Drei Jahre nachdem Escapado dem deutschsprachigen Hardcore mit “Initiale” einen Kickstart verpasst haben, kehren die Flensburger mit “Montgomery Mundtot” zurück. Und das obwohl sie eigentlich schon fast im musikalischen Nirvana angelangt waren.

Ausfälle zu verkraften ist nicht nur Sache von Fußball-mannschaften. Für Bands kann der Ausstieg prominenter Mitglieder ebenfalls den sicheren, manchmal auch schleichenden Tod bedeuten. “Montgomery Mundtot” ist Escapados erstes Album nach dem großen Schnitt. Im Frühjahr 2009 verabschiedeten sich mit Bassist Gunnar Vosgröne und Sänger Helge Jensen immerhin zwei von vier Bandmitgliedern. Gitarrist und Songschreiber Sebastian Henkelmann berichtet im Interview von der Zeit als scheintote Band und von der Wiederauferstehung.

motor.de: Wenn einem die halbe Band abhanden kommt – denkt man dann nicht erstmal darüber nach, komplett aufzuhören?

Sebastian: Natürlich denkt man darüber nach. Aber wir hatten das Glück, dass Felix, unser neuer Sänger, schon nach zwei Wochen bei uns im Proberaum stand. Zu dem Zeitpunkt war aber noch nicht klar, wie genau es weitergeht, unter welchem Namen wir weitermachen wollen oder in welche musikalische Richtung es gehen sollte.

motor.de: Wie lange hat es dann gedauert, bis ihr darüber Klarheit hattet, dass ihr Escapado bleiben wollt?

Sebastian: Der ganze Prozess hat sich über ein Jahr hingezogen. Als wir im Proberaum ein paar Songs zusammen hatten, war für uns irgendwann aber klar, dass wir die auf ein neues Album packen wollen, natürlich unter dem Namen Escapado.

Escapado – “Was du erwartest”

motor.de: Es gab keine Namensstreitigkeiten oder anderes böses Blut mit den zwei Ex-Bandmitgliedern?

Sebastian: Nie. Wir hatten bei Escapado ja nie so eine Stammformation, die über zehn Jahre zusammenspielt. Im Gegenteil, als Helge gegangen ist, hat er uns dringend geraten, weiter zu machen. Wir haben auch lange darüber nachgedacht, ob wir unter einem anderen Namen weitermachen sollen. Aber das, was wir jetzt machen, ist so ehrlich und ernst gemeint und meiner Meinung nach so gut, dass es den Namen Escapado verdient hat.

motor.de: Schreckt man auch vor der Aufbauarbeit zurück, die eine neue Band mit sich bringt?

Sebastian: Natürlich ist es höllisch viel Arbeit, bis du dann wieder da ankommst, wo du sowieso schon warst. Die Jugendzentrums-Tour hätten wir schon noch mal gemacht. Wir hatten nur wenig Lust darauf, dass die neue Band ständig mit Escapado verglichen wird. Jedes Future of the Left-Review fängt mit einem Satz über McLusky an. Wenn das sowieso passiert, wäre es schön blöd, das Erreichte einfach über Bord zu werfen.

motor.de: Gab es einen Moment, in dem ihr gemerkt habt, dass es genau jetzt wieder funktioniert?

Sebastian: Die Aufnahmen zum Album sind gelaufen wie am Schnürchen. Mit dem Ergebnis haben wir uns selbst überrascht. Wir wussten aus dem Proberaum natürlich, wie wir klingen würden. Aber als wir dann im Studio waren, haben wir festgestellt, dass es viel besser läuft, als wir dachten.

motor.de: Ist so ein Mitgliederwechsel auch eine von außen verordnete Weiterentwicklung?

Sebastian: Wir haben natürlich gewusst, dass wir mit Felix und unserem neuen Bassisten Johannes nicht mehr so klingen würden wie vorher. Insofern verändert sich natürlich was. Das hat aber Spaß gemacht. Wir wussten, dass das Publikum unter diesen Voraussetzungen genauer hinhören wird. Dementsprechend sorgfältig haben wir dann auch an den Songs gearbeitet. Wir waren sehr selbstkritisch und haben uns vielleicht noch einen Tick mehr Mühe gegeben.

motor.de: Muss man sich unter diesen Umständen auch neu kennen lernen?

Sebastian: Es war wichtig herauszufinden, was wir mit der neuen Besetzung am besten umsetzen können. Ein schräger Moment war sicher, als wir vor ein paar Wochen alte Stücke probten. Wir haben uns vorher nur mit den neuen Liedern auseinandergesetzt. Bei den Proben haben wir aber eher festgestellt, dass auch die alten Sachen in dieser Besetzung sehr gut und fast wie früher klingen. Das war erleichternd.

Interview: Timo Richard