Die Tage werden kürzer, die Temperaturen gehen runter, Regen und Wind werden zu unseren ständigen Begleitern und Rotwein trinken macht wieder Sinn und Spaß. Kurzum, willkommen zum alljährlichen Auftakt der entschärften meteorologischen Simulation von Finnland in unseren Breitengraden. Gut, dass rechtzeitig zum Herbst mit ‘Dark Light’ ein neues HIM-Album ins Haus flattert, um in diese bevorstehenden, finsteren Zeiten etwas Licht zu bringen, und sei es auch nur in die Herzen.

Auch wenn Ville Valo mittlerweile verlobt ist und besagte lebenswichtigen Liebes-Organe auf Grund dieser Tatsache nunmehr in Heerscharen gebrochen haben dürfte, scheint es, als ob ‘Dark Light’ wieder so einiges kitten kann. Das fünfte Werk der Heartagram-Herren geht gleichsam zurück zum erhöhten Gothic-Rock-Faktor der Anfangstage wie zum griffigen Pop-Appeal, der das Durchbruchsalbum ‘Razorblade Romance’ zu eben jenem gemacht hat. Wo ‘Love Metal’ noch im epischen Ausmaße und somit – vergleichsweise – sperrigeren und härteren Arrangements aufwartete, ist die neue HIM ein einziges bittersüßes Honigschlecken und Wunden lecken. Oder wie es Ville selbst formuliert: “Die Songs sind sehr direkt und zentriert. Jedes neue Album ist immer eine Reflexion dessen, was du vorher gemacht hast und wir konnten also nicht noch mal ‘Love Metal’ machen. Die Idee war, ziemlich simple Songs mit großen Refrains zu komponieren und es dabei fett und groß klingen zu lassen. So wollten wir eine Stadion-Intimität zu erzeugen. Es sollte so einen U2-Vibe drin haben.” Dazu gesellen sich noch ein paar andere Achtzigerjahre-Referenzen, wie etwa ein Hauch früher The Cult und The Mission und sogar noch Abwegigeres. “Wir haben so ein bisschen den Billy Idol-Scheiß laufen. Songtechnisch, wenn auch nicht im Sound”, wie Ville weiß. Will sagen, hier gibt es Hits zuhauf, ohne dabei gleich wie Bananarama klingen zu müssen.

Gerade beim Thema Sound fällt einem daraufhin die durchaus komplexere Vorgeschichte zum neuen Studiowerk ein. So nahmen HIM erstmalig in Los Angeles auf, ein Ort, der einem nicht gerade als erster beim Begriffsassoziationsspiel zu Attributen wie ‘düster’, ‘melancholisch’ oder ‘finnisch’ einfällt. Kettenraucher Ville jedenfalls fand es wider Erwarten klasse. “Ich mag L.A. sehr. Du bist in einer halben Stunde im Rainbow, kannst dort einen kippen, Spaß haben und dir den Arsch wegrauchen. Eine halbe Stunde später bist du wieder in diesem alten Herrschaftshaus auf dem Hügel, in dem unser Studio und wo es sehr ruhig und friedlich war.” Bei dem Gedanken an diese doch recht komfortable Aufnahmeunterkunft kommt Ville jetzt noch ins Schwärmen. “Es ist toll, wenn du im Studio leben kannst. Du musst dich nicht um Transportmöglichkeiten kümmern, musst also sozusagen nicht zur Arbeit fahren. Man kann barfuß und in Unterwäsche mit einem Kaffe in der Hand direkt ins Studio schlurfen. Ich mag diese Art von Freiheit.” Was Herr Valo hingegen überhaupt nicht mag ist New York, wo die Platte letztlich gemixt wurde. “Die Stadt ist mir zu schnell. In New York hast du nur Hochhäuser, jeder hat es eilig, niemand lächelt oder sagt Guten Morgen. Es ist einfach nicht meine Tasse Tee. Die Stadt macht mich nervös.”

Hätte man so jetzt eigentlich nicht vermutet, aber vielleicht ist, wenn auch klimatechnisch andersartig veranlagt, Kalifornien in seiner extravaganten Verschrobenheit der finnischen Eigenart doch näher als man denkt. Reine Spekulation. Der Klang aktueller US-Bands ist es jedenfalls nicht,  womit wir beim bereits angesprochenen Thema der komplexeren Entstehungsgeschichte der Platte wären. Ursprünglich sollte sich nämlich der Amerikaner Andy Wallace (Slayer, Korn, Staind) im Big Apple die Mixknöpfe bedienen. Was aus einer, zumindest auf dem Papier, ursprünglich spannenden Idee wurde, erzählt Ville besser selber: “Er arbeitet einfach anders, weil er mit so vielen amerikanischen Bands zu tun hat. Und die haben einfach einen anderen Sound. Wir dachten, wenn man eine finnische Band, einen britischen Produzenten und einen Amerikaner nimmt, der das Ganze dann mixt, dann kommt vielleicht etwas Tolles, Neues dabei heraus. Aber letztlich klang das ganze wie Hoobastank, wenn du weißt was ich meine.” Man kann Villes Problematik hierbei unmittelbar, und als Anhänger düsterer bis schwärzerer Musik um so mehr, mit Grauen nachvollziehen. Es ist schon etwas an HIM, das man anscheinend nur mit der angesprochenen finnischen Andersartigkeit in Worte fassen kann. “Die Finnen waren noch nie wirklich gut darin, Mainstream-Musik zu machen. Im Gegensatz zu Schweden, die Europe und all so was haben. Wir hingegen haben 22 Pisterpirkko. Und die Leningrad Cowboys. Finnische Musik hat immer etwas sonderbares und schräges drin. Unsere Musik ist auch schräg. Man kann sie schwer kategorisieren. Es ist nicht wirklich Gothic, Metal, Rock oder Pop. In dieser Hinsicht sahen wir die Gefahr, dass wir etwas von unserer Vielseitigkeit verlieren.” Nun, diese haben sich HIM hiermit glücklicherweise bewahrt. Und auch wenn diese Platte die erste ist, die einer gleichzeitigen weltweiten Veröffentlichung entgegen sieht, und somit für die Band einen nicht gerade unwichtigen neue Sprosse auf der Leiter in den Düster-Rock-Olymp darstellt, ist es doch herzerwärmend festzustellen, dass HIM sich dabei nicht verbiegen, sondern in sich gehen, die eigenen Stärken auf ein Höchstmaß komprimieren und subsumieren, und sich mit all dieser schwer kategorisierbaren Außergewöhnlichkeit, weiterhin guten Gewissens im (finnischen) Ausnahmezustand des dunklen Lichts sonnen können. Let the dark light shine.

Text: Frank Thießies