Deutschlands “wichtigster Musikpreis” inszeniert sich nach den Regeln des Trash-TV. Der Echo verzichtet dabei einfach auf alles, was einen an Musik eigentlich interessiert.

Wahrscheinlich hat es einfach keiner der Macher dieser Show gewusst. Eine Art All-Star-Formation singt zum Angedenken an Amy Winehouse einen Song. Nur, dass dieser Song einer von denen ist, mit denen die frühzeitig verstorbene Sängerin wenig mehr zu tun hatte, als ihre Stimme herzuleihen. “Valerie” ist ein Song der Zutons und es gibt sicher besser geeignete Würdigungen als diese lieblose Auswahl, die einfach nur zeigt, dass es ja eigentlich auch egal ist. So egal, wie dieser ganze Echo, der einmal mehr aufzeigt, warum Deutschland immer noch als Popmusik-Provinz gilt.

Es sind zweieinhalb sehr anstrengende Stunden, in denen jeder mal auf die Bühne gescheucht wird, der in diesem Land noch ohne Rollator bewegungsfähig ist. Anstrengend auch, weil man schon nach zehn Minuten genug hat vom aufgekratzten Hier-ist-alles-toll-und-wir-sind-auch-toll-Overkill des Moderatorinnen-Duos Ina Müller und Barbara Schöneberger, die sich gleich am Anfang innig die Zunge in den Hals stecken – eine recyclete Geste aus besseren MTV-Award-Zeiten, die wohl irgendwie verrucht und provokant rüberkommen soll und trotzdem die beklemmende Biederkeit der Show nur unterstreicht.

Die Rache der Volksmusik am Jammerlappenpop jungdeutscher Prägung: Andreas Gabalier (Foto: Michael Mey).

Ein Treffen der Generationen sollte dieser Echo werden, die Jungen schauen ehrfürchtig hoch zu den Alten, den Lindenbergs und Niedecken – was übrigens nicht bedeutet, dass sich die Alten nicht auch permanent wechselseitig ihrer unendlichen Hochachtung versichern. Auf die Idee, Popmusik könnte auch etwas mit dem Niederreißen des Alten zu tun haben, mit der Abgrenzung vom Überlieferten, kommt hier niemand. Man hat sich lieb, sogar so lieb, dass auch Andreas Gabalier, der fesche neue Superstar der Volksmusik, einen eigenen kleinen Auftritt bekommt, der nicht niedergepfiffen wird. Der ungewollte Vergleich wiederum macht klar, dass das Befindlichkeitsgesäusel all der im Mainstream-Deutschland gefeierten Silbermonds, Bendzkos und Cluesos vor allem eines ist: neuer deutscher Schlager. Reibungspunkte liefern nur noch die allerdämlichsten – Sido und Bushido –, denen man wohl notgedrungen auch einen Preis überreichen musste. So liefert dieser Echo ein grotesk entstelltes Bild von der Musiklandschaft in Deutschland, eines das auf das Urteil von Hörern der “Jugendwellen der ARD” Wert legt oder ausgerechnet die User des Idiotenvideoportals myvideo.de einen Echo vergeben lässt. Ein Bild, das diktiert ist von angeblichen Verkaufszahlen und Charts, die über die Hörgewohnheiten jener, die sich überhaupt noch ernsthaft für Musik interessieren, praktisch nichts mehr auszusagen vermögen.

Durften nicht auf die Bühne: Kritikerlieblinge Modeselektor (Foto: Ben De Biel).

Nur folgerichtig ist dabei natürlich, dass ausgerechnet die einzige Kategorie, der man so etwas wie Sachverstand zugesteht, in der Gala gar nicht stattfindet. Der Kritikerpreis ging schon am Vortag an das Electroduo Modeselektor. Es hätte ein erholsamer musikalischer Moment sein können, die Nominierten dieses Kritikerpreises wenigstens vorzustellen. So blieben nur Kraftklub für ein klitzekleines bisschen frischen Wind und etwas Feuer auf der Bühne. Den Preis als “Best Alternative National” schnappten ihnen jedoch Rammstein weg, deren Auftritt mit einem deutlich abgehalfterten Marilyn Manson wohl den Höhepunkt der Veranstaltung darstellen sollte und doch nur gähnende Langweile bescherte. Da war man am Ende sogar noch dankbar, als ausgerechnet die Kölschen Altrocker BAP für so etwas wie ein emotionales Hoch sorgten – zumindest, bis sich ein dauerpenetranter Thomas D dazu gesellte. Da konnte man dann wenigstens wieder ungehindert lästern. Zu mehr ist dieser Echo nicht mehr gut. Es ist Trash-Fernsehen, bei dem man nur deshalb nicht umschaltet, weil man eigentlich nicht glauben kann, dass das da drin im Kasten gerade wirklich so stattfindet. Wie ein Unfall. Man muss einfach hinsehen.

Augsburg

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