Lange war es still um Silverchair. Nachdem sich die Band 2002 mit dem schwülstig-bombastischen “Diorama” musikalisch in eine Sackgasse manövriert hatte, schien die Denkpause auch dringend angebracht. “Tiiief Luftholen”, hatte sich Frontmann Daniel Johns damals offensichtlich selbst verordnet. Alle Regler auf Null hieß es da, und ein völlig neuer Ansatz wurde ausprobiert. Das Ergebnis war eine Kollaboration mit dem australischen Techno-DJ Paul Mac, die unter dem Namen The Dissociatives mit liebgewonnenen Hörgewohnheiten der Vergangenheit aufräumte. Quasi angelegt als “weiße Leinwand” auf der beide ihre Pop-Ambitionen verwirklichen konnten, brach das entsprechende Album endgültig mit der Grunge-Tradition. Stattdessen präsentierte es verspielten Kunst-Pop mit vielen kreativen elektronischen Frickeleien, bei dem die Stromgitarren nur noch als ein Sample unter vielen auftauchten. Sogar Johns unverkennbarer Schleifstein-Gesang musste luftigeren und harmonischeren Vocals weichen.

Ein Grunger und ein Techno-DJ – wie merkwürdig dieses Team wirklich ist, merkt man erst richtig, wenn man den beiden gegenüber sitzt. Zwei Typen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier Johns: Teenie-Idol, Grunge-Millionär und Australiens erfolgreichster Rockexport der Neunziger. Klein und durchscheinend sieht er aus, wie er da auf der vordersten Kante des Sofas sitzt. Als wäre er nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Meißner-Porzellan gegossen worden. Mit seiner blassen Haut, seiner leisen Stimme und der fahrigen Art wie er die Zigarette im Aschenbecher ausdrückt, entspricht er irgendwie nicht dem Bild, das man von einem exaltierten Rockstar erwartet, der allein von seinem Debutalbum “Frogstomp” 2,5 Millionen Kopien verkauft hat.

Auf der anderen Seite Paul Mac: DJ-Veteran der ersten Stunde, der als einer der Pioniere der australischen Elektroszene gilt. Braungebrannt, Lachfalten, durchtrainiert. Einer von diesen Sunnyboys, bei denen das Grinsen einmal rund um den Kopf gehen würde, wenn nicht die Ohren im Weg wären. Mein Gott: So ein Ibiza-Typ halt! Aber sehr sympathisch!
Wie zum Henker haben also diese beiden völlig unterschiedlichen Charaktere zusammengefunden?

“Durch Remixe”, erklärt Paul. “Eigentlich komme ich ja aus dem Dance- und Technobereich. Irgendwann habe ich mal einen Remix für den Silverchair-Song- Freak gemacht. Und Daniel mochte es. Deswegen fragte er mich, ob ich nicht einige Sounds zu seinem nächsten Silverchair-Album machen könnte. Und daraus hat sich dann eine gute Freundschaft – auch musikalisch – entwickelt.” Das blieb nicht ohne Folgen. “Während dieses Prozesses haben wir gemerkt, dass wir es genossen, zusammen zu arbeiten. Obwohl wir aus völlig verschiedenen Welten kamen. Wir mochten einfach, was der andere tat und wollten unbedingt zusammen Musik machen. Deswegen haben wir beschlossen eine, Band zu gründen und ein Album aufzunehmen.”
Fragen, ob sich angesichts so großer musikalischer und biographischer Differenzen (Mac ist immerhin über zehn Jahre älter als Johns!) die Zusammenarbeit denn schwierig gestaltete, entlocken dem Silverchair-Frontmann ein kleines Lächeln. “Tatsächlich hat es sogar eine Menge Spaß gemacht. Wir haben herausgefunden, dass sich trotz aller Unterschiede unsere musikalischen Stile letztlich sehr ergänzen. Alles, was wir gemacht haben, und jede Idee, die einer von uns beiden hatte, wurde vom anderen aufgenommen und einfach auf seine Weise interpretiert.”

Wie unbeeindruckt von jeder Erwartungshaltung Johns dabei an die Sache heranging, nötigt dem Hörer auf jeden Fall Respekt ab. Der Sound des Albums unterscheidet sich nämlich radikaler von “Frogstomp” als alle bisherigen Nachfolger zusammen. Da besteht natürlich die Gefahr, alte Anhänger zu verprellen. “Man kann nicht jeden ansprechen!” stellt Johns klar. “Wir haben das nicht mit der Absicht gemacht, Fans von Silverchair oder von Paul abzugreifen. Wir wollten einfach nur ein gutes Album machen. Und wenn es jemand mag – um so besser! Wir versuchen niemanden zu überreden oder zu bekehren.”

Wer das jetzt als Abgesang auf seine Stammband Silverchair deutet, für den hat Johns Beruhigendes zu vermelden. “Ja, die Band existiert noch. Es wird ein neues Album geben, und es wird ein definitiv ein gutes Silverchair-Album werden. Ich werde da aber nichts überstürzen! Ich warte einfach noch auf die richtigen Songs.”
Und obwohl The Dissociatives weniger als eine klassische Seitenprojekt-Eintagsfliege, sondern mehr als eine Art “dauerhaftes Experiment”, gedacht ist, wollen beide die Arbeit an ihren verschiedenen Bands sauber voneinander getrennt halten. “Denn wenn du anfängst, dein Album zu stark von deinen Projekten beeinflussen zu lassen, entwertest du es damit!”

Text: Matthias Pflügner