen und mit dem selbstbetitelten Nachfolger “Razorlight” hat das Quartett gute Chancen, auch hierzulande endlich den ganz großen Erfolg einzuheimsen. Wäre da nicht die englische Presse, die der Band trotz aller Lorbeeren einige Steine in den Weg legt. Im persönlichen Gespräch versuchen die Jungs von Razorlight ein paar Missverständnisse klarzustellen.

Zum Interview geht es in zwei verwinkelte Zimmer. Im ersten warten Gitarrist Björn und Bassist Carl. Beide sind wohl auf Grund der anstehenden Veröffentlichung des neuen Albums etwas aufgekratzt, wie folgendes Protokoll beweisen wird.

Englands größtes Musikmagazin namens NME nahm die Veröffentlichung eures neuen Albums “Razorlight” als Anlass, euch in eine Rivalität mit den Arctic Monkeys zu manövrieren: “Of course, we’re fucking better than the Arctic Monkeys” war da zu lesen.
Carl: Das ärgert uns sehr. Schließlich bringen wir eine neue Platte heraus und wollen, dass sich die Leute damit beschäftigen.
Björn: Außerdem sind wir Fans der Arctic Monkeys und wollen keine Rivalität mit denen. Es soll nicht so ein “Oasis vs. Blur”-Ding daraus entstehen! Razorlight sind nicht besser als die Arctic Monkeys!
Carl: Solche Situationen sind typisch für den Journalismus in UK: Sie lieben dich und treten dir rücklings in den Arsch. Das ist ganz normal, daran muss man sich gewöhnen.

Vielleicht liegt es auch an eurem großen Selbstbewusstsein. So wurdet ihr nie müde zu behaupten, ihr vier habt mit eurer ersten Platte “Up All Night” ein besseres Album vorgelegt als Bob Dylan es jemals getan hat!
Cral: Das ist ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen. Johnny hatte mal behauptet, dass unser Debüt qualitativ um Längen besser ist als das von Bob Dylan. Ich bitte dich, wer würde dem nicht zustimmen?
Björn: Klar sind “Blonde On Blonde” oder “Blood On The Tracks” unschlagbare Dylan-Alben. Warum sollte aber eine Band, die sich ihrer Möglichkeiten im Songwriting bewusst ist, deswegen klein beigeben und vor Ehrfurcht auf die Knie fallen? Johnny als Hauptkomponist von Razorlight kann definitiv dasselbe Level in ein paar Jahren erreichen, wie Dylan es in den Sechzigern hatte.

Demzufolge muss der Druck mit “Razorlight” noch eine Schippe drauf zu legen, ziemlich groß gewesen sein?
Björn: Nein, ganz und gar nicht. Die Arbeiten waren viel entspannter als beim Debüt, was sicher auch daran lag, dass wir endlich mit einem verlässlichen Drummer zusammenspielen konnten. Christian (Razorlight-Drummer beim Debütalbum) war wirklich ein schräger Vogel. An einem Tag stopfte er sich mit Drogen bzw. Alkohol voll und am Morgen darauf machte er einen auf esoterischen Gesundheitsfanatiker. Arbeite mal mit so einem Typen zusammen! Sein Nachfolger Andy ist da viel konzentrierter und weiß was er will.
Carl: Als ich zum ersten Mal die Demos gehört habe, dachte ich: Wow, das sind wir?! Ich bin absolut überwältigt von der Platte und denke, dass wir als Band unheimlich gereift sind. Dieses Album wird alles andere in den Schatten stellen.


Den Spruch kenne ich noch vom Debüt! Was macht euch jetzt umso sicherer?
Carl: Es sind einfach Songs, denen du entspannt auf dem Bett lauschen, dazu tanzen oder Sex haben kannst.
Björn: (unterbricht Carl) Wie bitte, du willst mit einem Mädchen Sex haben, während Johnny im Hintergrund singt? Das finde ich echt eigenartig! Wie bist du denn drauf?
Carl: Stimmt, da könnte ich ihm auch gleich eine Einladung schicken. (beide lachen) Aber das meine ich, “Razorlight” ist einfach ein Album, was dich durch den Tag begleiten kann und darauf sind wir sehr stolz.
Björn: Aber vielleicht solltest du trotzdem ein Soloalbum mit guten Sex-Songs aufnehmen, Carl? Ohne Gesang, nur Instrumentals?
Carl: Ich weiß nicht so recht. Aber wie gefällt dir folgende Idee…

Während die beiden noch über sündige Nebenprojekte beraten, geht es weiter ins zweite Zimmer. Johnny und Andy verputzen zwei belegte Baguette. Irgendwie eigenartig, wie brav Johnny im Schneidersitz auf seinen Sessel lümmelt. Ganz und gar nicht so, wie man es sich vorgestellt hat.

Du wirkst sehr schüchtern. Überhaupt nicht so, wie der Musiker, der noch vor einiger Zeit behauptete: “In erster Linie bin kein Musiker, sondern ein Genie”…
Johnny: Das ist halt das Problem. Es gibt Aussagen von mir, die ich eher im Scherz gemeint habe und die wurden als ernsthaftes Statement wahrgenommen. Ich bin kein Genie, denn die Lyrics zur neuen Platte habe ich zwei Wochen vor der Abgabe geschrieben. Das hat wohl wenig von einem Genie!
Andy: Deswegen sind wir jetzt vorsichtiger geworden, was Interviews angeht. Denk nur mal zurück an Kula Shaker. Eine großartige Band, die von der englischen Presse kaputt gemacht wurde. Angeblich seien sie Nazis gewesen, weil sie indische Symbole benutzt haben, an denen sich auch die Nationalsozialisten bedient haben. Eine echte Farce!

Vor solchen Dingen seid ihr aber auch nicht gefeit!
Johnny: Da stimme ich dir zu. Deswegen würde ich gerne über die neue Platte reden und nicht darüber, was ich irgendwann mal gesagt habe.

Kein Problem. Als euer Debüt erschien, wurdet ihr als leichtfüßige Partyband wahrgenommen. Songs, die sich bestens auf der Tanzfläche machen, aber inhaltslos sind. War das für Razorlight ein Problem?
Johnny: Wir sind eine Partyband? Cool, das habe ich noch nie gehört. Deswegen bereitet es mir auch keine Probleme und ich denke, wenn ich auf unserem zweiten Album über Liebe, Verluste und Neuanfänge singe, wird es Menschen geben, die sich dadurch angesprochen fühlen.
Andy: Wir machen Rock’n’Roll, und der ist zum feiern da. Wenn das nicht funktioniert, dann sind die Songs schlichtweg Schrott!

Eure Kollegen meinten eben zu mir, die Arbeit am zweiten Album war entspannter, als noch beim Debüt. Als Grund haben sie Andy genannt.
Johnny: Das ist definitiv der Fall. Andy ist ein absolut großartiger Musiker und hat sich beim neuen Album auch ganz in die Produktion einbringen können. Ich empfinde auch erst seit dem Weggang von Chris Razorlight als eine geschlossene Gemeinschaft. Wir haben das Zeug etwas ganz, ganz Großes zu werden.

Auch an euch die Frage: Was macht euch da so verdammt sicher?
Johnny: Vor meiner Zeit bei Razorlight habe ich bei den Libertines gespielt. Dort wurde mir schnell bewusst, wie eine Band zu Grunde gehen kann, wenn sie nicht ambitioniert genug ist und nur ans Feiern denkt. Wir haben ein klares Ziel vor Augen und wissen, was wir wollen. Hör dir die neue Platte von uns an und du wirst erkennen, was ich meine. Das ist absolut großartig und hat mich beim ersten Hören der fertigen Demos sofort umgehauen.
Andy: Schau dir doch nur mal an, was Johnnys Ex-Kollege Pete Doherty für einen Mist produziert. Okay, die Babyshambles-Single “Fuck Forever” war ganz in Ordnung.
Johnny: (unterbricht Andy) Aber das gesamte Album ist einfach schlecht. Hätte das eine unbekannte Band herausgebracht, hätte sich kein Mensch darum geschert. Aber Pete ist zur Publicity-Person geworden. Die Zeitungen freuen sich darüber, dass er besoffen in der Ecke liegt und keinerlei Fettnäpfchen auslässt. Das ist wirklich schade.

Was ist mit Ex-Libertine Carl Barat?
Johnny: Die Dirty Pretty Things sind wirklich sehr gut. Die haben es echt drauf. Carl ist jemand, der genau weiß, wo er hin will. Ich kann daher verstehen, dass er keinen Bock mehr auf Dohertys Gehabe hatte und die restlichen Kollegen waren schon zu meiner Zeit fertig mit Pete.
Andy: Solche Querelen dürfen wir bei Razorlight nicht zulassen, deswegen hoffen wir, dass sich die Leute an der Musik erfreuen und nicht an Johnny, Björn, Carl oder mir.

Man mag darüber streiten, ob es in diesen Tagen nicht doch origineller ist, einem Hype mal keine Aufmerksamkeit zu schenken?! Aber: Razorlight heben sich mit ihrem zweiten Album aus dem Schwall mediokrer Garagenbands, wie den eben erwähnten Babyshambles, wirklich hervor. Eine Band zwischen Hochgefühl und Hysterie, der man mindestens jetzt den Hype zugestehen möchte.