Billige Markenklamotten mögen die Touristen erfreuen. Auf den Geschmack der thailändischen Bevölkerung wirken sie sich jedoch fatal aus.

“One night in Bangkok makes a hard man humble. Not much between despair and ecstasy. One night in Bangkok and the tough guys tumble. Can’t be too careful with your company. I can feel the devil walking next to me”
(Benny Andersson/Björn Ulvaeus)

Bangkok. Anfang Dezember 2005. Ach, ja. richtig. Es ist John Lennons 25. Todestag. Ob das allerdings der Grund ist, aus dem mein Taxifahrer, der mich und meinen Rucksack aus dem Backpacker-Stadtteil Banglamphu zum Bahnhof transportiert, eben deren Songs durch seine Boxen schickt, erscheint mir fraglich. Die Lautstärke und Intensität, mit dem er die Lieder begleitet, legen eher die Vermutung nahe, dass es sich um sein persönliches Lieblingstape handelt. An einer roten Ampel dreht er sich um und strahlt mich verzückt an. “Beatles”, grinst er und deutet auf das Autoradio. Ich nicke freundlich und grinse zurück. Etwas verwirrt vielleicht, denn was da während meiner Flucht aus dem Ibiza Bangkoks zu hören bekomme, sind unter Garantie nicht die Fab Four. Stattdessen handelt es sich um eine sehr freie, die Herzen der Casio-Preset-Sound-Programmierer höher schlagen lassende Coverversion eines offensichtlich einheimischen und der englischen Sprache nicht mächtigen Interpreten. Was meinen Fahrer nicht im Geringsten stört. “Imaejn ohl the peepl”, schmettert er, die Augen geschlossen mit dem unbekannten Sangeskünstler im Duett.

Nach 20 Minuten Gratisshow falle ich äußerst amüsiert, aber doch etwas verwirrt aus dem Taxi. Nach fünf unfreiwilligen Tagen in diesem Moloch von Stadt – mein Visum für die Weiterreise nach Laos ließ auf sich warten – war mir klar, dass es hier so ziemlich jeden Gebrauchsgegenstand westlicher Bauart als Kopie kaufen gibt – Breitling Navitimer für 30 Euro? Dolce&Gabana-Täschchen für 20? Das Paar Chuck’s zu 15? Alles kein Problem. Später höre ich auch auf, mich über Landbevölkerung in verwaschenen Versace- und Diesel-T-Shirts zu wundern, doch die erste Erkenntnis, dass das permanente Vorhandensein von Raubkopien aller Art inzwischen auf den Musikgeschmack der lokalen Bevölkerung übergegriffen hat, erschreckt mich zutiefst.

Die nie stoppende Berieselung aus den Bars und Restaurants rund um die Khao San Road mit Coverversionen von bereits im Original recht angeschimmelter Rock-Klassiker der Marke Chicago, America oder Supertramp konnte noch als Zugeständnis an die nach einigen Flaschen Chiang- oder Singha- Bieres eh nicht mehr wirklich kritikfähigen Hippies gedeutet werden, die in ihrem selbstgerechten Hedonisten-Tran durch den Tag torkeln. Dass den Einheimischen dieser Geräuschsalat wirklich gefallen könnte, ist eine gruselige Vorstellung. Nach einigen Tagen versuche ich nur noch auf Durchzug zu schalten, denn flüchten kann man vor der Lärmbelästigung ja doch nicht. Wenn man es versucht, landet man mit ein wenig Pech in einem der Rotlichtbezirke der Stadt, in dem man dann nicht mal mehr sicher sein kann, dass wenigstens die Mädchen echt sind. Nicht wenige wünschten sich hier plötzlich, sie hätten den weisen Worten der ABBA-Veteranen Björn und Benni aufmerksamer gelauscht, die dereinst in ihrer Bangkok-Hymne warnten: “Can’t be too careful with your company.”

Einziger Lichtblick und der Grund, in dieser Stadt nicht völlig der Musik abzuschwören, war ein Mann, an dem ich jede Nacht auf dem Rückweg in mein “Hotel” vorbeilief. Zahnlos, barfuss, aber bis in die Haarspitzen euphorisiert, hackte der, während sein ebenfalls nicht mehr ganz klar bei Verstand wirkender Kumpel Geld von den zuschauenden Touristen sammelte, auf eine billige Gitarre ein, die an einen etwa Toaster großen und mit einem knatternden Generator betriebenen Verstärker angeschlossen war. Das Ergebnis klang entfernt nach dreckigem Blues. Seine handwerklichen Fähigkeiten reichten genau zu einem Riff, das er lediglich in der Tonhöhe variierte, und dank seiner ausladenden Akrobatik verspielte er sich dabei auch gerne mal. Mir war das scheißegal. Denn er spielte so laut, dass ich weder die Elton John-Coverversion aus der Bar hinter mir, noch die John Denver-Interpretation aus dem Restaurant darüber, noch die thailändische Las Ketchup-Variante aus dem kombinierten Massage-Internet-Schneiderladen direkt daneben weiterhin ertragen musste.

Als ich endlich mein Visum in den Händen halte, drücke ich ihm 100 Baht (das sind rund zwei Euro und der Tageslohn eines Bangkoker Bauarbeiters) in die seinigen, springe in ein Taxi und verlasse die Stadt.

Text: Moritz Honert