Die Zukunft des Pop-Fernsehens

Bam! Das war aber ein lauter Furz. Und gleich noch einer! Armes Mädel. Nichtsahnend wurde sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Jetzt sitzt sie im Warteraum, direkt neben einem fetten Kerl mit Verdauungsproblemen. Dieser furzt nonstop. Laut, stinkend. Nach zehn qualvollen Minuten outet sich der Fettsack als Schauspieler mit direktem Draht zur Furz-Maschine. War alles nur ein Scherz, hähähä. Willkommen bei MTV Boiling Points.

Boiling Points ist nur eine von zahlreichen Shows, die MTV Deutschland aus dem US-Programm übernimmt. Seitdem MTVs Chefs als neue Eigentümer bei Viva den Rotstift angesetzt haben, fragen sich viele Freunde des gepflegten Entertainments besorgt: Droht uns so was demnächst rund um die Uhr? Werden all unsere Lieblingssendungen schlechten Reality Shows weichen? Furzen statt Fast Forward – ist das die Zukunft des Pop-Fernsehens?

Die Antwort darauf kommt wie auch die Furz-Show aus den USA, dem Land des MTViva-Eigentümers Viacom – und sie riecht nicht eben gut. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergrund das US-MTV-Programm. Heute läuft Boiling Points hier geschlagene drei Stunden nonstop. Ein billiger versteckte Kamera-Witz jagt den nächsten. Die Veräppelten bekommen 100 Dollar. Jedenfalls, wenn sie sich willenlos durch den Kakao ziehen lassen. Wer sich beschwert, geht leer aus. Günstiger lässt sich Nachmittagsunterhaltung kaum produzieren.

Davor lief anderthalb Stunden Laguna Beach – MTVs Reality Rip-Off einer schlechten US-Teenie-Serie. Am Nachmittag folgt dann “Date my Mom” und schließlich – Überraschung – Musikvideos. Top Ten-Hits, eine Stunde lang. Am Abend gibt’s schließlich Real World, Pimp my ride, eine Reality-Show über den Skateboard-Profi Bam Margera, eine Prominenten-Veräppel-Show, mehr Furzwitze und schließlich ab drei Uhr morgens wieder Musikvideos zu sehen. Diese werden bis mittags als Dauerberieselung ausgestrahlt. Dann geht es wieder los mit der Reality-Sause: Date my mom, Pimp my ride, friss oder stirb. Die meisten Shows sind Wiederholungen, Updates gibt’s nur einmal pro Woche.

Zugegeben: MTV hat sich nicht vollständig von der Idee des Musikfernsehens verabschiedet. MTV 2 strahlt praktisch rund um die Uhr Clips aus. Zu sehen bekomme ich davon jedoch keine. Mein Kabel-Anbieter hat sich entschieden, mir im Rahmen seines 100-Kanäle-Basisangebots lieber den Wetter-Kanal, Home & Garden Television und das Food Network ins Haus zu liefern. Was vermutlich gar keine so schlechte Idee war. Schließlich macht das Food Network wenigstens hungrig. Lust auf Musik versprechen MTV2s Nonstop-Hit-Countdowns dagegen kaum.

Ach ja, und dann wäre da noch VH1. Gehört ebenfalls Viacom, und stand früher mal für Videohits One. Heute laufen auf VH1 praktisch pausenlos Shows für Leute, die gern an ihre Jugend zurückdenken. I love the 80ies zum Beispiel. Hin und wieder ist das sogar mal ganz lustig. Aber mit Musikfernsehen hat es so viel zu tun wie Furzen mit Entertainment.

Doch es gibt auch gute Nachrichten aus den Lande Viacoms. Das Musikfernsehen der Achtziger und Neunziger mag tot sein. Pop-Fernsehen ist dagegen lebendiger und kreativer denn je. Sogar Viacom trägt seinen Teil zu dieser Entwicklung bei. Neben einer Reihe von Reality-TV-verseuchten Ex-Musikkanälen besitzt die Firma in den USA auch den Sender Comedy Central. Dort hat man sich längst von der Realität verabschiedet und produziert prima absurde Dinge wie die Cop-Reality-Show-Parodie Reno 911. Und natürlich die großartige Fake-News-Sendung “The Daily Show” mit Jon Stewart, dem wichtigsten Fernsehgesicht des Jahres 2004.

Die wahren Gewinner des Popfernseh-Schlamassels sind jedoch ein Fleischkloß, eine Packung Pommes und ein Milchshake. Die drei sind Hauptfiguren der Aninamtionsserie “Aqua Teen Hunger Force”, die in den USA werktäglich zur Geisterstunde beim Cartoon Network zu sehen ist. Der Sender, der Nachmittags Kids mit familienfreundlichen Zeichentrick-Abenteuern bedient, strahlt jede Nacht ab elf Cartoons für Erwachsene aus.

Die Adult Swim genannte Nachtschiene liefert sechs Stunden Slacker-Spaß vom Feinsten. Sprechende Burger, perverse U-Boot-Kapitäne, süß aussehende und dreckig fluchende japanische Superhelden, Babys mit Welteroberungsplänen, Schnippel-Figuren-Cartoons, gegen die South Park Hochglanz-Unterhaltung ist – Adult Swim kontert die Reality-TV-Schwemme mit anarchischem Unsinn und fährt damit Traumquoten ein. Shows wie “Family Guy” und “Aqua Teen Hunger Force” haben regelmäßig mehr Zuschauer als Talkshow-Altmeister wie David Letterman oder Jay Leno – von MTV mal ganz zu schweigen.

Mittlerweile scheint auch bei Musikern die Erkenntnis angekommen zu sein, dass sich mit Musikfernsehen kein Staat mehr machen lässt. Zwar versuchen sich einige noch verzweifelt an MTVs Reality-Formaten. Kluge Köpfe wie Andre 3000 haben dagegen längst das neue Popfernsehen für sich entdeckt. Der Outkast-Star arbeitet derzeit an einer eigenen Adult Swim-Show, für die er gleich auch die Musik produziert.

Zum Programmstart vor mehr als 20 Jahren strahlte MTV selbstbewusst den Videoclip “Video Killed The Radio Star” aus. Jetzt sieht alles danach aus, als ob Indie-Animation-Künstler den Video Star um die Ecke bringen könnten. Mit ein bisschen Glück gehen die MTV-Furzwitze gleich mit drauf.

Fernseh-Tipps für Viva-Flüchtlinge:

Die Highlights von Jon Stewarts Daily Show gibt’s in Deutschland jedes Wochenende kurz nach Mitternacht auf CNN. Weitere Infos:
http://edition.cnn.com/CNNI/Programs/
daily.show/index.html

Ausschnitte aus der Daily Show gibt’s zudem auf http://www.comedycentral.com/tv_shows/
thedailyshowwithjonstewart/

Adult Swim bietet einige Ausschnitte seiner Shows unter http://www.adultswim.com

Janko Röttgers lebt und arbeitet als freier Journalist in Los Angeles.