Wer 2008 das Bein in der Indie-Disco schwang, ist an “Antidotes”, dem – zu Recht – gehypten Debüt der Foals nicht vorbei gekommen. Jetzt legen die fünf jungen Herren aus Oxford nach.

Math-Rock, Afro-Beat und Dance-Punk waren nur einige der Schubladen, in die die jubelnde Popkritik die Foals damals zu stecken versuchte. Gemeint war eine infektiöse wie intelligente Mixtur aus vertrackten Rhythmen, eingängigen Melodien, Stakkato-Gitarren, skandierendem Gesang und kryptischen Texten. Auf dem neuen Album “Total Life Forever” haben die “Fohlen” ihr Tempo um einige Pferdestärken gezügelt. Die Durchgeknalltheit des Quintetts ist dabei jedoch nicht auf der Strecke geblieben. Was es heißt, ein “Foal” zu sein, erzählten uns Frontmann Yannis Philippakis und Gitarrist Jimmy Smith beim Interview in Berlin.

motor.de: Vorab: Die krankheitsbedingte Absage Eures Auftritts beim letzten Melt! Festival hat für viel Enttäuschung gesorgt…
Yannis: Wir waren auch sehr enttäuscht. Wir hatten viel von dem Festival gehört und wollten unbedingt dort spielen. Dann kam uns aber ein Virus dazwischen. Ich glaube, es war Schweinegrippe. Wir leben alle zusammen, wenn also einer krank wird, steckt sich der Rest in der Regel schnell an. Wir spielen aber dieses Jahr auf dem Melt!. Ich freue mich drauf. Es sieht beeindruckend aus. Viele Festivals ähneln sich, aber das Melt! scheint wirklich individuell zu sein.

motor.de: Wie Du gerade schon erwähntest, teilt Ihr Euch bandintern seit einer Weile ein Haus in Oxford. Ist das nicht auf die Dauer etwas zu viel Nähe?
Yannis:
Ich glaube nicht, dass wir ewig zusammen leben werden. Walter, unser Bassist, wohnt auch nicht bei uns. Dafür teilen wir das Haus mit weiteren Musikern. Insgesamt sind wir sechs Leute, am Wochenende bis zu fünfzehn. Für das Album war es eine sehr produktive Situation, weil wir schreiben und spielen konnten, wann immer es uns passte. Als wir in das Haus einzogen, war es komplett leer. Wir haben quasi aus dem Nichts ein Studio in den Keller gebaut. Ein Bandhauptquartier zu haben, ist fast wie die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Es ist wie ein Baumhaus für Menschen unseres Alters. Wir können uns vor der Welt auf unseren eigenen Raum zurückziehen, in dem wir unter uns bzw. im Kreise unserer engsten Freunde sind und uns gegenseitig kreativ unterstützen. Wir sind wie eine Gang, wie eine Bruderschaft.

motor.de: Ist es richtig, dass “Total Life Forever” teilweise in Oxford und teilweise in Göteborg aufgenommen wurde?
Yannis:
Das Grundgerüst des Albums entstand in Oxford. Wir haben die Songs dort geschrieben und auch die Demos und einige Loops eingespielt. Dann sind wir für die richtigen Aufnahmen nach Schweden gegangen, haben dort zwölf Wochen zusammen im Studio gelebt.

motor.de: Warum Schweden?
Jimmy:
Das Studio ist fantastisch. Unser Produzent Luke Smith hat es ausfindig gemacht.
Yannis: Wir wussten, dass wir das Album nicht in England aufnehmen wollten. Es ist wichtig, dass man das Gefühl hat, auf eine Mission zu gehen. Wir hatten einen Tapetenwechsel dringend nötig und brauchten einen Ort, an dem es keine Ablenkung gab und wo wir den ganzen Alltagskram, der einen an die Realität kettet, hinter uns lassen konnten.

motor.de: Wie gefiel Euch Göteborg?
Jimmy:
Es war okay. Wir haben nicht viel von der Stadt gesehen. Wir waren lediglich in ein paar Bars, haben einige interessante Gestalten kennengelernt.
Yannis: Ich fand es nicht so toll. Das Studio und die Leute dort waren cool, aber das Studio liegt etwas außerhalb in einer ziemlich trostlosen Gegend.
Jimmy: Wir haben im Sommer mit den Aufnahmen begonnen. Das Wetter war schön, alles war grün und alle waren gut drauf. Dann wurde es innerhalb kurzer Zeit Winter und die Laune ging in den Keller.
Yannis: Der Winter brach über uns herein, und die Studiozeit wurde knapp. Zu Anfang arbeiteten wir sehr langsam, brauchten eine ganze Weile, um in die Gänge zu kommen. Zuvor in Oxford gab es keinerlei Druck, niemand mischte sich ein. Plötzlich hatten wir eine Deadline und konnten nicht unendlich weiter basteln. Aber so werden Platten nun mal gemacht.

motor.de: Was ja wichtig ist, weil man sonst nie zum Schluss kommen würde.
Yannis:
Das passiert uns auch.
Jimmy: Ohne Deadline wären wir Axl Rose.


motor.de: Angeblich habt Ihr Euch diesmal im Vorfeld keine Regeln auferlegt und seid weniger theoretisch an die Musik herangegangen als noch auf “
Antidotes“.
Yannis:
Es gab irgendwann mal eine Diskussion, wo es hieß: “Lasst uns nicht immer alles überanalysieren”. Das war’s aber auch schon. Wir neigen dazu, uns selber sehr stark zu zensieren. Wir kreieren etwas und zerstören es wieder, weil wir nicht zufrieden sind. Das wollten wir diesmal vermeiden. Einerseits treibt einen dieser Impuls dazu an, immer besser zu werden, andererseits führt er dazu, dass man alles wieder kaputt macht und nie glücklich mit dem ist, was man geschaffen hat. Diesmal haben wir die Lieder geschrieben und dran gearbeitet, bis wir zufrieden waren und uns nicht den Kopf darüber zerbrochen, ob das jetzt in die richtige Richtung geht oder die Fans der ersten Platte es mögen werden. Wenn man über solche Dinge nachdenkt, belastet es den künstlerischen Prozess. Das ist nicht unser Job.

motor.de: Ihr seid Perfektionisten, oder?
Yannis/Jimmy:
Ja!
Jimmy: Wir sind Perfektionisten im wahrsten Sinne des Wortes.
Yannis: Es ist natürlich von Bandmitglied zu Bandmitglied unterschiedlich. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht so läuft wie es sollte, würde ich mich am liebsten in mir selbst vergraben und mich innerlich auffressen.

motor.de: Klingt ja nicht gerade gesund.
Yannis:
Das soll es auch nicht sein. Wenn wir gesund wären, wären wir nicht in einer Band. Meiner Meinung nach, geht der kreative Prozess auf Kosten der Gesundheit – nicht nur der physischen, sondern auch der geistigen. Wenn man seine kreative Energie voll ausschöpft und hoffentlich etwas Besonders schafft, leiden zwangsläufig andere Aspekte des eigenen Lebens darunter. Würde ich Zeit damit verbringen, mein Zimmer aufzuräumen und Freundschaften zu pflegen, und darauf achten, nicht zu besessen zu sein, von dem, was wir tun, wäre ich in einer anderen Band. Dann wäre ich bei den Kooks. Ich brauche Obsession. Ich bin nicht daran interessiert, ein Sonntagsschreiber zu sein. Wenn man glücklich und zufrieden ist, warum etwas kreieren? Man kreiert, um innere Spannungen rauszulassen. Natürlich kann man glücklich und trotzdem künstlerisch tätig sein, aber da liegt der Unterschied zwischen einem Roman von Jilly Cooper und einem Roman von Ernest Hemingway. Glaubst Du, dass Jilly Cooper genau so viel Schweiß und Blut vergossen hat wie Ernest Hemingway?


motor.de: Vermutlich nicht. Womit wir beim Thema Songtexte wären. Denen sollst Du auf dem neuen Album mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben.
Yannis:
Ich hatte diesmal mehr Zeit für die Texte. Sie entstanden parallel zur Musik. Viele Songs auf “Antidotes” waren ursprünglich instrumentale Dancetracks, die wir auf Partys spielten und über die ich manchmal etwas gebrüllt habe.

motor.de: Auf der einen Seite sind eure Texte diesmal persönlicher ausgefallen sind. Gleichzeitig sollen die Zukunftsvisionen des Futuristen Raymond Kurzweil als wichtige Inspirationsquelle gedient haben, so etwa für den Titelsong. Gibt es wiederkehrende Themen auf “Total Life Forever”?
Yannis:
Ja. Das Konzept von Heimat und Sicherheit, Frühlingsgefühle, Liebeskummer, Desillusionierung, das Glücksgefühl, frei zu sein. Einige der Songs spielen vor dem Hintergrund einer dystopisch angehauchten, zerstörten Stadtlandschaft. Sie sind nicht in der Zukunft angesiedelt, vielmehr in einer leicht halluzinatorischen Version der Gegenwart. “Total Life Forever” ist kein Konzeptalbum, aber es gibt diese spezielle Stimmung, die sich durch Teile der Platte zieht.

motor.de: Eine weitere Veränderung zu Eurem Debüt ist, dass Du Deine Stimme inzwischen deutlich melodiöser einsetzt.
Yannis:
Am Gesang zu feilen war nach “Antidotes” der nächste logische Schritt. Ich habe ursprünglich an der Gitarre angefangen und früher vor allem in Instrumentalbands gespielt. Singen ist mir nie leicht gefallen. Es hat Zeit gebraucht, sich zu entwickeln. Diesmal wollte ich den Gesang melodisch so interessant gestalten wie die Musik. Manchmal haben wir in einer recht kleinen Runde im Keller gespielt, leise genug, dass ich dazu singen konnte. Wir waren unter uns, so dass ich mich einigermaßen wohl dabei fühlte und es mir nicht unangenehm oder peinlich war.

motor.de: Besonders präsent ist diese Weiterentwicklung auf Eurer ersten Single “Spanish Sahara”, die von allen Songs des Albums am Foals-untypischsten klingt. Wie haben Eure Fans das Lied aufgenommen? Hatten sie Angst, Ihr wärt zu
Coldplay mutiert?
Jimmy:
Die Resonanz war ausschließlich positiv. Es ist ein sehr düsteres, langsames Stück, weshalb ich mit gemischteren Reaktionen gerechnet hätte. Wir sind ziemlich erleichtert und positiv überrascht, dass die Leute – vor allem unsere alten Fans – das Lied mögen. Es wirft auf jeden Fall ein positives Licht auf sie. Es gäbe nichts Schlimmeres für uns, als das Gefühl zu haben, uns ewig wiederholen zu müssen.

motor.de: Zum Abschluss noch eine kleine Beobachtung: In Fotos und auf Videos sieht man Euch häufig mit Zigarette. Rauchen scheint ein großes Thema in der Band zu sein.
Yannis:
Wir qualmen ganz schön viel, zumindest ich, Walter und Jimmy. Edwin raucht nicht, Jack nur selten. Wir leben allgemein ziemlich ungesund. Die Leute halten uns für Nerds, deshalb lassen sie unser schlechtes Benehmen durchgehen. In einer Band zu sein, habe ich immer mit einem hedonistischen Lebensstil, Risikobereitschaft und einem Hang zur Selbstzerstörung assoziiert. Ich habe mit dem Rauchen angefangen, als ich zwölf war und Nirvana entdeckte. Ich hörte auf, Sport zu machen und begann, Gitarre zu spielen. Aber natürlich ist Rauchen eigentlich lächerlich.

motor.de: Hast Du je versucht, aufzuhören?
Yannis:
Nein. Es ist schwierig für einen von uns, das Rauchen aufzugeben, weil wir ständig zusammen sind. Wenn, dann müssten wir alle gemeinsam aufhören.

Interview: Nina Töllner