Wenn eine Band mehrere Monate vor Veröffentlichung ihres Debütalbums als “next big thing” angepriesen wird, ist Skepsis angebracht. Umso mehr, wenn sie aus dem Mutterland des NME kommt und sowohl musikalisch als auch optisch offensiv mit dem Zeitgeist anbändelt.
LostAlone aus dem britischen Derby sind so eine Band. Nur mit der Vier-Track-Maxi “Unleash The Sands Of All Time” im Rücken absolvierten sie soeben erfolgreich etliche Showcases in Deutschland, um schon jetzt die Samen zu sähen, die ihnen zum Album-Release im Februar eine reiche Fan-Ernte bescheren sollen. Der erste Hype des neuen Jahres?

Zumindest in Punkto Style sieht es zunächst ganz danach aus. Doch einmal davon abgesehen, dass keines der drei schwarz-gescheitelten und hübsch mit Eyeliner zurecht gemachten Bandmitglieder mehr als 50 Kilo auf die Waage bringt, meistern LostAlone mit “Unleash The Sands…” trotz hippen slim-fit-Höschen mühelos einen musikalischen Spagat, bei dem sich viele andere Acts empfindlich die Weichteile lädiert hätten. Mit einem Bein im kontemporären Brit-Rock Marke Franz Ferdinand, mit dem anderen in klassischen Heavy-Riff-Gefilden US-amerikanischer Prägung, sind LostAlone das mit viel Melodie geölte Scharnier zwischen Indie-Disco und Headbangers-Ball.

Orthodox ist ihr Rock-Entwurf also nicht, doch Sänger, Songwriter und Vollblut-Performer Steven Batelle kümmert das wenig. “Ich finde musikalischen Snobismus beschränkt. Mich interessiert die Melodie und nicht ein bestimmtes Genre. Deshalb gibt es bei uns auch nur die eine wirkliche Konstante: alle Songs bergen eine große Melodie im Refrain. Ich kann einfach nichts anderes schreiben. Für mich muss ein Refrain im Ohr hängen bleiben. Immer!”

Ein so offenes Bekenntnis zum Pop könnte von verkopften Musik-Nerds natürlich leicht als Anbiederei und Mainstream-Zugeständnis ausgelegt werden. Zumal auch der Bandname den Verdacht nahe legt, hier werde mit stereotypischen Tennager-Ängsten gespielt. Solche Vorwürfe weisen LostAlone jedoch weit von sich. “Unser Name bezieht sich auf unsere persönlichen Biographien. Wir haben unser ganzes Leben nichts anderes gemacht als Musik. Lange Zeit mussten wir uns mit dreckigen day-jobs durchschlagen, und niemand wollte etwas von uns wissen. In so einer Situation merkst du sehr schnell, dass du auf dich allein gestellt bist und es darauf ankommt, dass du an deine Vision glaubst. Dieses Gefühl ist zwar deprimierend, es gibt dir im gleichen Moment aber auch eine ungeheure Kraft. Auf diese Ambivalenz spielt der Bandname an. Wenn sich Teenager damit identifizieren können, soll mir das Recht sein. Der Name ist aber keinesfalls als kalkulierte Referenz an ein klischeehaftes Teenagergefühl zu verstehen.”

Auf ihre Definition von Erfolg angesprochen, liefern LostAlone schließlich den letzten noch zu erbringenden Beweis ihrer moralischen Integrität. Denn Erfolg bedeutet für sie schlicht, “das nächste Album machen zu können, auf Tour zu gehen, das nächste Album machen zu können, auf Tour zu gehen und immer so weiter, bis wir sterben. Wenn heute, auf unserer ersten Tour durch Deutschland, nur zwei Leute zu unserem Konzert kommen und es ihnen gefällt, bedeutet uns das schon verdammt viel!” Das wollten wir hören!

Text: Michael Schneider