Sie waren die Sensation des Rockjahres 2003. Dass die Kings Of Leon jedoch schon jetzt, nur ein gutes Jahr nach dem mit Mehrfachplatin ausgezeichneteten Debüt „Youth An Young Manhood“ und einer endlos langen Welttour, mit „A-Ha Shake And Breakdown“ bereits einen Nachfolger vorlegen würden, damit hätte wohl kaum einer gerechnet. Wir unterhielten uns mit Kings Of Leon-Schlagzeuger und Hauptsongwriter Nathan Followill über die Belastungen, die der plötzliche Erfolg mit sich bringt, und die Vorteile, in einer Band zu spielen, die ausschließlich aus Blutsverwandten besteht.

Nathan, die meisten Leute dürften erstaunt sein, dass Ihr mit „A-Ha Shake Heartbreak“ so schnell ein weiteres Album vorlegt. Stand Euch nach 18 Monaten auf Tour nicht erstmal der Sinn nach etwas anderem als miefiger Studioluft?

Während der Monate, die wir nach dem Erfolg von „Youth And Young Manhood“ unterwegs waren, sind wir als Band erst zur vollen Reife gekommen. Wir hatten beinahe täglich Ideen für neue Songs in solch einer Fülle, dass es beängstigend war. Da unterwegs keine Zeit war die Sachen auszuarbeiten, haben wir alles nur skizzenhaft festhalten können. Es schien uns also das Beste, gleich nach Abschluss der Touraktivitäten ins Studio zu gehen, damit wir den Vibe und all diese fantastischen Ideen nicht verlieren. Wir waren beseelt von der Idee, der Welt zu zeigen, was wirklich in uns steckt, da wir das Gefühl hatten, dass unsere neuen Sachen um so vieles besser waren als die Songs auf dem ersten Album. Jede Band will sich ja steigern.

Und, ist das Album besser?
Es ist auf jeden Fall viel besser als das Erste, gar keine Frage.
Das klingt für mich ehrlich gesagt nach einer abgedroschenen Phrase. Schließlich behauptet nahezu jede Band von ihrem jeweils aktuellen Album es sei das beste ihrer Karriere…
In diesem Fall ist es aber tatsächlich so. Und ich werde Dir auch erklären warum: Bei „Youth And Young Manhood“ konnten wir die Songs, nachdem wir sie aufgenommen und wieder und wieder gehört hatten, irgendwann nicht mehr ertragen. Wir waren nicht wirklich zufrieden mit ihnen und hätten im Nachhinein vieles gerne noch geändert. Jetzt jedoch gab uns der Engineer, als wir fertig waren, einen Rough-Mix der Aufnahmen, und je häufiger wir sie hörten, desto mehr waren wir begeistert und fanden, dass wir alles richtig gemacht haben. Es gibt auch jetzt, mit einem gewissen zeitlichen Abstand praktisch nichts, was wir noch ändern würden, wenn wir denn die Möglickeit dazu hätten.

Immerhin habt Ihr Euch nicht darauf beschränkt, einen plumpen Neuaufguss des Debüts aufzunehmen, sondern habt auch einige neue Sachen probiert…

Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, läuft es ja meistens folgendermaßen: Wenn es an die Aufnahmen zum zweiten Album geht, picken sich viele Bands einfach die Elemente heraus, die beim ersten Mal am besten angekommen sind, die die Leute am meisten geliebt haben. Das ist uns jedoch zu einfach. Natürlich sollten die neuen Songs als Kings Of Leon-Material erkennbar sein. Wir sind ja immer noch dieselbe Band, und das ein oder andere wird den Leuten sicher vertraut vorkommen. Insgesamt aber war es uns wichtig, etwas wirklich anderes zu machen als auf „Youth And Young Manhood“, alles andere wäre auch langweilig. Das schöne an dieser Platte war auch, dass sich jeder von uns hundertprozentig mit eingebracht hat, während beim letzten Mal alle Songs von mir und Caleb kamen. Das hat uns natürlich ganz andere Möglichkeiten erschlossen.

Die Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre dürften Euren Themenkanon um einiges erweitert haben. Womit habt Ihr Euch textlich auseinandergesetzt?

It’s pretty much about being on the road, baby. Wir haben das ganze Spektrum: Liebe. Entwurzelung. Angst. Freude. Auf der ersten Platte hatten wir ein paar Sachen dabei, in denen es um Unfälle und komische Begenbenheiten der Straße ging, eben das, was wir damals so erlebt haben. Jetzt sind einige der Songs sehr melancholisch geworden, da sie von all den verrückten Dingen inspiriert sind, die wir auf unserer Reise um den gesamten Erdball erlebt haben. Da waren so viele gegensätzliche Dinge, und die meisten davon waren völlig neu für uns. Wir wären verrückt geworden, hätten wir nicht die Chance bekommen, all das niederzuschreiben.

Ist auch der Titel, „A-Ha Shake Heartbreak“, ein Ausdruck dieser inneren Zerrisenheit?

Exakt. Er ist zweigeteilt: „A-Ha Shake“ meint: Es geht uns gut. Wir wollen tanzen und sind euphorisch. Man kann sich ja auch gut zu unserer Musik bewegen. Aber dann gibt es eben auch die andere Seite, den „Heartbreak“. Das ist allerdings kein love/hate-heartbreak, nicht diese boy-loosing-a-girl-Nummer, es geht nicht um Liebe. Das hier ist kein erwachsenener Schmerz sondern ein eher unschuldiger Kummer. Stell dir vor, du bist elf Jahre alt und der Sommer kommt. Einerseits freust du dich auf die Ferien. Andererseits weißt du aber, dass du dich für sechs Monate (sechs Monate Ferien? – auf nach Tenessee! Anm. des Autors) von all deinen Freunden verabschieden musst. Es geht um die Art von Schmerz, die dieser Junge an seinem letzten Schultag empfinden wird, das scheint mir ein schönes Bild zu sein.

Ihr habt aber immerhin den Vorteil, wenn ihr unterweg seid von Familienangehörigen umgeben zu sein. Oder ist das vielleicht gar kein Vorteil?

Doch, auf jeden Fall. Wenn die Leute mit denen du in der Band bist dieselben sind, mit denen du auch in Urlaub fahren würdest, dann kann es wohl besser nicht sein. Wir haben hier das Beste aus beiden Welten vereint: Einerseits sind wir alle wirklich gute Freunde uns können zusammen arbeiten und feiern, andererseits sind wir eben eine Familie mit allem, was dazu gehört.

Ich habe ebenfalls einen Bruder und empfinde es als sehr angenehm in seiner Gegenwart ganz und gar ich selbst sein zu können, ohne jegliches Kalkül. Außerdem kann man sich mit Geschwistern ja nach einer Auseinandersetzung sehr viel schneller wieder zusammenraufen.

Das kennen wir auch sehr gut. Wenn wir uns streiten, ist das für Außenstehende sicher manchmal heftig. Wir werden sehr laut, kotzen uns aus, und dann ist alles wieder okay. Das ist wie ein Tornado: kurz aber heftig.

Wie wichtig war dieser Zusammenhalt, um mit den Veränderungen in Eurem Leben umgehen zu können, was hat der Ruhm mit Euch als Band gemacht?

Was wir in diesen 18 Monaten erlebt haben war der größte Umbruch, den jeder von uns jemals mitgemacht hat. Anfangs standen wir dem ganzen Geschäft mit einer unglaublichen Naivität gegenüber. Nun, wir mussten sehr schnell lernen. Rückblickend fühlt es sich so an, als seien wir ohne Waffen an die Front geschickt worden. All diese Magazine bauen so eine Erwartungshaltung auf… Wir alle mussten – jeder für sich – Wege finden mit dem Druck umzugehen. Das hat uns aber zu vier eigenständigen, erwachsenen Induvidien gemacht, ein Crash-Kurs praktisch.

Das war sicher nicht ganz einfach, zumal ihr ja auch noch sehr jung seid…

Allerdings. Einige von uns sind zu jung, um in den Staaten Alkohol zu bekommen, deshalb haben wir dann ja auch soviel in Europa gespielt, damit alle trinken konnten (lacht).

Ich dachte, Ihr seid eine christliche Band?

Oh man! You just got to realize how BAD we really are! Okay, wir glauben an Gott und beten auch regelmäßig, damit wir die Bodenhaftung nicht verlieren. Aber ansonsten gilt nur ein Gesetz: Was immer auch im Bus passiert, das soll auch dort bleiben. Nur manchmal ist da auf einmal jemand mit einer Kamera und dann bist du gefickt (lacht). Und ich würde uns auf keinen Fall als eine ‚christliche Band’ bezeichnen nur weil wir gläubig sind.

Was wir wohl Euer Vater, der ehemalige Priester Leon Followill sagen, wenn er das hört?

Er ist sehr Stolz auf uns. Ich spreche mehrmals die Woche mit ihm. Außerdem ist er ja ohnehin längst kein Mann Gottes mehr, er malt jetzt Bilder. Das ist übrigens eine Familientradition, wir haben früher alle sehr viel zusammen gemalt. Leider haben wir jetzt keine Zeit mehr dazu, aber wenn ich einmal selbst Kinder habe, werde ich in jedem Fall diesen Faden wieder aufgreifen. Das wird mich an die alten Zeiten erinnern.

Was haltet Ihr eigentlich davon, wenn man Euch die „Southern Strokes“ nennt, ist das okay für euch?

Das geht in Ordnung, schließlich impliziert es ja im Umkehrschluss, dass sie die ‚New York Kings Of Leon’ sind (lacht). Es ist witzig, das uns jeder darauf anspricht, weil wir nämlich überhaupt keine Probleme damit haben. Die Strokes sind großartige Typen, sie gehören mittlerweile zu unseren besten Freunden. Das sind tolle Musiker, die wir sehr respektieren und die wiederum uns respektieren. Wenn wir mit ihnen zusammenhängen, denken wir gar nicht in solchen Kategorien, es gibt kein Konkurenzdenken.

Seht ihr Euch denn überhaupt als Teil einer Szene?

Ich habe keine Ahnung. Wie nennen sie all diese Bands, die ‚New Rock Revolution’ oder so ähnlich? I don’t care about that shit. Mensch, wir sind doch einfach nur ein paar Musiker, die Songs schreiben, diese aufnehmen und dann auf Tour gehen. Bevor wir da waren haben das bereits andere getan und auch nach uns werden andere kommen. Nur das die dann eben nicht mehr The White Stripes oder Kings Of Leon heißen werden. Das ist alles, was es darüber zu sagen gibt.

Mit den White Stripes habt ihr ja stilistisch ohnehin nicht soviel gemeinsam…

They have a better looking drummer (lacht)!

Ihr habt auf persönliche Einladung von Oasis den Co-Headliner-Spot auf dem renomierten Glastonbury Festival bekommen. Was ist das für ein Gefühl, wenn derart bekannte Musiker einen hofieren?

Oasis sind coole Jungs. Wir haben uns sehr gut mit ihnen verstanden, da sie ja auch Brüder sind. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten. Solche Sachen machen uns sehr stolz. Allerdings baut sich dadurch auch ein wenig Druck auf, da die Erwartungshaltung der Leute immer mehr steigt.

Wie kannst du dir dein Leben in zehn oder zwanzig Jahren vorstellen?

Zunächst wollen wir als Band immer besser werden, und dann mit all den anderen Musikern, die wir mögen gemeinsam auf eine einsame Insel ziehen und einen Haufen Kinder in die Welt setzen.

Text: Torsten Groß