Es ist ein offenes Geheimnis: Drogenschmuggel ist in Mexiko eine ganz große Nummer. Doch nicht nur mit dem Transport von Kokain lässt sich eine Menge Geld machen, auch von der musikalischen Umsetzung dieser illegalen Aktivitäten kann man zwischen Tijuana und Palenque ganz gut leben. Was Johnny Cash und der Gangster-Rap vorgemacht haben, können die Interpreten und Komponisten der “Narcocorridos” schon lange. Da stellt sich nur zwangsläufig die Frage, ob das von den Zillertaler Schürzenjägern ebenfalls behauptet werden kann?


“Hier bekam Juan el Grande eine Kugel in die Brust, doch er starb, als er seine Leute verteidigte. Er ließ mein Maultier passieren und dann tötete er den Leutnant.”
(Los Broncos de Reynosa)

“Guck dir das mal an”, grinst Nelson und dreht den Ständer mit den Kassetten im Busterminal von Guerrero Negro in Baja California in meine Richtung. Müde hebe ich mich von meinem Rucksack. Was soll es auf den Covern von mexikanischen Musikkassetten schon zu sehen geben? Außer natürlich dicke Männer mit Hut und Schnauzbart in gebügelten Hemden? Ohne diese Requisiten verkauft man in Mexiko als Mann nämlich keine einzige Platte.


Mit Hut, Bauch und Kanone

Zuerst fällt auch nichts besonderes auf. Von dutzenden bunten Covern strahlt mich der Prototyp der mexikanischen Populärmusik an. Soweit also alles normal. Doch plötzlich sehe ich, was mein Mitreisender meint. Auf einigen Fotos sieht man die Musikanten nicht nur friedlich unter Hüten und über runden Bäuchen strahlen, sondern mit Waffen posieren. Mit vor Stolz geschwellter Brust steht Fabian Ortega a.k.a. “El Halcon de la Sierra” (Der Falke der Berge) da auf einer Blumenwiese und präsentiert seine AK47. Dabei gibt er sich alle Mühe, grimmig zu gucken. Was soll das denn sein? Gangster-Volksmusik? Kalaschnikow-Folk?

Dass ich mit solchen Vermutungen gar nicht mal so verkehrt lag, erfahre ich, als ich mich in San Christobal bei einem Straßenverkäufer nach den Platten erkundige. “Narcocorridos sind das”, erklärt der braungebrannte Mann, der neben Fabian Ortega auch alle anderen Stars des Genres im Regal hat. Gruppen wie Los Tigres del Norte, Los Broncos oder Los Tucanes de Tijuana, so erklärt er mir, machen ein Vermögen damit, die Geschichten und das Leben der lokalen Drogenschmuggler zu vertonen. Schießereien, Attentate, Racheaktionen und waghalsige Verfolgungsjagden bilden den Inhalt der oftmals vor Klischees triefenden Lieder, die “Eine Faust voll Puder”, “Pakete zu je ein Kilo”, “Tod eines Regierungsbeamten” oder “Ein Gramm pro Nase” heißen.

Was nach Realsatire klingt, ist absurde Realität. Die gewaltige mexikanische Drogenschmuggelindustrie (geschätzte sieben Milliarden Dollar setzen allein die Kokainkartelle des Landes jährlich um) ist nicht nur für die enorme Gewaltstatistik des Landes verantwortlich (im Schnitt sterben 3,3 Menschen pro Tag im Zusammenhang mit Drogengeschäften), sondern sorgt als Inspirationsquelle der Pop-Musik auch für eine moralische Umwertung des eigenen Schaffens im Bewusstsein der Konsumenten. “Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurde das Monopol des legitimen Diskurses über den Drogenhandel gebrochen”, erzählt Luis Astorga vom Institut für Sozialforschung der Universidad Autónoma de México in der Januarausgabe der Zeitschrift. “Die Personen des Drogengeschäfts sowie die Drogen selbst werden häufig mystifiziert.”
Für den Durchschnittseuropäer mag das zunächst verwirrend erscheinen. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, dass all das in einem Land geschieht, in dem die Polizei den Ruf hat, mehr Verbrechen zu begehen als zu verhindern, Politikern keinen Meter über den Weg getraut wird und “Narcos”, die arme Gemeinden mit Geld unterstützen, schnell als Robin-Hood-gleiche Outlaws gesehen werden.


Eine kleine Knastmusik

Was die breite Akzeptanz dieser Musik angeht, mag darüber hinaus mitentscheidend sein, dass es sich um ein tief in der Musik- und Kulturgeschichte des Landes verwurzeltes Phänomen handelt. Bereits zu Revolutionszeiten anno 1910 bis 1917 erzählten Corridos – von denen sich die neuen Songs mit Gitarren- und Trompetenklängen musikalisch kaum unterscheiden – von den Taten der Volkshelden Emiliano Zapatas und Pancho Villas. Musik fungierte als Nachrichtenquelle und hielt die Geschichte des Landes fest. Die ersten Gangsterepen tauchten in den Zwanzigerjahren mit der Prohibition und dem damit einhergehenden Alkoholschmuggel auf. Heute mögen die Drogen andere sein, gesungen wird darüber noch immer. Bei dieser Symbiose verwundert es kaum, dass die Grenze zwischen Drogengeschäft und Drogenmusik gelegentlich schwer auszumachen ist. Die Band Los Compas del Norte beispielsweise musiziert aus dem Knast heraus, wo sie wegen Drogendelikten einsitzt. Der nach einem Konzert erschossene “Chalino” Sánchez begann seine Musikerlaufbahn hinter Gittern und in seinem Buch “Narcocorrido – A Journey Into The Music Of Drugs, Guns and Guerillas” schreibt Elijah Wald, dass ein Komponist mit Auftragsarbeiten – also der Verewigung eines Drogenbarons im allgemeinen kulturellen Gedächtnis – bis zu 30.000 Dollar verdienen kann. Viel Geld in einem Land, in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen bei rund 4.000 Dollar liegt.

Mehr Gewalt

Andere Länder, andere Sitten, denke ich mir. Doch noch Tage später verfolgt mich während nicht enden wollender Busfahrten der Gedanke, wie wohl in meiner Heimat eine solche Verbindung von Gewaltkultur und Volksmusik aufgenommen werden würde?
Vielleicht liegt es an der Hitze, dem komischen Trinkwasser oder an dem stundenlangen Gewackel, das einen matschig im Kopf macht, aber plötzlich bekomme ich Visionen, wie die Absatzkrise der deutschen Plattenkrise zu bewältigen ist: mit mehr Gewalt! Könnte, nachdem bereits amerikanische Ghetto-Klischees im deutschen HipHop dankbar aufgenommen wurden und die Mörderballaden von Nick Cave und Johnny Cash sich selbst bei Juso-Pazifisten hoher Beliebtheit erfreuen, könnte da nicht ein Gangster-Musikantenstadl die deutschsprachige Volksmusik retten? Ist nach dem Abgang von Karl Moik nicht der Weg frei für einen Neuanfang? Lechzt die Schunkelfraktion der Republik nicht im wahrsten Sinne des Wortes nach frischem Blut?
Vor nicht all zu langer Zeit hat Gunter Gabriel mit seiner Soldatenhymne “Es steht ein Haus im Kosovo” doch bereits auf vorbildlichste Weise und virtuos Realpolitk in Pop-Musik verwandelt. Könnten da die Wildecker Herzbuben nicht mit Songs über die tollkühnen Machenschaften der vietnamesische Zigarettenmafia nachziehen? Die Flippers vielleicht das Schicksal polnischer Alkoholschmuggler beleuchten? Die Kastelruther Spatzen das gefährliche Leben deutscher Grenzschützer portraitieren, während Michelle das Schicksal ihrer sich sorgenden Frauen beweint? Stephan Mross nicht die Wahrheit über Drogengeschichten hinter den Kulissen auspacken und die Zillertaler Schürzenjäger endlich mit Patronengurten und martialischen Posen den Grad an Gefährlichkeit erreichen, dem sie mit ihren Mopeds schon seit Jahren vergeblich hinterher rennen? Sie könnten. Doch irgendwie fürchte ich, dass die Welt diesseits des Atlantiks für soviel Authentizität noch nicht bereit ist.