Eine unglaubliche Aura umgibt sie. Sie spricht langsam, mit ruhiger Stimme und vor allem meistens in Rätseln. Tori Amos, die millionenschwere `Leading Lady` der Singer/Songwriter-Zunft ist stets von einem Hauch Mystik umweht, der bei Interviews seinen konkreten Ausdruck besonders in ihren wortreichen und rätselhaften Ausführungen findet. Beim Versuch, inhaltlich zu folgen, habe ich den Eindruck, an meine intellektuellen Grenzen und die meiner Vorstellungskraft zu stoßen. Ein Katalog von wenigen Fragen genügt da, um mit dieser Künstlerin eine gute halbe Stunde in ein ausuferndes, tief schürfendes Gespräch abzutauchen, das sehr oft droht, zum Monolog zu werden. Ich traue mich nicht, sie zu unterbrechen.

Anlass unseres Gesprächs ist ihr neues Album `The Beekeeper`. Es ist ihr neuntes. Beinahe zeitgleich erscheint mit `Tori Amos: Piece By Piece` ihr erstes Buch, das sie mit der Musikjournalistin Ann Howard von der `New York Times` geschrieben hat und das einen ungewohnt privaten Einblick in das Leben und die Karriere der virtuos Klavier spielenden Ausnahmekünstlerin zu bieten verspricht.

“`The Beekeeper’ beschäftigt sich mit dem heutigen Amerika und dessen Rolle in der Welt. Es geht um Religion und deren Missbrauch für politische Zwecke”, sagt sie stark verkürzt wiedergegeben. Der Frau, die der festen Überzeugung ist, ihr Bösendorfer Flügel sowie ihre anderen Instrumente seien Lebewesen, tut man bestimmt nicht zu sehr Unrecht, wenn man ihr in manchen Bereichen ein gewisses Maß an künstlerisch-intellektueller Durchgeknalltheit attestiert. So beschreibt sie in adäquater Weise, wie ein Geschenk ihres Mannes, eine Hammond-Orgel, sie beim Songwriting zu diesem Album beeinflusste: “Er brachte einfach das Hammond A 100, diese männliche Orgel, in den Piano-Raum. Das ist ein noch intimerer Ort als mein Unterwäsche-Schrank! Da lebt immerhin das Bösendorfer. Man kann da nicht einfach so reingehen”, sagt sie sehr ernst. “Beim Hammond B3, das ich danach von ihm bekam und das eine noch stärkere sexuelle, männliche Energie hat, begann ich dann zu fühlen, dass da dieses Verhältnis bestand zwischen dem Flügel und der Orgel. Es schien, als ob das Bösendorfer wirklich diese Verbindung wollte. Die Songs veränderten ihre Form und begannen zu leben, als ich mit den beiden Instrumenten komponierte. Ich veränderte mich durch das Verhältnis, das diese beiden wunderbaren Kreaturen miteinander hatten.”

Trotz der kurios anmutenden Instrumentensymbiosen verfolgt Amos musikalisch auf `The Beekeeper` doch einen sehr ähnlichen Weg wie beim Vorgängerwerk `Scarlet´s Walk`. Obwohl die Frau von ihren Songwriter-Qualitäten nichts eingebüßt hat – das Album bietet wieder fast ausschließlich wunderbar geformte Song-Perlen – bekommt man dennoch den Eindruck, dass auch eine Tori Amos vor ansatzweiser musikalischer Stagnation (auf höchstem Niveau zugegebenermaßen) nicht gänzlich sicher zu sein scheint. Vielleicht hat sich die Festigung in ihrem Leben, schließlich in Cornwall sesshaft geworden und außerdem Mutter und Ehefrau zu sein, auch in ihrer Musik widergespiegelt.

Erneut hat sie das Album mit ihren Dauerpartnern, dem Bassisten Jon Evans und dem Drummer Matt Chamberlain, umgesetzt und selbst produziert. Die musikalischen Koordinaten erscheinen festgelegt. “Ich weiß, was du meinst”, meint sie daraufhin angesprochen. “Die Leute haben es mir gegenüber nicht wirklich besonders häufig erwähnt, also denke ich nicht so oft darüber nach. Ich will auch momentan nicht unbedingt darüber nachdenken, was ich als nächstes machen werde. Du weißt nie, ob es ein nächstes Mal geben wird. Bei manchen Künstlern ist es ja einfach irgendwann vorbei, sie bewegen sich in andere Richtungen, wo die Muse nicht mehr an die Tür klopft. Oder sie halten die Tür nicht mehr für sie auf.”

Amos versteht es nach wie vor, diese Tür offen zu halten, schließlich kann man bei 19 Songs auf `The Beekeeper` nicht unbedingt von abreißender Kreativität sprechen. Auf einem dauerhaft hohen Level hat sie sich über die Jahre fest etabliert wie in diesem Genre nur ganz wenige. Doch kann man dabei auch ruhig eingestehen, dass Amos in der Vergangenheit ihre Fähigkeit zur eigenen Neudefinition prägnanter unter Beweis stellte und auch emotionale Extreme schon aufwühlender vertonte. Das besonders in einer Zeit, in der Alben wie `Boys For Pele`, `From The Choirgirl Hotel` und das noch von starkem Elektronik-Vibe geprägte `To Venus And Back` entstanden. Die Alben danach sind, wie auch `The Beekeeper`, von einer Art innerem Frieden geprägt. “Damals stieg ich in die Unterwelt hinab, um meine dunkle Seite zu erkunden”, erzählt sie rückblickend. “Das ist ein schmerzlicher Prozess, wenn du dich mit dem Dämon in dir befasst. Dann kam ein Wechsel mit `Strange Little Girls`, meine Tochter Natashya wurde geboren und ich war imstande, in gewisser Weise Frieden zu schließen.”

Von jeher sorgt die verschlüsselte Darstellungsweise ihrer Texte dafür, dass das Verständnis des Zuhörers an ihrer Lyrik nahezu reibungslos abperlt. Bei aller Zugänglichkeit ihrer Musik wünscht man sich manchmal, einfach mehr von dem, was sie da singt, auch wirklich zu verstehen. “Die Musik würde sagen, `hör dir an, was ich mache. Ich versorge dich mit den Lösungen, die du suchst.´ Die Musik sagt dir alles, was du wissen musst”, erklärt sie ihre lyrische Umsetzung, die beinahe jedem Dechiffrierungsversuch standzuhalten scheint. “Meine Texte sind wohl entscheidend davon beeinflusst, dass ein paar meiner Lieblingsschriftsteller Anne Sexton, Sylvia Plath, E.E. Cummings, Baudelaire und Rimbaud heißen. Dichter, die Worte als eine Art Schlüssel verwenden, um uns in bestimmte Welten zu lassen.” Den Schlüssel zu Tori Amos´ Welt muss trotzdem nach wie vor jeder selbst finden.

Während ich noch versuche, herauszufinden, was ich zuletzt eigentlich von ihr wissen wollte, ist die halbe Stunde mit Tori Amos vorbei. Ich werde das Gefühl nicht los, ohne die gewünschten Antworten zu gehen. Eher scheint das Gespräch mit dieser Künstlerin nur noch mehr Fragen aufgeworfen zu haben. Verwirrt, etwas ratlos und doch sehr beeindruckt verabschiede ich mich – ohne wirklich verstanden zu haben, welche Rolle nun der Bienenzüchter in diesem Szenario spielt.

Text: Martin Erfurt