Lloyd Cole ist wieder zu Hause. Zurück von seiner Reise in die düsteren Gefilde des menschlichen Seelenlebens. Zurück bei alten Kumpels und der Familie. Zurück beim vertrauten Pub um die Ecke. Kein Wunder also, dass die Songs auf seinem neuen, zehnten Album ‘Antidepressant’ so erleichtert, beschwingt und hoffungsvoll klingen. Für den Songwriter “das Ende einer musikalischen Entwicklung”, wie er im persönlichen Gespräch erklärt.

Deine letzte, 2003 aufgenommene Platte ‘Music In A Foreign Language’ hast du noch in New York aufgenommen. Warum bis du jetzt aufs Land gezogen, dahin zurück, wo alles begann?
Du möchtest bestimmt eine sehr mystische Antwort hören?! (lacht) Aber leider hat es einzig und allein mit den Mieten in New York zu tun. Die sind inzwischen so wahnsinnig hoch, dass ich keinen Bock mehr darauf hatte, an meiner Familie oder der Musik zu sparen. Deswegen wohne ich jetzt in einem kleinen, fast eine Stunde entfernten Vorort. Bislang hat es mir nicht geschadet!

Ganz im Gegenteil, ‘Antidepressant’ wirkt im Vergleich zum düsteren, sehr melancholischen Vorgänger so glücklich, dass man denken könnte, du hättest nach 20 Jahren Karriere deinen inneren Frieden gefunden!
Dazu muss ich mal etwas weiter ausholen! (überlegt kurz) Erstens bin ich immer überrascht, dass die letzte Platte als so wahnsinnig depressiv wahrgenommen wird. Es wirkt fast, als hätte ich ein düsteres Monster geschaffen?! Doch ‘Music In A Foreign Language’ besaß auch viele positive Aspekte. Im Nachhinein betrachtet hast du aber sicherlich Recht – es war damals nicht unbedingt die beste Zeit meines Lebens, als ich das Album aufnahm. Ob ich inzwischen meinen inneren Frieden gefunden habe, weiß ich nicht! Einerseits klingt “Antidepressant” nach einem milden Alterwerk, das Album eines Mannes, der zufrieden auf die Welt schaut. Auf der anderen Seite behandeln Songs wie ‘Woman In A Bar’ oder ‘How Wrong Can We Be?’ auch schwierige zwischenmenschliche Beziehungen und enden nur bedingt im Happy End. Ich würde daher schon sagen, dass ich inzwischen vermehrt versuche, meinen Frieden mit der Welt zu machen. Gelingt mir auch ganz gut, außer mit meiner Frau! (lacht)

Darauf gehen wir demzufolge besser nicht näher ein. Was mich verwundert hat, ist die stark ausgeprägte Instrumentierung der neuen Songs. Im Vergleich zu den letzten, sehr minimalistisch, fast puristischen Sachen, die man von dir hören konnte, etwas überraschend!
Das lag viel an den Themen, denen ich mich zuwandte. Ich finde, wenn ich in einem Song über Trennungen oder Verluste singe, kann ich dazu keine Las Vegas-Melodien entfachen. So was würde den Song hoffungslos übersteuern! Deswegen bin ich niemand, der schon vor dem Songwriting sagen kann: “Hey, ich brauche für mein nächstes Album unbedingt drei Streicherquartette und fünf Bläsersätze!” Das geschieht immer erst, wenn die Songideen komplett fertig in meinen Kopf herumschwirren. Dann geht es an die Instrumentierung. ‘Antidepressant’ macht da keine Ausnahme. Es wäre auch möglich gewesen, dass ich es wieder sehr sparsam produziert hätte!

Dazu kam es nicht. Auch die Tatsache, dass du als Solokünstler weiter machst, hat sich nicht geändert!
Das musste ja kommen! Du willst also die Geschichte von dem orientierungslosen Cole aus den Neunzigern hören?

Nein, darauf will ich nicht hinaus. Es ist nur verwunderlich: Du hast angefangen mit den Commotions Mitte der Achtziger, bis ihr keinen Draht mehr zueinander hattet. Dann kamen die Solojahre in den Neunzigern, bis du zu dir selbst keinen Zugang mehr fandest und wieder eine Band brauchtest – für nur ein Album. Die Geschichte mit den Negatives ist nun auch wieder sechs Jahre her…
Gut zusammengefasst. Also zu deiner Frage, ich fühle mich als Solokünstler bestens aufgehoben. Bands sind auch eine tolle Sache – sie geben dir Halt, greifen dir unter die Arme und sind irgendwann so etwas wie Seelenverwandte. Aber du musst wahnsinnig viele Kompromisse eingehen. Stell dir einfach mal vor, da kommen fünf Typen ins Studio mit fünf verschiedenen Ideen, wie das nächste Album klingen sollte! Weißt du was dann abgeht? Da gewinnt nämlich der mit dem längsten Atem! Den hatte ich nie, war aber immer davon überzeugt, dass das, was ich anschleppte, gut war. Jetzt kann ich es einfach aufnehmen und brauche mir nicht überlegen: “Wie erkläre ich das nur den anderen?”

Wie wird Lloyd Cole in zehn Jahren musizieren?
Wenn die Albumkosten weiter so hoch bleiben? Am Rande des Bankrotts! (lacht) Mal im Ernst, ich fühle mich gerade sehr wohl und das Touren ohne Band gefällt mir auch. Es wäre also dumm, daran was zu ändern.

Und das Landleben, ist das toll?
Für meine Kinder echt super. Nur ihr Vater vermisst manchmal die Großstadtlichter, ist aber leider kein Millionär, um in New York gut leben zu können! (kurzzeitig wird es still) Was hattest du am Anfang gesagt, wo wohnst du?


In Berlin, ist im Verhältnis zu New York eine sehr preiswerte Stadt!
…und echt großartig dazu. Es ist nicht so wahnsinnig eng bebaut und es gibt so viele Grünflächen. Ehrlich, ich spiele seit einiger Zeit mit dem Gedanken, mir Berlin mal näher anzuschauen und vielleicht dort mit meiner Familie hinzugehen. Es wäre auch für meine Musik die gute Lösung!

Rätselhaft, was Lloyd Cole damit meinen könnte, schließlich hat er mit ‘Antidepressant’ ein wahrlich großen Wurf gelandet. Ein Songwriter auf den Zenit seines Schaffens, mit hymnischen Melodien und welt-umarmenden Lyrics. Die Irrungen und Wirrungen scheint der Amerikaner endgültig hinter sich gelassen zu haben. ‘Antidepressant’ beweist einmal mehr, warum Lloyd Cole nicht nur zu den besten, sondern auch verlässigsten Songwritern der Gegenwart gehört.