Wenn es an einer kanadischen Band in den letzten Monaten kein Vorbeikommen gab, dann an Broken Social Scene. Während die meisten Mitglieder sich nebenbei jedoch in anderen Bands austoben, veröffentlicht Jason Collett ein Soloalbum, das klassischer, gelungener und authentischer kaum sein könnte.

Als Collett kurz nach ‘You Forgot It In People’ zur Band stößt, ist er alles andere als ein Neuling im Geschäft. Musik gemacht hat er schon immer, auch eine Sammlung einiger Songs, die sich seit den Neunzigern bei ihm angehäuft haben, hat er bereits veröffentlicht. Ferner rief er in Toronto unter dem Namen Radio Mondays einen offenen Songwriting-Abend ins Leben, der zu einem Zentrum der lokalen Musikszene wurde und Namen wie die Weakerthans, Feist, Howie Beck und natürlich Broken Social Scene hervorgebracht hat. Doch während Colletts Arbeit zuvor von der Welt nicht weiter bemerkt wurde, ist es ihm jetzt zum ersten Mal vergönnt, von seiner Musik zu leben.
Lange mussten Social Scene ihn drängen, bei ihnen einzusteigen und dann – kaum ein Teil der Band – übernimmt er schon die Rolle des ruhenden Pols; derjenige, der BSS während der schier endlosen Zeit des Tourens zusammenhält. “Keine Ahnung warum das so ist”, sagt er, lacht und lässt keinen Zweifel daran, dass er mit seinem derzeitigen Leben mehr als zufrieden ist. “Dabei bin ich nicht einmal der Älteste in der Band. Vielleicht liegt es daran, dass ich viel Verantwortung übernommen habe in meinem Leben und drei Kinder großzuziehen habe.”

Eines der Themen auf ‘Idols Of Exile’ ist seine eigene Kindheit in Bramalea, einem Vorort von Toronto, der einst als die perfekt geordnete Kleinstadt ‘designt’ wurde, letztendlich aber nicht viel mehr die höchste Selbstmordrate von Hausfrauen des ganzen Landes aufzuweisen hat. Sehr bald zieht es ihn deshalb nach Toronto, einer Stadt, in der “Leben ist”.

Vermutlich ist das Aufwachsen in einem kulturell so beschränkten Ort auch einer der Gründe, warum Collett das Touren mehr genießen kann als andere: “Wenn ich diese Bands höre, die sich darüber beschweren, wie anstrengend das ganze Touren und Promoten doch sei, dann kann ich nur sagen: Jungs, das ist keine Arbeit, das ist Luxus!’ Gerade in Europa: Ein wirklich großes Problem in Amerika ist, dass es da kaum öffentlichen Raum gibt! Alles, was wir haben, ist eine Mall, und da bist du kein Bürger, sondern ein Konsument. Es ist unheimlich, wie zerstörend das auf die Kultur wirkt!”
Diese Probleme scheint er jedoch hinter sich gelassen zu haben, denn an kreativem Austausch mangelt es dem 38-Jährigen wahrlich nicht, das merkt man nicht zuletzt an der schier endlosen ‘Gästeliste’ auf seinem Album – eine logische Konsequenz, wenn der Freundeskreis fast ausschließlich aus hochkarätigen Musikern besteht. Dafür steht auch wunderbar die Geschichte, wie Jason Collett zu der Band für sein Soloprojekt kam: Eines Tages klopften die blutjungen Paso Mino an seiner Tür, teilten ihm mit, er brauche eine Band und boten ihm ihre Dienste an. Die Songs hatten sie bereits ohne Collett perfekt geprobt.
Schön, wenn man sich stets auf sein gar nicht kaputtes soziales Umfeld verlassen kann!

Text: Seraina Nyikos