Ich war einmal in Malmø. Malmø hat eine ziemlich exzellente Kunsthalle, eine petite und reizende Altstadt, sehr strenge Glas- und Stahlbauten entlang der Ostseeküste, Unmengen an Lakritzfachgeschäften. Dazu noch einen sehr schlechten Fussballverein, dessen brasilianischer Mittelstürmer in spielentscheidenden Szenen über seine Beine zu fallen pflegt. Nicht zu vergessen: Wahnsinnig hübsche Mädchen. Ist ja ein bekanntes schwedisches Klischee. Stimmt aber.

Dorfdisko wissen von all dem nichts. Denn die Band befindet sich mit ihrem zweiten Album „Kurz vor Malmø“. Malmø, das ist für Dorfdisko das Shangri-La des Nordens, jenseits des Öresunds. Und das Jahr 2005 war für die Kölner Band so erfolgsverheissend, dass man mit dem Zweitling eben gleich nach dem grossen Wurf strebt, nach dem gelobten Land. „Viel zu stürmisch, viel zu Laut“ nannte sich das Album, das Dorfdisko auf die grosse Musikbühne katapultierte. Peer, Marc, Volker und Daniel: Eine Band wie eine Sportmannschaft, die sich nicht über lebenslange Freundschaften, sondern über den Willen zur eigenen Band zusammen gefunden hatte. In wahnsinnig kurzer Zeit wurde damals ein Album aufgenommen, dass frische aber gleichzeitig durchaus hintersinnige Songwriting-Perlen beinhaltete und nahezu zwangsläufig sowohl von Medien als auch Jungmenschentum mit offnenen Armen empfangen wurde.

Es folgt: Die Knochenmühle des ewigen Tourens, die nebenbei aber auch unglaublichen Spass macht. Gespräche mit Funk und Fernsehen, noch mehr Liveshows und irgendwann, im Grenzbereich der Selbstbelastung, meldet sich der Rücken von Basisst Volker zu Wort und sagt „nein“. Volker, der eine ehrliche Haut ist, denkt kurz über alle möglichen faulen Kompromisse nach und macht das einzig Vernünftige. Seitdem spielt David in der Band. Der kommt in den Proberaum, hat das Album bereits gehört, kann die alten Songs perfekt spielen und hat auch sonst keine weiteren Fragen. Dorfdisko könnten die Tage im Proberaum natürlich dazu nutzen, für die anstehenden Shows zu proben, weil man das eben so macht. Aber warum denn? Neue Herausforderung, bitte sofort. Und das heisst: Ran das zweite Album, das schon in den Sommerwochen 2005 erste Formen annahm, als Sänger und Songwriter Daniel im Bus erste Fragmente aus sich rauskitzelte. Im Proberaum wachsen diese Fragmente zu ganzen Songs, viel mehr wird an „Kurz vor Malmø“ als Band gearbeitet.

„Wir gehen den wundervollsten Weg, der uns offensteht“, proklamiert Daniel auf dem titelgebenden Track. Wir, wir und wir, das macht Dorfdisko 2006 reif für den weiteren Schritt nach vorne. Daniel hat seine sowieso nur halbbürgerliche Existenz als Schauspielschüler an den Nagel gehängt, auch die anderen Bandmitglieder sehen Dorfdisko mehr denn je als ihren Lebensmittelpunkt. Da, wo Realitäten anders definiert werden, wo es nicht um Kunst, sondern um MBA Studiengänge an Business Schools geht, um Dividenden und um die Zwei Kind Familie im Reihenhaus, da leben die Menschen, die an einem Status Quo festhalten wollen, der schon lange nicht mehr besteht. Wenn die Gesellschaft sich auflöst, dann sind wir frei, schreit „Kurz vor Malmö“ aus jeder Pore. Mitgeschrien hat auf besagtem Titel auch Suzie von Klee, ihres Zeichens Freigeistin vom Niederrhein und somit perfekt in die Dorfdisko integrierbar.

„Wir kommen, um uns auszuleben“ sagt ja auch schon der Opener. Rock’n’Roll, der nicht die Clever-Cleverness der Engländer adaptiert, der beileibe auch kein muskelshirtiges Bonjovitum propagiert. Spielen, machen, den eigenen Status Quo in Worte fassen. „Wir halten fest zusammen“ ist eben auch nicht unbedingt als gesellschaftliche Metapher zu sehen, sondern als Bandmantra, gerade nach dem Personalwechsel. Auch hier: Intro, Strophe, Refrain, keine Gefangenen. Fünf Lieder unter drei Minuten finden sich immerhin, das kriegt man nicht hin, wenn man weiss, wo die Reise hingeht. Produzent Jochen Naaf, der auch Peter Lichts letztes Album aus seinem Pult zauberte, ist dabei aber nicht unbedingt Reglergeneral, sondern mehr ein William Orbit, der Potentiale einfängt und Momente festhält. Die Lieder sind nicht mehr so streng arrangiert wie noch auf dem Vorgänger, kleine Soli, loses Spielen, dass aber trotzdem immer noch den Liedern dient. Schliesslich, nach all der Privatheit, mit „Dann kommen die anderen“ eine letzte, eindringliche Warnung an die Ludwig Erhard Welt, deren Abenddämmerung so weit fortgeschritten ist. Dass mit „Nach all den Jahren“ auch noch das Familiäre nachverhandelt wird, zeigt eigentlich nur, wie weit Dorfdisko schon vorangekommen sind. Vom Grossen zum Kleinen und wieder zurück. Nicht kurz vor Malmø. Schon mittendrin. Es hat nur mal wieder niemand auf die Strassenschilder geachtet.

Am 17.01.2008 verkündet die Band auf ihrer Webseite, dass sie nicht mehr zusammen musizieren werden. Dies ist also das offizielle AUS. Daniel und David gründen Lilienthal und verwirklichen sich dort musikalisch. Wer das musikalische Weiterleben von Peer undMarc weiterverfolgen will, sollte sich diese Sinnsuche-Adresse merken.

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»Lilienthal


DORFDISKO waren:

– Daniel Roth / Gesang, Gitarre
– Peer Hartnack / Gitarre
– David Oesterling / Bass
– Marc Pampus / Schlagzeug

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