Musiker sehen es ja gar nicht gerne, wenn sie mit anderen Musikern verglichen werden. „Lazy Journalism!!“ schimpfen sie dann. Aber Herrjeh, die Flut der Assoziationen stürmt auf mich ein und ich möchte sie gerne teilen. Ob andere Ohren die gleichen Referenzen heraus hören. Könnte ja sein, dass wir völlig andere Ansätze wahrnehmen.

Ich jedenfalls höre dies: Ein Rufus Wainwright ohne Opernhysterie covert Blurs „The Universal“ („Wake Up Scarlett“). Ein Mid70s-Elton John stolpert kopfüber in eine 20er Jahre Music Hall Nummer (“Everybody Wants A Little Something”). Ich höre den Missing Link zwischen Ben Folds, Disney und Kurt Weill („Brixton Leaves“). Hoppla, Keane? Aber auf Großbildleinwand. Im Autokino, mindestens. („Freewheel“). Oder: Ein Jamie Cullum, den man nicht schlagen will, erklärt der Welt die Dresden Dolls. Ein Ed Harcourt, der sein Potential ausreizt.

Yup, schon nach wenigen Songs ist man überzeugt: Dieser Duke Special – nie gehört bisher von dem Kerl, übrigens – ist was ganz Besonderes. Der ist ein ganz ein smarter. Der hat nicht nur seine Hausaufgaben gemacht. Der hat das Prinzip hinter der Aufgabenstellung verstanden. Hat die Musikgeschichte nicht nur aufgesogen. Sondern er überträgt sie so gekonnt in seine Songs, dass man – wie damals bei Oasis (nur anders, aber genauso) – glaubt, die Lieder schon seit Jahren zu kennen. Glaubt man aber nur. Diese Songs sind brandneu. Und Duke Special, dieses Schlitzohr, ein eben erst im United Kingdom durchbrechendes „Talent“.

Und jetzt die nächste Überraschung. Wir hören also das Album und stellen uns den Duke vor als dandyhaften Typen a la Divine Comedy. Einen Anzug muß er tragen, einen Regenschirm für die Balletteinlagen, eine Melone vielleicht?
Von. Wegen. Der Duke sieht aus wie ein „Crusty“! So nennen die Engländer diese Hippietypen, die ihr Leben zu acht im umgebauten Lieferwagen verbringen und ihren Kalender an einer endlosen Levellers-Tournee ausrichten. Schlotzige, lange Dreads teilen sich seinen Schädel mit kahlrasierten Stellen. Der Schlabberpullover hängt ihm bis in die Kniekehlen. Nicht der Typ, den man normalerweise in seinen Konzertsaal läßt.

Aber es geht ja zum Glück um Musik. Mit dem Duke (Peter Wilson laut Pass, übrigens) auf der Bühne: „Percussionist“ Chip Bailey, den er einst auf einem Flohmarkt aufgabelte. Chip verläßt den Platz hinter den Drums gerne, um seinen selbstgebauten Schellen-Tambourine-Waschbrett-Cowbell-Glockenstab rhythmisch in den Boden zu rammen und mit diversen Schlagstöcken zu bedengeln. Den Duke, der die Performance am Klavier verbringen „Muss“, stellt er manchmal ganz schön in den Schatten. Ja, wenn man die zwei auf der Bühne sieht, fragt man sich, ob sie in der Schublade Kleinkunst nicht besser aufgehoben wäre als in der, auf der „Rock’n’Roll“ steht.

Aber die Songs! Habe ich erwähnt, dass man sie schon ewig kennt? Wie bei Oasis? Die natürlich hiermit rein GAR NICHTS zu tun haben? Okay, ich weiß selbst, das hab’ ich schon. Kann man aber nicht oft genug sagen. Denn! Diese Songs entscheiden, dass aus dieser Kleinkunst Großkunst wird. Absicht? Zufall? Wen kümmert’s?

Jedenfalls ist es letztlich nur allzu logisch, dass dieser Peter Wilson aus dem nordirischen Belfast (das im London-zentrischen UK-Musikmarkt kaum abseitiger liegen könnte) einen Vertrag aus der Hauptstadt an Land gezogen hat.

Weil sein schon beinahe legendärer Ruf, den er sich in ganz Irland mittlerweile durch zahlreiche Shows und Supportgigs sowie limitierte eigenproduzierte Singles erspielt hat, ihm bis in die Metropole vorauseilte. Wer ist dieses Original, fragte man sich in der Hauptstadt, das seine irischen Shows längst in Windeseile ausverkauft, dessen Fans sich bereits Wochen vor den Gigs aufgeregt auf Internet-Foren austauschen?

V2 ist von dem Mann dann auch so überzeugt, dass es ihm auch seine kostspieligen Wünsche von den Lippen abliest. So erscheint das Album „Songs From The Deep Forest“ auch als limitierte Box aus sechs 7“-Vinyl-Singles, mit wunderhübschen Einzelcovern. Der Duke steht auf sowas. Eine seiner eigenproduzierten Singles lief auf 78 Umdrehungen, wie die Schellackplatten, die er per Grammophon auf der Bühne „samplet“. Sympathische Sperenzchen eines Liebhabers.

Zum Abschluss ein Vergleich: „Eine gute Freundin hat mal gesagt:“, so der Duke, „Deine Musik klingt wie Weihnachten. Das hat mich wirklich gefreut.“

Treffender hätte man es auch nicht ausdrücken können.
Okay, bis Weihnachten sind noch ein paar Monate hin. Aber wenn diese Platte im Oktober in den Regalen liegt, haben die ersten Läden ihre Winter-Deko schon ausgepackt. Passt also, irgendwie. Mal ganz abgesehen davon natürlich, dass dies auch eine ganz herrliche Herbstplatte ist. Den Blättern zuschauen, wie sie vom Baum rieseln und dazu „Portrait“ hören. Dabei ahnen, dass dies auch eine herrliche Frühlingsplatte sein wird und man den Wiesen beim Ergrünen zugucken kann zu „Slip Of A Girl“.
Denn: ein Duke Special ist fürs Leben, nicht nur für Weihnachten.

Henning Furbach – v2.music.com