Im letzten Teil unseres DVD-Specials vor einigen Wochen hatten wir die Anfänge des Rock’n’Roll bis hin zur historischen Kurskorrektur durch Punk nachvollzogen. Die daraus folgenden äußerst vitalen Underground-Szenen, die sich in allen westlichen Ländern entwickelten, prägten schließlich die heutig gültige Rezeption von Pop-Musik nachhaltig.

Musikalisch zeitigte die damals dem Rock’n’Roll von einigen Aufrechten verordnete Entschlackungskur ein Höchstmaß an Wirkung. Ohne die via Punk eingetretene Innovation und besonders die aus der Bewegung hervorgegangenen Bands des so genannten Post-Punk mit ihrem gewaltigen bis heute spürbaren Einfluss, wären die aktuell überschätzten Achtziger wohl endgültig in eitel aufgeblasenem Bombast ertrunken. Einige als reine Underground-Phänomene gestartete Bands wie The Cure oder U2 entwuchsen gar der Bewegung und definierten den Mainstream ihrer Zeit. Letztere veröffentlichten kürzlich noch einmal ihr bereits als VHS-Video bekanntes Konzert “Popmart Live In Mexico City” (Island/Universal) in neuem Glanz, das freilich die Wurzeln der Band nur noch erahnen lässt.

Mindestens ebenso großen Einfluss auf künftige Generationen hatten The Smiths. Trotz der unbestrittenen Wichtigkeit der Gruppe ist “Inside The Smiths” jedoch die zu erwartende Enttäuschung: Der Film zeigt die Karriere der Band um Johnny Marr und Morrissey aus der Sicht der B-Mannschaft. Andy Rourke (Bass) und Schlagzeuger Mike Joyce halten hier wehmütige Rückschau auf die ihnen beschiedenen 15 Minuten Ruhm, deren Fortschreibung ihnen bekanntlich durch den bis heute schwelenden Zwist der Frontleute verwehrt bleibt. Da zudem keiner der beiden über irgendwelche Rechte am beeindruckenden Smiths-Katalog verfügt, muss der Streifen ohne das Wichtigste: die Musik ebenso auskommen, wie leider auch ohne Kommentare der maßgeblichen Protagonisten.

Auch The Southern Death Cult begründeten ihren später unter dem verkürzten Namen The Cult erworbenen Ruhm auf den Trümmern des Punk. Rechtzeitig zum aktuellen Album des Duos zeigt “The Cult New York City” einen standardisierten Auftritt von 2006, also aus der längst in Stadion-Rock-Routinen erstarrten Spätphase Ian Astburys und Billy Duffys.

Der Grund, warum die Vorgenannten auch heute noch eine Rolle spielen, kommt bekanntlich aus Seattle und hört auf den Namen Nirvana. Der Tag, an dem “Nevermind” Michael Jackson vom ersten Platz der US-Charts, also vom Thron stießen, war, so will es die offizielle Geschichtsschreibung, gleichzeitig auch der Tag, an dem die lange im Untergrund brodelnde Saat des Punk endgültig im Mainstream aufging und die Grenzen zwischen Over- und Underground nachhaltig verwischt wurden – mit allen bis heute spürbaren positiven wie negativen Folgen. Vor diesem Hintergrund kaum zu glauben, aber der ikonographische “MTV Unplugged In New York” (Universal) -Gig der Band lag bislang tatsächlich nicht als Home-Video vor, auch nicht im VHS-Format. Die Lücke wird nun überzeugend geschlossen, der damalige Tag und seine Bedeutung anhand der vorherigen Proben und einiger Interviews nachvollzogen. Die Bedeutung des Konzerts essentiell zu nennen, wäre ein Unterstatement.

Die reine Qualität der Veröffentlichung betreffend haben Nirvanas direkte Konkurrenten aber ausnahmsweise mal die Nase leicht vorne. Die bereits etwas länger erhältliche Tourdoku “Immagine In Cornice (Picture In A Frame): Live In Italy” von Pearl Jam ist ziemlich sicher die eindrucksvollste und beste unter den hier besprochenen DVDs. Was vor allem Danny Clinch zu verdanken ist. Clinch, einer der profiliertesten Rock-Fotografen und -Filmemacher unserer Tage, gelang es auf kongeniale Weise Backstage-Impressionen mit viel Leidenschaft neben mitreißende Konzertausschnitte und italienische Alltagsbilder zu setzen, und der von ihm ganz offensichtlich über alle Maßen geschätzten Band um Eddie Vedder so ein erhabenes Denkmal zu setzen.

Ein verzichtbares Dokument der Karriere einer weiteren aus dem Alternative-Rock der Neunziger hervorgegangenen Band (wenn auch unter anderen musikalischen Vorzeichen) ist “Abolute Garbage” (Warner). Mit sämtlichen Videoclips und sonst nichts ein typischer eilig zusammengeschusterter Vertreter der Gattung schnell gemachter Produkte für den Gabentisch nur am Rande an Musik interessierter Menschen.

uch Lambchop oder die Flaming Lips hätten ohne Nirvana kaum jemals ein derart großes Publikum erreicht, wie es insbesondere letzteren inzwischen beschieden ist. “U.F.O.s At The Zoo – The Legendary Concert In Oklahoma City” (Warner) demonstriert auf bildmächtige Weise und anhand eines Konzerts in der Heimatstadt von der letzten Tour, mit welcher Konsequenz und mit wie viel Stilbewusstsein die Flaming Lips inzwischen die Grenzen klassischen Rock-Entertainments sprengen. Eine visuelle und akustische Meisterleistung!

Ähnlich grenzüberschreitend, wenngleich eher musikalisch als visuell, agieren auch Lambchop in “No Such Silence” (City Slang/Universal). Deren 2006er Konzert in Brüssel schließt die unkonventionell ausgesuchten Vorbands mit ein und spannt so einen erlesenen musikalischen Bogen verschiedenster Stile.

Über die Neunziger zu sprechen, ohne Oasis zu erwähnen, wäre wie Fußball ohne Ball. Womit auch gleich das intellektuelle Umfeld der ingeniös-prolligen Über-Lads ins Spiel gebracht wäre, die ihrer sorgsam gehegten und gepflegten Working Class-Attitude mit (selbst-) ironischer und durchaus (verdammt noch mal:) subtiler Note einige der komischsten und unterhaltsamsten Momente der Pop-Historie abrangen. Ikonographisch auf die Spitze getrieben wird der für die Gallaghers typische Mix aus Selbstinszenierung und -Gefälligkeit in der mit einigen fast surreal anmutenden “Lost In Translation”-Momenten ausgestatteten Tour-Dokumentation “Lord Don’t Slow Me Down” (Universal), die in der Heimat zum absehbaren Kinoerfolg wurde, hierzulande jedoch nur in ausgewählten Clubs zur Aufführung kam. Dem die letzte und einjährige Welttour dokumentierenden Streifen fügt die opulent ausgestattete DVD-Version nun noch die ungekürzte triumphale Heimkehr nach Manchester hinzu.

Anfangs noch als Beatles-Rip-Off verschrien, entwickelten sich Oasis über die Jahre zu einer Art Elder Statesmen der jüngsten Generation des (nicht nur) britischen Pop und Rock. Kreativer Hauptmotor jener nachgewachsenen Szene waren neben den Strokes die ingeniösen Libertines, deren Pete Doherty bekanntlich inzwischen zu einer Art Trash-Gesamt”kunst”werk verkommen ist, mit seinen Babyshambles aber immer wieder auch lichte Momente erwischt. “Up The Shambles – Live In Manchester” (EMI) gehört leider nicht dazu. Das schon etwas ältere Konzert zeigt eine unbeteiligt-routiniert agierende Band und einen nach Luft schnappenden, indisponierten Doherty ohne jeden Bezug zu seinen Songs.

Dann schon lieber die das Erbe der Gallaghers wörtlich nehmenden Proll-Rocker The Fratellis, die zwar erst ein Album veröffentlicht haben, auf “Edgy In Brixton” (Universal) mit Alkoholiker-Hymnen wie “Chelsea Dagger” aber trotzdem einen feuchtfröhlichen Sturm der Begeisterung auslösen.
Eher nicht in diese Chronologie passen zwei DVDs, die auf Grund ihrer Klasse aber trotzdem nicht unerwähnt bleiben sollen: Insbesondere “Heima” von Sigur Rós zementiert zwar einmal mehr das Image der Band als sphärisch entrückte Naturgeister, entschädigt für etwas zu offensichtliche Klischeepflege aber mit isländischen Landschaftsimpressionen von unfassbarer Schönheit und Konzerten an ebenso merk- wie denkwürdigen Orten wie einem Gemeindehaus, einem alten Öltank oder einer Kuhwiese vor Kratern im Jökulsárgljúfur-Nationalpark. Aufnahmen von so großer Wirkungsmacht freilich, dass das Werk eher für die große Leinwand denn fürs Heimkino gemacht scheint.

Der Sigur Rós’schen Naturverbundenheit diamtetral entgegen steht bekanntlich Rufus Wainwright in all seiner überkandidelten Urbanität. Live wird das ihm eigene schwülstig-tuntige Element bisweilen ein bisschen überstrapaziert. Aber für “Rufus! Rufus! Rufus! Does Judy! Judy! Judy!”, seine Hommage an Judy Garland in Form einer Imitation von deren legendärem 1961er Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall, den Wainwright unter anderem auch im Londoner Palladium aufführte, nahm sich der Kanadier angesichts des hochkulturellen Ambientes ein bisschen zurück. Trotzdem waren konservativere Garland-Fans freilich entsetzt. Begleitet von großem Orchester scheitert der extrovertierte Feuilleton-Darling jedoch bisweilen am übergroßen Vorbild und wird den Songs der Garland nicht immer gerecht. Trotzdem eine eindrucksvolle Revue.

Auch wenn selten so offen zitiert und Referenz erwiesen wir wie hier: Einmal mehr zeigt sich, dass die zentrale DNA beinahe sämtlicher Spielarten populärer Musik in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gelegt wurde. Was freilich nicht bedeutet, dass die aktuellen Variationen nicht ebenso begeistern können. Wie gesagt: Selbstheilungskräfte und alle zehn Jahre eine Revolutiönchen.

Text: Torsten Groß