Es gab schon immer Leute, mit denen man sich besser nicht anlegen sollte. Die katholische Kirche gehörte definitiv dazu. Wer doofe Fragen stellte, oder die falschen Thesen an die Kirchentür hämmerte, wurde exkommuniziert und damit so ziemlich aller Bürgerrechte beraubt.
In diese Rolle tritt in Frankreich jetzt die Musikindustrie. Wer sich nicht so verhält wie die Musikindustrie es will, sich also illegal Downloads bedient, soll nicht mehr ins Internet dürfen. Zweimal wird der Delinquent abgemahnt, dann muss der ISP (Internet Service Provider) seine Leitung kappen. Der Gatte von Carla Bruni hat das Dekret schon unterschrieben.

Nicht nur in Frankreich applaudieren die Majors. Hierzulande will man durch Lobbyarbeit gleichziehen. Nach Willen der Industrie sollen sich auch die Künstler für eine solche Gesetzgebung stark machen. Die Logik: Wer wiederholt beweist, dass er die Regeln des Autofahrens nicht einhalten kann, verliert auch den Führerschein.
Der Vergleich hinkt. Anders als der Zugang zu Informationen (in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland definiert unter § 5) ist Mobilität kein Grundrecht. Und selbst wenn es eins wäre, ist es durch öffentlichen Nahverkehr, Fahrräder und Taxis noch immer für jedermann sichergestellt, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

Abzuwarten ob der Sarkozy Alleingang überhaupt fruchtet. Einerseits erwägen französische Menschenrechtsgruppen bereits eine Prüfung durch den europäischen Gerichtshof, andererseits führen auch drakonische Strafen oft zum Gegenteil. Staaten, die die Todesstrafe anwenden, haben meist eine höhere Rate an Mordfällen (klar, der Mörder hat nichts mehr zu verlieren und wird Wiederholungstäter…), Nahverkehrsunternehmen mit höheren Geldbußen mehr Schwarzfahrer (man fühlt sich im Recht, das maßlose Unternehmen auszutricksen).

Versteht mich nicht falsch, ich finde überaus legitim, dass Künstler und Industrie verlangen, in irgendeiner weise vom Staat geschützt zu werden. Ich glaube jedoch nicht, dass dabei primär die Bestrafung, sondern die Belohnung im Vordergrund stehen sollte. Der Staat sollte hellhörig werden, wenn die Industrie durch Flatrates für Musik versucht, illegale Praxis zu legalisieren.
Jim Griffith, ein ehemaliger Kollege aus Universal-Zeiten ist einer der Vordenker wenn es darum geht. Das hat ihn dereinst wohl auch den Kopf gekostet. Mittlerweile wird Querdenken aber belohnt. Griffith Ansatz zu versuchen P2P über Flatrates für Musik zu legalisieren, brachte ihm den Job des Chefberaters für digitale Strategien bei der Warner ein.

Dort fragt sich ein Edgar Bronftman Jr. und seine Finanzinvestoren wahrscheinlich auch schon seit geraumer Zeit, weshalb Diskussionen wie Flatrates und ungeschützte MP3 Files in der Industrie sakrosankt sind. Die gleiche Frage stellt man sich in der Politik. Erkannt, dass da ein Marktversagen vorliegt hat man das dort auch ohne offene Briefe von Industrie und deren Künstlern.
Hier liegt die Chance Einigungen zu forcieren. Wer von Musik profitiert, muss dafür zahlen. Das ist spätestens seit der Leermedienabgabe auch in der Politik gelernt. Diese kann man in die Pflicht nehmen, wenn es darum geht Einigungen mit den Anbietern zu finden um sie zu guten Angeboten für ihre Kunden und faire Bezahlung für die Künstler zu bringen.

Schon heute zahlen ältere oder faule Filesharer Gebühren zwischen 7 und 10 Euro pro Monat um Filter für den vereinfachten, illegalen Download zu bekommen. Das kann man ihnen als Bestandteil einer Datenflatrate auch legal abnehmen, wenn sie dafür das gleiche bekommen. Profitieren tut dann nicht mehr die Softwareschmiede mit Adresse in Dubai, sondern Autor und Interpret der Songs die gesaugt werden.

Kids werden da nicht unbedingt mitspielen können oder wollen. Aber das sind auch diejenigen, die in der Regel schwarzfahren. Vom Geld, welches mir meine Mutter zum Erwerb einer HVV Monatskarte gab, hab ich mir immer Platten gekauft. Oder eben die Strafe gezahlt, wenn mich jemand erwischt hat. Das ist ja auch okay, aber die Bürgerrechte hat mir damals keiner weg nehmen wollen und heute zahle ich gerne mein Ticket als Flatrate (Monatskarte), weil ich weiß, dass öffentlicher Nahverkehr eine gute Sache ist und der Stress mit dem Schwarzfahren mir einfach zu viel ist…

euer Tim