Sie seien “samtpfotige Indie-Popper”. Ihnen fehle “der nötige Biss” und obendrein sei ihre Musik eigentlich viel zu dämlich, als dass man sie dafür überhaupt zur Rechenschaft ziehen dürfte. Viel wurde in den letzten Jahren auf dem Rücken der Berliner Band Virginia Jetzt! abgeladen und nur die Band selbst kann sich dagegen wehren – und tut dies auch: ‘Land Unter’ heißt ihr im kommenden Januar erscheinendes drittes Album, und zur exklusiven Präsentation lud die Band auf ein angemietetes Boot, um mit einem kurzen Gig allen Vorurteilen ein jähes Ende zu setzen. Wir waren für euch dabei, um Erstaunliches verkünden zu können!

Leinen los!

Berlin, Kreuzberg. Am Ufer vor dem Urbankrankenhaus versammeln sich allerlei geladene Gäste und warten auf Einlass. Es nieselt leicht an diesen Novemberabend, was die Temperaturen gegen Null tendieren lässt. Der Andrang, beim Konzert dabei zu sein, ist groß, denn ein Gerücht macht die Runde: Angeblich sei Virginia Jetzt!-Sound düsterer geworden und hat der Tagebuch-Lyrik abgeschworen! Lassen wir uns überraschen…

Als die Fähre mit leichter Verspätung Richtung Berlin-Mitte zur Fahrt ansetzt, stehen die Fünf auch schon auf der Bühne und Sänger Nino verkündet: “In unserem siebenjährigen Bestehen haben wir noch nie für Presseleute ein Showcase gespielt. Wir freuen uns darüber und hoffen, ihr gebt für die kostenlosen Drinks an Bord eine gewisse Gegenleistung, was die Stimmung angeht!” Kaum ist dieser Satz ausgesprochen, erklingt bereits der erste neue Song. Es ist der Titeltrack ‘Land Unter‘ – eine ruhige, klassische Virginia Jetzt!-Nummer mit Akustikgitarren und Geigen im Chorus, allerdings textlich eine Überraschung: “Was du jetzt treibst, ich will es nicht wissen/Nur ob du manchmal an mich denkst/Und ob du ahnst, was ich nie sagte/Das mich die Angst vor mir jetzt lenkt.”

Beim folgenden Stück namens ‘Singen Und Singen‘ verhärtet sich der Verdacht, Virginia Jetzt! hätten beim Songwriting einen Gang zugelegt: Zu flotten Klavierklängen, gesellen sich treibende Drums und Nino fordert: “Und wenn wir singen und singen/Geht es gar nicht darum/Dass irgendwer uns verstehen muss/Das Wie, das Was und Warum”. Zeit für eine Richtigstellung: “Eigentlich haben wir schon oft vor Presseleuten gespielt – zu der Zeit, als wir noch keinen Plattenvertrag hatten! Einmal wussten wir, okay, heute kommt ein Typ von einem Majorlabel, da müssen wir alles geben und haben uns voll rein gehangen. Allerdings kam der Typ zu spät und war schon völlig besoffen, als er gerade noch unsere letzten beiden Songs an diesen Abend hörte. Er meinte zwar, ‘Jungs wir bleiben in Kontakt!’, doch wir hörten nie wieder was von dem. Danach wollten wir das kein zweites Mal machen!”

Nicht ganz, denn auch die nächsten Songs ‘Von Einer Besseren Welt‘, ‘Völlig Plötzlich‘ und ‘Ich kann nicht wie die Anderen‘ fügen sich nahtlos in ein flottes Set, welches mehrere Erkenntnisse mit sich bringt: Zum einen sind Virginia Jetzt! musikalisch wie auch textlich sehr gereift. Die Referenzen suchen die Jungs nicht mehr im seichten Musikgefilde, sondern orientieren sich stark an Style Council, Northern Soul und knackigen Grooves. Dies gilt auch für die Lyrics: Es scheint, als reflektiere die Band um Sänger Nino mehr denn je ihr eigenes Umfeld und versucht nicht auf Teufel komm raus, jedem Lied eine positive Grundnote zu verpassen. Das steht ihnen gut, wie auch die beiden letzten Songs ‘Mehr Als Das‘ und die bereist veröffentlichte Single ‘Bitte Bleib Nicht Wenn Du Gehst’ zu beweisen wissen. Abschlussansage Nino: “Danke für eure Aufmerksamkeit und schreibt keinen Scheiß!”

Anker werfen!

Als wir nach der Rundreise durch Berlin, vorbei am Kanzleramt und Potsdamer Platz, wieder in Kreuzberg ankommen, suche ich Nino für ein kurzes Gespräch.

Wie habt ihr diesen ungewöhnlichen Gig empfunden?
Nino: Es lief alles ganz gut, oder?

Ja, natürlich! Hättet ihr dieses Showcase mit euren Fans veranstaltet, wer weiß, ob die Fähre das ausgehalten hätte!
Nino: (lacht) Da gebe ich dir Recht. Aber darum haben wir ja auch euch eingeladen. Es war sehr ungewöhnlich, aber wir sind sehr froh darüber, dass wir es gemacht haben. Passt ja auch gut zum Albumtitel!

Und schon wird er mir vom nächsten Fragesteller entrissen und ich bedanke mich per Zuruf bei ihm. Die Stimmung ist immer noch erstaunlich gut an Bord und obwohl wir längst angelegt haben, will niemand das Schiff so Recht verlassen. Vielleicht liegt es daran, dass es draußen inzwischen Bindfäden regnet?! Oder hofft irgendwer auf Zugaben? Sicher scheint indes, dass Virginia Jetzt! endlich ihre musikalischen Qualitäten gekonnt nutzen und ihre neuen Songs sehr überzeugen. Diese “Anstrengung” wusste das kleine Schiffspublikum zu goutieren!

Fotos: Thomas Kretzschmar


Set-List beim Showcase zu “Land Unter”:

Land Unter
Singen Und Singen
Von Einer Besseren Welt
Völlig Plötzlich
Ich Kann Nicht Wie Die Anderen
Weit Weg
Mehr Als Das
Bitte Bleib Nicht Wenn Du Gehst