Seit Anbeginn seiner Karriere hat Gavin Rossdale ein Problem – den Vorwurf des Plagiats. Als seine erste Band Bush 1994 die Bühnen betrat, galten sie, gerechtfertigt oder nicht, als Nirvana-Klone und es dauerte sieben Jahre und vier Alben, bis sich für die Band aus London der Erfolg nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Kritikern der Welt einstellte. Die Band hat all das indes nicht überlebt.

Seit dem Ausstieg von Gitarrist Nigel Pulsford anno 2001 befinden sich Bush in einer nicht näher definierten Zwangspause, die Rossdale, der in den letzten Jahren mehr als Ehemann von Pop-Chanteuse Gwen Stefani von sich reden machte als in seiner Funktion als Musiker, genutzt hat, eine neue Band zu gründen. “Zuhause rumhängen, Valium schlucken und Fernsehen gucken ist nichts für mich”, lacht er. “Das einzige Leben, das ich führen möchte, besteht aus Platten aufnehmen”.
Sein Problem wird er allerdings auch als Chef von Institute, so der Name der neuen Truppe, nicht los.

Unter der Regie von Helmet-Chef Page Hamilton hat Gavin ein Album eingespielt, das einmal mehr – und diesmal berechtigterweise – an große Vorbilder gemahnt. Deutlich ist die Handschrift Hamiltons in Songs wie ‘Come On Over’, ‘Information Age’ oder der ersten Single ‘Bullet Proof Skin’ zu hören. Zum reduzierten, marschierenden Schlagzeug von Charlie Walker hämmern Chris Traynor (Helmet) und Cache Tolman (Ex-Rival Schools, CIV) die Stakkatoriffs aus Helmets ‘Aftertaste’-Zeit, bevor im Refrain einfache, aber ergreifende Melodien den Song zurück in den Pop-Kontext überführen. Das klingt wuchtig und direkt, nur eben nicht neu. Den Einfluss streitet Gavin allerdings auch gar nicht ab. “Dass Page das Album produziert hat, hat definitiv meine Art zu schreiben beeinflusst”, beschreibt er den Arbeitsprozess. “Zum Teil habe ich richtig ausgeflippte Sachen geschrieben, aber Page hat aus ungefähr 25 Stücken die ausgewählt, die er produzieren wollte, und das war hauptsächlich der Gerade-aus-Kram. Ich war erst ein wenig enttäuscht. Im Endeffekt scheint es mir aber gut gewesen zu sein, das Album so strikt zu halten. So ist ‘Distort Yourself’ eine gute, weil klare Ausgangsbasis für alles weitere”, zeigt er sich zuversichtlich.

Überhaupt macht der 40-jährige Gavin einen sehr entspannten Eindruck, wie er in T-Shirt und Jeans vor einem wandschrankgroßen Fernseher in einer Suite in einem Londoner Hotel sitzt und beschreibt, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Wie es aussieht, werden Institute diese fürs Erste dominieren. “Bevor ich die Platte gemacht habe, rief ich bei Nigel an und wollte von ihm wissen, was ich den Leuten erzählen soll. Dass man mich nach Bush fragen würde, wenn ich mit einer neuen Band auftauche, war mir klar. Es sagte, dass er gerne ein neues Bush-Album machen würde, aber erst mal mehr Zeit mit seiner Familie zu Hause verbringen wolle. Wenn es mit Bush aber noch mal klappt, wäre das großartig.” Bis dahin finden die Fans in ‘Distort Yourself’ adäquaten Ersatz. Neben den Helmet-Einflüssen scheint in Songs wie ‘Wasteland’, ‘Seventh Wave’ oder ‘Mountains’ mehr als einmal der Laute-Leise-Midtempo-Breitwand-Rock durch, der Bush ausgezeichnet hat. Für Gavin ist auch das kein Wunder, sondern nur der Ausdruck des unverkrampften Entstehungsprozesses der Musik. “Vielleicht könnten die Unterschiede größer sein, aber das beweist doch, dass alles einer natürlichen Quelle entspringt. Songs zu schreiben, ist für mich ein sehr natürlicher Prozess. Kein verrückter Kampf, den ich ausfechten muss.”

Jedenfalls nicht so verrückt, wie eine Begebenheit, die auf dem Rückweg zum Flughafen beim Passieren des Astoria Clubs nahe der U-Bahn Station Tottenham Court Road ins Auge fällt. Wie es der Zufall will, ist auch Page Hamilton gerade in der Stadt und Helmet spielen – als Vorband für Papa Roach. Verkehrte Welt.
Text: Moritz Honert