In sicher 99 Prozent aller Fälle führt dauerhafte Lärmbelästigung zu einem angespannten Verhältnis zu den Menschen aus der Nebenwohnung. Doch die Jungs von Endlos Endlos hatten Glück. Mit einem wohl unwiderstehlichen Bausatz an Elektronikspielzeug köderten sie das entscheidende Quäntchen Nachbarschaftshilfe.

Als Endlos Endlos-Sänger David und sein klangtüftelfreudiger Komplize Erik vor nicht allzu langer Zeit eine Ost-Berliner Mietswohnung zu einem Tonlabor umfunktionierten, bekam Davids Nachbar unweigerlich einen Logenplatz in ihren auditiven Bastelstunden verpasst. Früher die Ohren von Berufswegen an jeder Wand, musste sich der kauzige Rentner nun völlig ungewollt mit einem geräuschintensiven Testgelände in der Nebenwohnung arrangieren. Seine ehrgeizigen Beschwerdepläne wurden jedoch schlagartig gebremst, als er die synthetisch-arbeitenden Tonwerkzeuge der jungen Herren entdeckte, wie sich Erik erleichtert erinnert: “Als sich Davids Nachbar gerade über die Lautstärke in unserer Wohnung beklagen wollte, hat er gesehen, dass wir auch mit Synthesizern arbeiten. Wie der Zufall so spielt, hortet er nebenan selbst ein riesiges Arsenal an Elektronikkram, Abhörzeugs und auch Synthies, die er früher anhand von Westmodellen nachgebaut hat. Wir haben uns dann gemeinsam unendlich lange mit Sounds beschäftigt und so unsere eigene Musik mit einer neuen Mehrschichtigkeit und Tiefe ausstatten können, die ihr vorher fehlte.”

Vor dieser einflussreichen Nachbarschaftsbegegnung wurde laut Sounddesigner und Gitarrenvorstand Erik nämlich noch langweiliger Standard-Rock serviert. Mittlerweile hat man sich aber gezielt für klangmalerische Experimentierfreudigkeit entschieden – selbstbewusste Achtzigeressenz, unkomplizierter Elektropop, anschmiegsame Melodiekreationen – nicht synthetisch steril und ‘überkünstlert’, sondern immer mit sahnig-weicher Indie-Wärme zwischen den Akkorden gespickt. Eine klare Linie wird man hier vergeblich suchen. Aber die Jungs stecken auch noch mitten in der Probephase. Mit einer live-musikalischen Stammbesetzung kann man bislang noch nicht richtig dienen, dafür kommt die Bühnenoptik aber schon heute nicht zu kurz. Mit Bowie-esquen Blitzen und einer satten Portion Goldstaub im Gesicht schlüpfen die Freunde dort oben gerne in eine andere Rolle. Zuletzt geschah dies als Konzertunterstützung für das momentan auf satten Hype-Wellen reitenden New Yorker Elektro-Ensemble von MGMT im Berliner Lido.

Vom verspielten Charme der ersten eigenhändig vertonten Demos ihrer Vorband begeistert, baten Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser die Jungs sogleich um eine CD-Kopie für den heimischen Plattenschrank. Ob nun der ostberliner Nachbar mit fragwürdiger Berufsvergangenheit oder die neueste Elektro-affine Hype-Kapelle aus Nordamerika – Endlos Endlos bezirzen sie ganz offensichtlich alle. Die nötige Unverkrampftheit für ihre musikalische Zukunft haben die Jungs dabei auch auf ihrer Seite. Kein überehrgeiziger Leistungszwang, stattdessen ein konstruktiver Sinn für das viel zitierte Lebensphänomen, dass der Weg manchmal schon die halbe Miete vom Zieleinlauf darstellen kann.

Christine Stiller