Hans Ruedi Giger ist müde. Die Nachwirkungen einer doppelten Dosis Schlafmittel noch im Blut, wurde er heute Mittag aus seinen Träumen geklingelt. Vor der Tür seines Museums, untergebracht im Château St. Germain in Gruyères, gelegen am Fuß der Schweizer Berge und unter einer Glocke von alles einschließendem Käsegeruch, stehen rund 50 Journalisten.

„Hatte ich glatt vergessen“, grinst der 64-jährige Schweizer Künstler und trotz des sich bemerkbar machenden Alters wirkt der wie immer komplett in schwarz gekleidete Mann wie ein vergnügter Junge. Nicht nur während des Interviews, in dessen Verlauf er dann auch gelegentlich für Sekunden einnickt, sondern auch schon bei der vorangegangen Führung durch sein Museum. Er redet über seine Werke, mittels derer er sich früher von Alpträumen kurierte, erste Schritte mit der Spritzpistole, mit der er fast alle seine surrealen biomechanischen Geschöpfe und Landschaften schuf und den Oscar, den er 1980 für die Arbeit an Ridley Scotts Film ‘Alien‘ gewann und der ihn weltberühmt machte. Immer wieder aber kehrt er heute Nachmittag zu einem Thema zurück: Vampire.

Grund für die Einladung in die Schweiz ist nämlich sein Auftreten als Herausgeber der Hörbuchreihe ‘H.R. Giger’s Vampirric‘. Bereits 2003 verlegte er zusammen mit Frank Festa einen gleichnamigen Erzählband, dessen Hörspielumsetzung Lars Peter Lueg, Chef von ‘LPL Records‘, jetzt mit den Sprechern Torsten Michaelis, Helmut Krauss, Lutz Riedel und David Nathan realisierte. „Echte Literatur“, betont Lueg stolz, dem es gelang, auch Giger selbst zur Mitarbeit als Sprecher zu bewegen. Vorwort und Einleitungen der einzelnen Geschichten spricht der Schweizer nun persönlich.

Auch wenn er den Wunsch einer Zusammenarbeit mit ihm relativ abgeklärt sieht – „mit meinem Namen drauf konnte er es eben besser verkaufen“ – hat ihm die Arbeit als ausgesprochenem Vampir-Fan doch Spaß gemacht. “Ich stelle mir die Frage, ob nicht alles Leben auf diesem Planeten letztlich ausbeutend und damit vampirisch ist“, philosophiert Giger. „Saugen wir nicht alle einander aus und werden wiederum ausgesogen?”. Seine Faszination für den Mythos, mit dem er sich auch schon mehrfach in seinen Bildern beschäftigte, geht jedoch noch tiefer. “Schon als Jugendlicher war ich fasziniert von allem, was mit Erotik zu tun hatte. Das ist ja eine Welt, die man nicht kennt, nicht versteht und die ein Geheimnis umgibt. Auch der Vorgang der Blutentnahme ist doch ein sehr erotischer“, erzählt Giger und zieht interessante Parallelen. „Da werden z.B. die Zähne lang, wie ein Penis hart wird.”

Text: Moritz Honert