Sein Debüt ‘Zeitgeist’ erschien bereits 1998. Seitdem arbeitet Joe Rilla aus dem Ostberliner Bezirk Marzahn kontinuierlich an seiner Rap-Karriere. Erst erschienen ein paar Alben mit seiner Crew Analphabeten, dann die Zusammenarbeit unter dem Label ‘Ostblokk’. Letztes Jahr folgte schließlich das weitere Solo-Album ‘Bereit Zu Sterben’. Doch Joe hat seitdem schon wieder soviel erlebt, dass er bereits jetzt neues Material nachlegt. Erst kam vor einigen Wochen das Mixtape-artige ‘Gunz Nach Oben’, auf dem er u.a. auch US-Hits wie ‘Candyshop’ oder ‘Love It Or Hate It’ verarbeitete, nun folgt schon mit ‘Aus Der Platte Auf Die Platte’ die nächste Scheibe – die wohl für einige Aufregung in der deutschen HipHop-Szene sorgen wird.

Im ersten Stück ‘Hier Bin Ich’ rappt Joe hoffnungsvoll: “Aus meinen Augen sprechen alle von hier./ Seid stark. Ihr sollt nie die Hoffnung verlieren.” Doch gleich im nächsten Lied geht es darum, dass er sich als “Killer” sieht. Beide Aspekte gehören für ihn einfach zu seinem Leben und zum Rap. “Im ersten Track, der wie eine Art ‘Intro’ kommt, schildere ich, dass ich immer noch heiß bin und den Osten auf den Schirm bringen will. Das Ding geht zum größten Teil an meine Kumpel aus dem Osten. Der Track mit Tony-D und B-Tight ist dagegen hart und teilt verbal aus, d.h. im Rap sind wir eben auf dem Track die Killer, die Killer!”

Ja, das ist schon mal in Ordnung. Aber wenn diese verbalen Attacken wie im Stück ‘Ihr Geht Mir Alle Bis Hier’ recht persönlich und realistisch ausarten, geht das schon ein bisschen weit. Darin heißt es nämlich: “Wer von euch will Stress mit dem Blokk./ Es gibt kein Battle mehr, es gibt vor den Kopp./ Ein, zwei Dinger, und du fällst wie ein Baum./ Ich hätte Lust, mich mit Blumentopf zu hauen.” Doch für Joe ist Rap Battle und so eine Drohung durchaus gerechtfertigt. “Die Aggressionen werden im Rap einfach verbal verpackt. Andere machen zum Ausgleich Graffiti, Breakdance oder DJing. Wer bei uns im Viertel Scheiße baut, kriegt halt vor den Kopf. Blumentopf haben eben meiner Meinung nach in Sachen Rap Scheiße gebaut. Die einen mögen es, die anderen hassen es. Fertig!”

Das Thema Gewalt spielt eine große Rolle auf ‘Aus Der Platte Auf Die Platte’. Dabei hatte Joe im Booklet zur CD ‘Bereit Zu Sterben’ noch geschrieben: “Ich fühle mich so gut wie nie zuvor, und bin so ausgeglichen wie nie zuvor in meinem Leben.” Wo ist diese Ausgeglichenheit geblieben? Was hat sich da im letzten Jahr verändert? Ein wichtiges Ereignis war auf jeden Fall die Tour mit den ‘Aggro’-Künstlern. “Ausgeglichen bin ich immer noch, da alles wie am Schnürchen läuft. Neues Album, neue Tracks, alles neu eben. Verändert hat sich aber viel nach der ‘Aggro Ansage Vier’-Tour im November 2004, da die Leute da draußen seitdem auf neues Material von mir warten. Das Album ist für mich eine Art ‘Mit dem Kopf durch die Wand’-Ding, sprich: da ist wenig Platz für Augenzwinkern und Ladidadi. Mein Rap lebt nicht nur von diesen Humor-Sachen, sondern ich bin diese CD schon ernsthafter angegangen, was aber nicht heißen soll, dass ich gefrustet bin oder so.”

Es ist aber schon auffällig, dass insgesamt der Humor auf ‘Aus Der Platte Auf Die Platte’ deutlich zurückgefahren wurde. Erst mit ‘Taschengirls’ und ‘Stein Auf Stein’ wird auch mal augenzwinkernd auf den Alltag geschaut. Bei ‘Stein Auf Stein’ bringt Joe auch mal was Positives rüber: “Es gibt nur eines, dass sich die Trauer wieder legt./ Entweder wir bauen Stein auf Stein, bis die Mauer wieder steht./ Oder wir fangen alle zusammen noch mal neu an./ Komm, wir machen Ost und West zu einem Deutschland.” Unterstützt wird er dabei von Sido, mit dem er sich fröhlich Klischees und Witze um die Ohren haut. “Die ganzen Kollabos kamen natürlich durch die Tour zustande. Größtenteils stehe ich mit den Jungs von ‘Aggro’ natürlich noch in festem Kontakt. Sie unterstützen mich alle in jeglicher Hinsicht. Des Weiteren wollte ich auch mal mit Leuten zusammenarbeiten, die nicht direkt aus meinem Umfeld kommen. Pillath und Snaga sind auch noch drauf – die Blokk-Pott-Connecte!”

Aber natürlich kümmert sich Papa Joe noch um seine Ostblokker. Für Serafinale hat er nicht nur mit Mesa als Alphabeatz einfach mal alle Beats für dessen CD ‘Serafiniert’ produziert und das Ganze abgemischt, sondern auch noch ein paar verbale Beiträge abgeliefert. Bei ‘Sauerstoff’ packt er sowohl schöne Wortspiele als auch motivierende Worte in den Refrain: “Wir entfernen uns gern und beschweren uns – mit Last auf Schultern./ Komm zur Vernunft, Mann!/ Spreng den Umfang!” Solche Sprüche sind es, die stärker berühren als diese aggressiven Drohgebärden. Deshalb war es Joe auch wichtig, sein eigenes Album am Ende positiv ausklingen zu lassen. Im letzten Stück ‘Kein Zurück’ heißt es: “Kein Zurück./ Nur nach vorn. Junge, lauf. Es ist nur noch – ein kleines Stück./ Kopf hoch. Gib nicht auf und glaub – an dein Glück!” Das ist es, was auch Joe antreibt. “Der Track fasst das Alles zusammen. Für mich ist es jetzt auch so, den Kopf hochzuhalten und weiter zu machen. Eben durchzuhalten, egal, was da kommt.”

Text: Holger Köhler