Neues Jahr, neue Musik – ein Ausblick auf 2007 aus vornehmlich britischer Perspektive
Ein kurzer Blick in die Veröffentlichungslisten des kommenden Jahres verrät: Auch 2007 wird zu nicht unerheblichen Teilen ein englisches Jahr.

Mit Bloc Party, den Arctic Monkeys, Kaiser Chiefs und Maximo Park setzt die gesamte Klasse von 2006 nach. Zahllose Newcomer warten gespannt im Unterholz, Trends wie Indie-Rave auf ihre kontinentaleuropäische Bestätigung. Bei all diesen Entwicklungen den Überblick zu behalten, bleibt also schwer. Wir haben uns für euch in London umgesehen, den ein oder anderen Hoffnungsträger einem Realitätscheck unterzogen und dabei auch Interessantes aus anderen Teilen der Welt nicht zu kurz kommen lassen.

Manche Dinge gibt es eben nur in England. Oder glaubt hier irgendjemand ernsthaft, dass es einer hungrigen jungen Gitarrenband aus, sagen wir: Bottrop, Wanne-Eickel gelingen würde, mehr oder weniger in Eigeninitiative und ohne jegliche Veröffentlichung die Berliner Columbiahalle auszuverkaufen? Eben.

Die Mitglieder der vierköpfigen Band The View sind allesamt unter 21 und kommen aus dem schottischen Dundee. Einer von ihnen war früher Metzger, ein weiterer Maurer. Vor fünf Jahren gründete man zur Aufbesserung des kargen Lohns The View. Eine kleine Band also – über die heute die Säulenheiligen des Britischen Pop der letzten Dekade ihre schützende Hand halten. Der View-Schlagzeuger Steven Morrison verbrachte kürzlich eine wenig komfortable aber deutlich Image fördernde Nacht an der Seite von Englands Enfant Terrible No. 1 Pete Doherty im britisch-königlichen Strafvollzug. Infolge einer gemeinsamen Fahrt mit einem vermeintlich gestohlenen Jaguar. Kaum entlassen, beeilte sich mit Carl Barât auch die andere Hälfte der Gossen-Überväter The Libertines, dem Schottischen Jungmännerverein den Ritterschlag zu erteilen: “The View have got the spirit, they still care”, ließ Carl jüngst im NME verlauten. Und Oasis-Produzent Clive-Owen hat jetzt das View-Debüt ‘Hats Off To The Buskers’ produziert. Als derart gesegnet kürzlich die erste Single von The View, ‘Wasted Little DJs’, erschien, wunderte sich schon kaum noch einer, dass die polternde, deutlich Libertines inspirierte, aber sehr charmante Nummer sich auf Anhieb in oberen Chart-Regionen festsetzte. So weit, so typisch britisch.

Eine wirklich Sensation gelang der Band an anderer Stelle: Wir stehen auf der Empore des Londoner Astoria. Das theaterähnliche Venue im Stadteil Soho ist mit 1.600 Zuschauern seit Wochen ausverkauft und auf der Bühne stehen The View. Oben beschriebenes Album erscheint hierzulande wie in der Heimat erst im kommenden Jahr, und ausnahmsweise kennt wirklich einmal keiner die Songs, die hier gespielt werden. Auch nicht aus dem Internet. Man fragt sich, ob des angesichts der relativ regungslos und noch deutlich unerfahren aufspielenden The View trotzdem jegliche Kontenance vergessenden Publikums jedenfalls, wie sich wohl die Vorband des heutigen Abends fühlt. Die ebenfalls im Februar debütierenden Little Man Tate aus der heimlichen Britischen Pop-Hauptstadt dieser Tage Leeds müssen sich zunächst mit der Statistenrolle begnügen.
Einige Stunden vorher: Wir sitzen im Büro der Plattenfirma ‘Red Ink’. Das Sony-Unterlabel wird sein Promotion-Budget zur Veröffentlichung des View-Albums nicht über die Maßen strapazieren müssen. Zumindest in England dürfte es reichen, das Werk schlicht in die Läden zu stellen. Selbiges gilt für das ebenfalls für Anfang 2007 erwartete und mehrmals verschobene neue Album der Indie-Helden von Modest Mouse. Jahrelang galt die Band um Isaac Brock als Geheimtipp für Kenner, bis ihr vor zwei Jahren eher unerwartet mit ‘Good News For People Who Love Bad News’ ein durch die unwiderstehliche Single ‘Float On’ angetriebener Millionenerfolg gelang. Für den Nachfolger ‘We Were Dead Before The Ship Even Sank’ kann die Truppe nun mit einer mittelschweren Sensation aufwarten: Johnny Marr hat sich der Band angeschlossen. Der ehemalige Smiths-Gitarrist spielte nicht nur das komplette Modest Mouse-Alum ein, sondern verlegte gar mit heiligem Ernst seinen Wohnsitz nach Portland. Immer vorausgesetzt, die bislang aus dieser Zusammenarbeit resultierenden Aufnahmen stehen repräsentativ für das kommende Album, scheint es sich um eine äußerst glückliche Fusion zu handeln. Marr, der ja stets eher ein Band-Mann war und mit Soloprojekten wie Johnny Marr And The Healers nie ganz überzeugen konnte, umschmeichelt Songs wie ‘We’ve Got Everything’ oder ‘Missed The Boat’ auf unnachahmliche Art mit diesen typisch verwobenen, flirrend-leichtfüßigen Gitarrenfiguren, die so immer noch keinem außer ihm gelingen.

Bands, auf die man ebenfalls im kommenden Jahr ein Augewerfen sollte: Die aufgeregt-schwelgerischen Mumm Ra und die melancholisch-verträumten Breitwand-US-Indie-Rocker The Sound, vormalig Stars Of Track And Field. Ebenfalls aus der geheimen US-Indie-Hauptstadt Portland. Und natürlich die ganze Gaga-Indie-Rave-Posse um die Klaxons und Fratellis. Eine gute Adresse für Trend-Auguren jeglicher Provenienz ist zudem weiterhin das Studio des ehemaligen Lightning Seeds-Kopfes Ian Broudie. Zwar wurden dessen aktuelle Produktionen durch den tragischen Selbstmord seines Bruders Chuck zurückgeworfen, den Ruf als Übervater der jüngeren britischen Gitarrenszene wird dieses indes kaum schmälern. Aktuell auf Broudies Kundenliste steht neben den Bricklands die neuseeländische Band The Checks. Eine krachige Rock-Truppe in der Tradition der Who, die jüngst bereits mit Oasis durch Australien touren durfte und in der kein Mitglied älter als 18 ist. Und dann kommt natürlich noch zu bislang unbekanntem Termin das nächste Werk der Scouser-Weirdos von The Coral. Selbstverständlich ebenfalls von Broudie betreut.

Denkt man an die eigene Schülerband-Vergangenheit, kann man angesichts des jugendlichen Alters all dieser Bands mitunter durchaus Komplexe kriegen. Wir sind im Monto nähe Kings Cross und auf der Bühne steht die Band Ripchord (nicht zu verwechseln mit der Hamburger Band gleichen Namens!). Eine weitere Teenager-Truppe aus den Midlands. Völlig unbeeindruckt von der mit cirka 50 Leuten eher überschaubaren Zuschauerzahl dreschen die drei Jungs und ein Mädchen versiert ihre augenzwinkernd und mit ständiger Humorbereitschaft vorgetragenen Garage-Rumpler aus den Orange-Boxen. Auch den Mitgliedern der Band Milburn würde in den USA bekanntlich der Alkoholausschank verwehrt. Was sie freilich nicht davon abhält, später am selben Abend das bebende Koko im Stadteil Camden auszuverkaufen. Dankenswerterweise scheißt die mitsingende Menge gepflegt auf sämtliche Arctic Monkeys-Plagiatsvorwürfe der ebenfalls aus Sheffield stammenden Band um Joe Canal. Trotz bereits bestehender Sympathien sind auch wir ehrlich überrascht von der überaus mitreißenden Milburn-Performance im schönsten Venue der an stilvollen Spielstätten nicht eben armen Britischen Hauptstadt.

Der nächste Tag: Die Metropolis Studios in Chiswick werden von einem bulligen Sicherheitsmann mit Sturmhaube bewacht, der eher an drohende Terrorgefahren als einen der erfolgreichsten Brit-Exporte des abgelaufenen Jahres denken lässt. Über das zweite Album der Kaiser Chiefs dürfen wir noch nichts verraten, mussten dieses gar per rechtsbindender Unterschrift zusagen. Ricky Wilson lässt jedoch Grüße ausrichten und versichert, beim Schreiben des deutlich Uptempo-lastigen Materials bereits “den Slot auf der Hauptbühne des nächsten Glastonbury Festivals” im Auge gehabt zu haben. Produziert hat einmal mehr Stephen Street, allerdings nicht da, wo wir heute sitzen: “Wir tun nur für die Presse so, als würden wir hier arbeiten”, zwinkert Ricky. “In Wahrheit sind wir längst fertig.” Jedenfalls, soviel sei verraten, ist die Platte komplett abgemischt und wird im Februar erscheinen. Und zeitgleich gibt es dann natürlich auch das komplette Interview auf motor.de. Bis dahin begebe ich mich in den verdienten Winterschlaf – drei Tage London sind immer noch gefühlte zwei Wochen in irgendeiner anderen Stadt der Welt.

Ach ja: Freuen darf man sich auch auf die zweite Ausgabe der British Musik Week. Die bereits in diesem Jahr vom Verband der britischen Tonträgerindustrie (BPI) ausgerichtete Veranstaltung dient der Verbreitung des immer noch wichtigsten britischen Exportartikels namens Pop im Land der Dichter und Denker und wird 2007 neben Berlin auch in Köln und Hamburg ausgetragen. Wetten, dass wir dann einige der oben beschriebenen Bands auch hierzulande begrüßen dürfen?

Text: Torsten Groß