Legendenbildung braucht manchmal wenig. Anderthalb Killeralben (‘Ass Cobra’ und das unantastbare ‘Apocalypse Dudes’), Sänger Hanks Heroin- und anderes Suchtverhalten, Bandauflösung, fertig. In der Zeit, wo sie eben nicht da waren, wurden die dezibelstarken Denim-Delinquenten von Turbonegro zu einem noch kultisch verehrterem Make-up-Mythos als zu akuten Live-Zeiten. Vor gut zwei Jahren dann das chronologische Comeback mit ‘Scandinavian Leather’, doch erst mit ‘Party Animals’, dem aktuellen Album der Norweger, erfolgt die ersehnte erektile Rückkehr zu einstiger Größe. Punk-Spirit, Licks und Achtziger-Metal-Kicks, angriffslustig und angenehm atavistisch in Turbo-Top-Hits der Extraklasse verpackt, macht die Legende nun wieder richtig Sinn.

Sofern man bei Turbonegro überhaupt von Sinn sprechen kann, haben die Jungs doch in ihrer bewegten Vergangenheit mehr durch anarchischen Analhumor und Fäkalfaszination bestochen. Vorbei. Sagt zumindest Bassist und Rouge-Schwadron-Anführer Happy Tom, danach gefragt, wo ‘Party Animals’ denn thematisch so einzuordnen sei. “Das ist der letzte Teil der apokalyptischen Trilogie, die mit ‘Apocalypse Dudes’ als Album über Sex und Pizza begann. Dann kam ‘Scandinavian Leather’, da ging es ums Überleben und die Natur. Und jetzt geht es um Krieg.” Liegt ja bei dem Titel auch auf der Hand. “Schau dir den Typ auf dem Cover mit dem Helm an. Er macht sich gerade fürs Wochenende ausgehfertig – und es wird ziemlich hässlich werden. So in dem Sinne, dass Krieg eine große Party ist, aber eine sehr zerstörerische. Wie beim Feiern verlieren sich Leute auch im Krieg.” Martialischen Mummenschanz kennt man ja gelegentlich schon von den Kollegen, aber sind Turbonegro jetzt tatsächlich das politische Gewissen des Arschtritt-Rocks? “Das ist mit Sicherheit unsere politischste Platte soweit. Aber es ging bei Turbonegro immer auch schon um Krieg. Wir standen im Krieg mit der Welt und sind es immer noch. Am meisten führen wir aber einen Krieg mit uns selbst.” Was auf Grund des immer noch vorhandenen selbstdestruktiven Potenzials der Band nachvollziehbar ist. Zumindest wenn man auf Tour quasi 90% der Nächte durchmacht. Na ja, ein bisschen Altersweisheit ist nach all dem, was Turbonegro insgesamt so durchgemacht haben, dann doch hängengeblieben. Sind Turbonegro anno 2005 also die weisere und auch bessere Band? “Verglichen mit 1998, als alles direkt den Bach runterging und zur Hölle fuhr, sicherlich. Aber befreundet zu sein und einfach Spaß zu haben, war schon immer der Hauptfokus innerhalb der Band. Und natürlich Krieg führen. Aber das ist ja auch ein Teil des Spaßes. Der französische Soziologe Baudrillard, wahrscheinlich einer der besten Denker des 20. Jahrhunderts, hat mal gesagt: früher war ich ein wütender junger Mann, jetzt bin ich ein wütender alter Mann (lacht). Das trifft es, hehe”, so Rotbäckchen Happy Tom. Und um noch mal auf den Mythos zurückzukommen, diese Form der lebendigen Heiligsprechung schmeckte den Turbos nie so recht. “Alle fanden cool, dass wir diese Comeback-Shows gemacht haben, aber einige wollten einfach nicht, dass wir jemals eine neue Platte machen, nur damit dieser Mythos am Leben bleibt. Wir wollen aber kein Mythos sein, sondern die beste Rock’n’Roll-Band der Welt.” Zumindest das Etappenziel zur “größten Underground Band der Welt” zu avancieren haben Turbonegro nach Happy Tom mittlerweile erreicht. Bleibt nur noch offen, ob die mittlerweile visuelle Variation der einstigen Jeans-Junkies auch als neuer Dresscode für ihre stets mit blauer Baumwolle behafteten Anhängerschaft, der globalen Turbojugend-Bewegung, gelten soll. “Die sollen in Uniform bleiben, aber wir mussten mal ausscheren. In den Siebzigerjahren haben sie in Norwegen Öl entdeckt und mittlerweile sind wir eines der reichsten Länder der Welt. Neben Saudi-Arabien vielleicht. Was ich sagen will ist, dass die Leute hier auf Grund des Ölgelds keine regulären Jobs mehr haben – und unser neuer Look ist quasi eine statistischer Querschnitt der Norwegischen Arbeitskräfte. Hank ist der Kriegsherr aus den tiefen Wäldern, Chris ist ein rollerskatender Gangster, Euroboy ein totalitärer Gitarrenheld. Ich bin ein Offizier und Gentleman Pal Pot ist ein Michael Hutchence-Doppelgänger mit einem deutschen Helm. Und Rune verkörpert einen der weitverbreitetsten Berufe heutzutage in Norwegen (dramatische Pause). Einen Mann mit Hut.” Noch Fragen? Gäbe es entsprechend bedeutsame Positionen auch auf dem hiesigen Arbeitsmarkt, so würde die deutsche Wirtschaft vermutlich so schnell wie Turbonegro wieder schwarze Zahlen schreiben. Ist aber vielleicht auch nur ein weiterer Mythos.

Text: Frank Thießies