Auch die Kinder schmuddeliger Rotzrock-Kapellen vom Schlage Mötley Crüe, Hanoi Rocks und Guns N’Roses kommen so langsam in die Jahre, weshalb es mit jedem neuen Album immer schwerer wird, sich einerseits seine Traditionswurzeln zu erhalten und andererseits mit mittlerweile fein geschliffenen Biss jedes Mal einen neuen Hauer zu präsentieren, der dem Zahn der Zeit entsprechend Rechnung trägt. Auf ‘People Like People Like People Like Us’, dem von Hellacopter Nicke Royale klangtechnisch exzellent in Szene gesetzten, fünften und melodisch-kompositorisch rundesten Album, gelingt den Backyard Babies mit haufenweise lieb gewonnener Klassizismen und Siebziger-Sound der Brückenschlag zwischen Punk und Hard Rock.

Für Gitarrist Dregen ein schönes Kompliment. „Wir wollten so in diese Kiss ‘Rock’n’Roll Over’ meets Sex Pistols ‚Never Mind The Bollocks’-Richtung. Aber wir sind eigentlich auch keine Band, die sich im Studio vorher mit anderen Platten die Ohren taub hört und andauernd Vergleiche zieht.“ Obwohl einer hier noch erlaubt sein dürfte, denn die von Dregen erwähnten Koordinaten lassen sich auf jeden Fall noch um neuere Social Distortion der ‘Sex Love, Rock’n’Roll’-Richtung erweitern, schließlich waren die Babies als Support dieser Legendenband monatelang in Europa und den USA unterwegs. Man hört deutlich, dass die Tätowierfarbe da wohl abgefärbt hat. „Es ist toll, dass wir das Privileg haben, mit Musikern und Bands auf Tour zu gehen, deren Platten man als Kind in seiner Sammlung hatte. Es ist doch fantastisch, wenn du eine Band magst, sie jeden Abend anschauen und somit auch viel von ihr lernen kannst. Das ist die wahre Rock Schule.“ Damit ist ‚People Like People Like People Like Us’ für die Backyard Babies dann wohl gebührender Abschluss und zugleich Reifezeugnis jener grundsoliden und fundierten Ausbildung. Zugleich ist dieses Album aber auch ein Zirkelschluss ganz anderer Art, schließlich markiert es die erneute musikalische Kollaboration – wenn auch auf getrennten Seiten des Aufnahmeraums – von Dregen und Nicke Royale, den beiden Jungs, die vor genau zehn Jahren zusammen einst die Hellacopters starteten, bevor sich Dregen dann aus zeitlichen Gründen und der konstanten Doppelbelastung, zugunsten der Backyard Babies entscheiden musste. „Nicke Royale ist immer noch einer meiner besten Freunde, aber wir sehen uns leider so selten, weil wir ständig mit unseren jeweiligen Bands auf Tour sind. Also wollten wir das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Es hat total Spaß gemacht, mit ihm zusammen dieses Album aufzunehmen. Wir spielen jetzt seit 1989 zusammen, die gleichen vier Jungs, aber auf dieser Platte haben wir endlich auch damit angefangen zu grooven!“ So hört man ‚PLPLPLU’ deutlich an, dass sich die Band und ihr Produzenten-Kumpel Nicke bereits im Vorfeld musikalisch-mental aufeinander eingestimmt haben. Dregen: „Zwar hatten wir vor dem Studio auch schon etwas Material für die Platte gesammelt, aber viele Songs haben wir erst mit dem Wissen im Hinterkopf geschrieben, dass Nicke uns produziert. Und er wiederum hatte mit ‚You Cannot Win’ ein typisches Backyard Babies Stück für uns geschrieben. Nicht, dass wir zuwenig Songs gehabt hätten, wir wollten ihn auch in die Musik direkt mit einbeziehen. Wir haben nach einer neuen Tiefe in der Band gesucht. Wir sind jetzt alle über dreißig und haben somit auch mehr Vertrauen in uns und das, was wir machen.“ Dass man also tatsächlich in Würde vermehrte Lenze zählen kann, ohne dem Jugendwahn mit einer nachträglich retuschierten Rotznäsigkeit Rechnung zu tragen, zeugt ja in gewisser Logik eigentlich auch mehr von einer rebellischen Verweigerungshaltung als andersherum. Galant überlassen die Babies somit die Tummelplätze und Hinterhöfe dieser Welt dem nachstrebenden Nachwuchs und konzentrieren sich lieber auf ihre altersgemäße, Grosse-Bruder-Vorbildfunktion im Werte-Traditionsvermittlerverständnis des klassischen, erdigen und unverfälschten Rock – immer noch dreckig, aber mit wachsendem Stilbewußtsein. Was uns zu einer stimmlichen Facette-Erweiterung bringt, denn nie zuvor hat Dregen auch vokalistisch soviel zu einem Album beigesteuert, was dem Backyard Babies-Sound sowohl im kontrastierten Co-Gesang mit Frontmann Nicke Borg, oder auch im autarken Alleingang außerordentlich gut zu Gesicht steht. Können wir da, passend zur anfänglichen Kiss-Referenz demnächst gar wohl mit einem zunehmenden Mikro-wechsel-dich-Spielchen aller Bandbeteiligten rechnen? „Peder (Bass) ist bei uns bislang für die ganzen Backingchöre zuständig. Ich weiß nicht, ob er darauf wirklich Bock hätte – aber warten wir mal ein paar Jährchen ab. Das ist auf jeden Fall eine Sache die noch wachsen wird. Vielleicht singt irgendwann auch noch mal unser Schlagzeuger Johann einen Song.“ Ich höre da jetzt schon eine Frauennamen-Ballade mit Streichern im Kopf, aber warten wir es lieber erst einmal ab.
Was man den Babies, ebenfalls im Kiss-Zusammenhang, dann hoffentlich auch zukünftig niemals zum Vorwurf machen kann, ist die Verleumndung der eigenen Bandfamilie.
Oder wie Dregen just das absolute funktionale Gefüge untereinander bezeichnet: „We are like an old couple: still together, but we don’t fuck with each other anymore.“ Eben ein traditioneller Grund mehr, warum Menschen, also Menschen wie ich, Menschen die so wie die Backyard Babies sind, wohl auch für immer mögen werde.

Text: Frank Thießies