Jeder Generation ihre ganz eigene Krankheit. Und jeder Generation ihr ganz eigenes Heilmittel. So sagt man.
Stichwort: Lärmtherapie. Theoretisch betrachtet, denn in der Praxis waren die Einstürzenden Neubauten schon von je her und bleiben auch weiterhin vor allem eines – komplex. Als vermeintlich chaotische Produktionsgenossenschaft einer Art von Musik, deren besonderer Reiz und Schönheit sich keineswegs beim einfachen oder gar ersten Hören erschließt. Mit um ganze Sphären verschobenen Parametern auf scheinbar bis ins Unendliche reichenden Skalen sämtlicher in Frage kommender Maßeinheiten, die man kollektiv seit der Stunde Null am symbolträchtigen 1. April 1980 immer neu für sich und die neugierig aufhorchende Musikwelt definierte – und so zu einer der wichtigsten und wegweisendsten Formationen internationaler Popkultur avancierte. Die Pfade, die die Einstürzenden Neubauten in ihrer nunmehr fast drei Dekaden währenden Bandhistorie gegangen sind, hatte niemand zuvor in vergleichbarer Konsequenz und Kompromisslosigkeit beschritten, und auch die Mauern und Grenzen, die man in diesem Zeitraum nicht nur im übertragenen Sinne avec plaisier eingerissen hat, galten bis dato allgemein für unüberwindbar. Erst recht für eine Gruppe aus Deutschland.

Zumindest eine Mauer war damals von entscheidender Wichtigkeit für die Gründung der Einstürzenden Neubauten, wenn auch nur sekundär: Diejenige, die West-Berlin umschloss und somit zu einer staatlich notgedrungenerweise großzügig subventionierten Bastion im Kräfteausgleich zum Warschauer Pakt einerseits, und fast paradiesischen Freak-Enklave für Künstler und Unangepasste jeder Couleur machte. Unangepasste wie Blixa Bargeld, N.U. Unruh und FM Einheit, die mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Kollaps“ im November 1981 sämtlichen konventionellen Hörgewohnheiten den Kampf ansagten. In einer norm-grauen Zeit, in der sich die indirekten Auswirkungen des Kalten Krieges jeden Augenblick zur ganz realen Bedrohung Dritter Weltkrieg potenzieren konnten, reagierten die Einstürzenden Neubauten mit kaum anhörbaren, kathartischen Krach-Kaskaden. Auf den omnipräsenten politischen Wahnsinn ebenso wie auf eine stetig ansteigende Sound-Flut, auf deren Kamm sich die Neue Deutsche Welle mit immer sinnentleerteren Popsongs in Funk und Fernsehen brach. Lärmgewaltiger, rhythmusritueller Anti-Pop als Gegengift für die verängstigen, paralysierten und medial sedierten Massen; hervorgeprügelt aus einem zumeist sorgsam zusammen gestohlenen Baustellen-, Schrottplatz- und Heimwerkerbedarfs-Instrumentarium aus Stahlteilen, Fässern, Bohrmaschinen, Hämmern, Sägen und einer ungestimmten E-Gitarre; gekrönt von Bargelds markerschütternden Schreien und fiebrigen Untergangsphantasien geschwängerten Texten. „Kollaps“ stellte in seiner atonalen Essenz genau das dar, was sein programmatischer Titel suggeriert: Zerfall und Zerstörung, Krankheit, Untergang und Tod. Ironischerweise jedoch war sein Effekt das genaue Gegenteil: Geburtsstunde und ideelle Grundsteinlegung eines völlig neuen Musikverständnisses, das später sogar zahllose Mainstream-Popbands wie Depeche Mode, Nine Inch Nails, Marilyn Manson oder Rammstein beeinflussen sollte.

In den Folgejahren baute das um Alexander Hacke und Marc Chung angewachsene Expertenteam seine bahnbrechenden Klangfeldversuche mit den ebenfalls zu Meilensteinen der Industrial-Szene hoch stilisierten Alben „Zeichnungen des Patienten O.T.“ (1983), „1/2 Mensch“ (1985), „Fünf auf der nach oben offenen Richterskala“ (1987) und „Haus der Lüge“ (1989) immer weiter aus. Verändert, erweitert das zu erforschende Geräuschespektrum in alle irgendwie gangbaren Richtungen. Weg von der brachialen, Amphetamine induzierten Ver- und Zerstörungswut post-punkiger Anfangstage, hin zu einem akustisch verstärkten Denken, bei dem Blixa Bargelds gesungene wie auch gesprochene Texte und ganz bewusst gewähltes Schallmaterial eine feste, sich gegenseitig bedingenden Einheit bilden. Eruptive Lärm-Parts werden zunehmend sparsamer und dosierter in fast mathematischer Punktgenauigkeit eingesetzt, Songstrukturen nähern sich immer mehr konventionelleren Formen an. Die Einstürzenden Neubauten begnügten sich nicht damit, Horizonte nur zu erweitern – sie werden kurzerhand gesprengt! Stücke wie „Armenia“, „Yü-Gung (Fütter mein Ego)“, „Z.N.S.“ oder „Feurio!“ prägten eine ganze Generation nach neuen Erfahrungen abseits gesellschaftlich vorgegebenem Stumpfsinn strebender Individualisten und dienen auch heute noch als oft kopierte Blaupausen experimenteller Klangkunst und -Performance. Anfangs noch von den Medien als bizarre Mauerstadt-Kuriosität belächelt, etablierten sich die Einstürzenden Neubauten schon bald als international gefragte und nicht mehr weg zu denkende Größe der Gegenwarts- und Pop-Kultur.

Nach weit reichenden Erfahrungen mit vom Feuilleton euphorisch angenommenen Theater-Projekten mit renommierten Regisseuren und Dramaturgen wie Peter Zadek, Heiner Müller oder Leander Haussmann schlagen die Einstürzenden Neubauten mit „Tabula Rasa“ (1993), „Ende Neu“ (1996), „Silence Is Sexy“ (2000) und „Perpetuum Mobile“ (2004) schließlich ein neues Kapitel klangschöpferischer Entdeckertätigkeit auf, bei der die Kontraste zwischen laut und leise, Lärm und Harmonie bis ans Limit der Frequenzbandbreite ausgearbeitet werden. Getragen von einer trügerischen, perforierten Ruhe und Sanftheit zeigt sich Chefideologe Blixa Bargeld mit Songs wie „Die Interimsliebenden“, „Stella Maris“ oder „Die Befindlichkeit des Landes“ auf der Höhe seiner lyrischen Schaffenskunst: Verklausuliert, um Ecken und um Kanten denkend, sinnierend.

Heute sind die Einstürzenden Neubauten die weltweit erste und einzige Band, die ebenso erfolgreich wie produktiv das Internet zur Sammlung ihrer Fans und Bündelung ihrer Aktivitäten nutzt. So organisierten die Einstürzenden Neubauten ihre offizielle Website www.neubauten.org seit 2002 zu einem zuvor noch nicht gesehenen Epizentrum musikalischer Aktivität. Ganze Albumproduktionen wurden von den so genannten Supportern durch ein Subskriptionsmodell finanziert.
Das Prinzip ist einfach: Ein Supporter kauft das nächste Album der Einstürzenden Neubauten – bevor es überhaupt eingespielt wurde. Mit dem so gesammelten Geld hat die Band die Zeit, um in Ruhe zu arbeiten – und muss sich nicht auf künstlerisch belastende Diskussionen über Verwertungslogik und Markenidentität mit Plattenfirmen einlassen.
Im Gegenzug erlaubt die Band den Supportern einen weltweit einzigartigen Zugang zu Band-internen Arbeitsprozessen: Die Supporter konnten per Webcam bei den Aufnahmesessions zum ersten beiden „Supporter-Alben“ (2002/2005) zuschauen und wurden zudem von der Band aufgefordert, im direkten Chat-Austausch mit den Mitgliedern zu kommentieren und gegebenenfalls sogar zu beeinflussen.
Auf dieselbe Weise, also über Subskribtion, wird auch die “Musterhaus” Reihe (eine Sammlung experimenteller, jenseits jeglicher Vermarktbarkeit liegender Alben) ausschließlich über die homepage vertrieben.

Den vorläufigen Höhepunkt in der ebenso wechselvollen wie beispiellosen Geschichte der Einstürzenden Neubauten markiert der symbolträchtige Auftritt am 04. November 2004 im Ost-Berliner Palast der Republik, dem mittlerweile im Abriss befindlichen, ehemaligen Sitz des Machtapparates der untergegangenen DDR. Das eindrucksvolle Livematerial wie u.a. die Background-Verstärkung durch einen 100köpfigen Supporter-Chor auf dem Song „Grundstueck“ wurde wenig später auf dem begeistert aufgenommenen „Grundstueck“-Album samt gleichnamiger DVD (2005), sowie auf der DVD „Palast der Republik“ (2006) veröffentlicht.

In ihrem 27. Bestehensjahr treten die Einstürzenden Neubauten nun einmal mehr den erfolgreichen Beweis für die nachhaltige Wirksamkeit ihrer philo-akustischen Langzeittherapie an: Nach just erfolgreich bestandener Tournee durch das Vereinigte Königreich präsentieren sich die gereiften Avantgarde-Allstars mit ihrem neuen Album „Alles wieder offen“ anno 2007 in einem in seiner Intimität und Fragilität bisher nie dagewesenen Licht. Die einstige Berliner Mauerkrankheit haben Blixa Bargeld, Alexander Hacke, N.U. Unruh, Rudolf Moser und Jochen Arbeit vollends besiegt, das Inselfieber ist auf eine normale Temperatur zurückgegangen und die apokalyptischen Visionen und Todessehnsüchte früherer Tage gehören schon längst der Vergangenheit an. Den nimmermüden Entdeckergeist indes treibt immer noch das gleiche, heiß lodernde Verlangen: Die Einstürzenden Neubauten forschen weiter auf ihrer ewigen Suche nach dem noch unentdeckten Geräusch, und ihre Parameter haben sich einmal mehr spürbar neu definiert.
Jeder Generation ihre Krankheit, jeder Generation ihre Heilung. Bisweilen sind und bleiben die bewährten „Haus“-Mittel immer noch die effektivsten. So sagt man.

Thomas Clausen, Juli 2007