Der einsame Wolf ist wieder da. Lange war er durch die Wälder und Hügel, Straßen und Häuserblocks seiner kalifornischen Heimat gestreift; immer auf der Hut vor den Menschen, den Abstand zu ihnen und ihren niederträchtigen Spielchen wahrend. Stets aber dennoch nah genug, ihr Verhalten zu beobachten und sich einen Reim darauf zu machen. Genau genommen sogar viele Reime, denn unser Wolf ist natürlich in Wahrheit selber menschlich im eigentlichen Sinne – und obendrein noch Musiker und Songschreiber. Er gab sich den Namen ‘E’, im Gegensatz zu seinen Eltern, die ihren Spross einst als Mark Oliver Everett auf die große Reise schickten, die wir Leben nennen.
In den Sechzigern war das. Mama und Papa Everett sind seither unter recht tragischen Umständen verstorben, ebenso einige von Es näheren Verwandten – Ereignisse, die der kauzige Brillenträger mit den ersten Alben, die unter dem Namen Eels veröffentlicht werden, verarbeitet. ‘Beautiful Freak’ (1996) aber vor allem ‘Electro-Shock Blues’ zwei Jahre später sind durchzogen von Texten über Selbstmorde, Friedhöfe, Verlust und Verzweiflung – aber auch hier schon mit zaghaftem Silberstreifen am Horizont. Inzwischen ist der “ganze Scheiß von meiner Familie in Kisten” verstaut, darunter übrigens auch ein Briefwechsel zwischen Es Vater und Albert Einstein. Es gilt, sich der Gegenwart zuzuwenden.

Spätestens ab der Jahrtausendwende und dem sagenhaften ‘Daisies Of The Galaxy’-Album hat sich der Eels-Kosmos mit seinem Soundtrack zu einem harmonischen Ganzen zusammengefunden: Relativ simpel gehaltene Songs, die häufig vertraut doch selten langweilig klingen, bieten die Basis für Experimente mit Instrumentierung und Arrangement, vor allem aber für Everetts oftmals brillante Texte. Inhaltlich geht es nach wie vor um Selbstzweifel, Einsamkeit und Trauer, allerdings verstärkt im Wechsel mit fragiler Hoffnung und dem Wunsch nach etwas Schönem im Leben. Regelmäßig werden Außenseitern und scheinbaren Verlierern wie dem ‘Dog Faced Boy’ musikalische Denkmäler gesetzt, da wird die ‘Love Of The Loveless’ gefordert und nachdrücklich werden unsere gefiederten Freunde dem egomanischen Treiben der Menschen vorgezogen (‘I Like Birds’). Inmitten all dessen und doch distanziert platziert sich der eingangs erwähnte ‘Lone Wolf’ E, der sich mit dem gleichnamigen Song auf dem Album ‘Shootenanny’ (2003) quasi seine definitive eigene Erkennungsmelodie schreibt. Nun, wiederum zwei Jahre später, hat der Isegrim des Indie-Rock auf seinen Beobachtungsstreifzügen eine Erkenntnis gewonnen, die ihm einer Offenbarung gleichkommt: Er bevorzugt blinkende Weihnachtsbeleuchtung gegenüber dem dauerhaft leuchtenden Lichtergesindel. So sehr, dass er sein neues Album eben danach benennt: ‘Blinking Lights And Other Revelations’.

Eine Metapher möglicherweise für das ständige Auf und Ab, den stetigen Wechsel von Glück und Trauer im Leben – gepaart mit der dämmernden Erkenntnis, dass gerade hierin das eigentlich Tolle an der ganzen Angelegenheit liegen könnte. ‘Hey Man, Now You’re Really Living!’ möchte man E zurufen – wenn er uns nicht damit zuvorgekommen wäre und den Song diesen Titels als erste Single veröffentlicht hätte.

Stattdessen fragen wir ihn also brav ein wenig zu dem, was vor, während und seit den Aufnahmen des Albums so passiert ist. Immerhin will Herr Aal mit den Arbeiten daran bereits 1997 begonnen haben; außerdem war zu lesen, der Stress habe ihn fast umgebracht und obendrein sind 33 Songs auf zwei CDs ja auch nicht gerade Standard. Nun denn, also. Im Keller seines Hauses wurde der Großteil aufgenommen; im Heimstudio sozusagen, denn “das gibt mir die Gelegenheit, zu entspannen, mein ‘Haar offen zu tragen’ – bildlich gesprochen.” Gäste wie REMs Peter Buck oder John Sebastian (Lovin’ Spoonful) und natürlich Dauerpartner und Drummer Butch trugen ihr Scherflein bei. Dass das Werkeln an ‘Blinking Lights…’ so lange gedauert hat, schiebt er der Tatsache in die Schuhe, dass ihm andere Alben dazwischen gekommen seien; auch habe sich die Zusammensetzung des neuen Doppelpacks einige Male verändert. Von akutem Stress ist dem bärtigen Herrn, der einst seine Heimat im Bundesstaat Virginia aufgab, um nach Kalifornien zu ziehen, “wo die ganze Musik zu passieren schien”, nicht unbedingt viel anzumerken. Eher schon das übliche Unbehagen der Eigenbrötler in Interviewsituationen, der Widerwille, sich in die Karten oder gar die Seele schauen zu lassen. Dann wiederum – einen präziseren Blick in letztere als den, den die Text der E’schen Songs seit jeher bieten, braucht man im Grunde ja auch kaum anzufordern oder zu erwarten. Statt der Tiefenanalyse des Künstlers hier also lieber ein paar Geschichtchen von ihm. Zum Beispiel die, wie Tom Waits einen gemeinsamen Bekannten nach Es Telefonnummer fragte, damit er mit ihm zusammenarbeiten könne. Das Ergebnis ist nun nachzuhören in ‘Going Fetal’, einem  Song, den Waits nach eigenem Gutdünken und “entgegen meinen Instruktionen” mit einem kleinkindhaften Heul-Solo verfeinerte. Oder wie E sich – einfach so – auf eine Zugreise quer durch die Vereinigten Staaten begab. “Vier Tage hin, vier Tage zurück.” Eine merkwürdige Erfahrung, denn “niemand benutzt die Eisenbahn in Amerika noch wirklich, alle fliegen oder fahren Auto. Das ist eine aussterbende Sache – was schade ist. Die ‘Railroad Men’, die altgedienten Zugbegleiter, sind ein im Verschwinden begriffenes Stück Geschichte – und erinnern mich an meine Empfindungen dem Musikbiz gegenüber.”

Das mag traurig klingen, sollte aber doch in Zeiten von Klingelton-Overkill, Casting-Wahn und Retorten-Recycling eigentlich ein wahrhaftiges Kompliment sein. Und ein solches gebührt dem Mittvierziger sicherlich. Dazu obendrein ein artiges Dankeschön. Dafür, dass er immer noch unermüdlich darauf hinweist, dass die, die auf der Sonnenseite gehen, nicht zwingend die besseren Menschen sind. Dafür, dass er seinem Hund, dem vom Schicksal nicht unbedingt verwöhnten Bobby jr., eine eigene Website gebaut hat. Dafür, dass sich bei ihm noch abgrundtief traurige Textzeilen anfühlen, wie ein Mut machender Knuff in die Seite. Ja ja, so ist das…

Text: Torsten Hempelt