Mit ihrem Debütalbum schufen Billy Talent nichts weniger als DIE Konsensplatte des Jahres 2003 – kaum ein anderes Album konnte damals praktisch alle Anhänger diverser härterer Musikstile so begeistern wie das selbstbetitelte erste Werk dieser vier Kanadier. Jetzt – ziemlich genau drei Jahre später – setzt man zum zweiten Schlag an; und es sieht nicht so aus, als ob die damals ins Rollen getretene Lawine sich verlangsamen würde.

Für viele tauchten Billy Talent 2003 plötzlich wie aus dem Nichts auf – eine Band, von der vorher noch nie jemand gehört hatte, legt auf einmal die Platte des Jahres vor und verkauft riesige Konzertsäle aus.

Der Erfolg kam allerdings alles andere als über Nacht; hinter dem sympathischen Quartett liegen vielmehr mehr als zehn Jahre harter Arbeit. Bereits 1993 traf man sich in der Highschool und rief eine eigene Band ins Leben, die damals noch Pezz hieß. Jahrelang spielte man dann auf Schulfesten und Hinterhöfen, ohne dass sich jemand ernsthaft für die Formation interessiert hätte. Erst als man sich – in Anlehnung an einen Charakter aus dem Film “Hardcore Logo” – in Billy Talent umbenannte und einmal mehr ein neues Demo aufnahm, liefen die Plattenfirmen auf einmal Sturm.

Mit dem Vorurteil, ein Newcomer zu sein, muss die Band im Grunde aber bis heute leben; sie hat allerdings gelernt, das Ganze mit Humor zu sehen: “Ja, das ist so eine Art Running Gag bei uns, dass wir immer als Newcomer bezeichnet werden”, lacht Sänger Benjamin Kowalewicz. “2003 haben wir in Kanada zum Beispiel einen Preis als ‘Newcomer of the Year’ bekommen; es fühlt sich schon seltsam an, so etwas entgegen zu nehmen, wenn man bereits seit zehn Jahren Musik macht.”

Aber man hat sich damit arrangiert – ebenso wie mit den schlechten Kritiken, die auch noch gar nicht so lange zurückliegen und meist auf die ungewöhnlich hohe Stimme von Ben abzielten. “Zu Beginn hatte ich echte Probleme damit, dass sich Leute über meine Stimme aufgeregt haben und ich mir sogar mal anhören musste, dass ich wie eine gequälte Katze klingen würde; ich dachte dann wirklich darüber nach, ob es vielleicht besser wäre, wenn ich die Band verließe. Mittlerweile sind mir solche Kommentare aber ziemlich egal, schließlich scheint es ja Leute zu geben, die unsere Musik mögen.” Und nicht zu wenige: Billy Talent sind zu einem Alter- und Stil-übergreifenden Phänomen geworden; auf ihren Shows treffen sich die unterschiedlichsten Leute, um die Songs abzufeiern.

Eine der Gründe dafür dürfte sein, dass Billy Talent eben auch selber sehr unterschiedliche Typen sind, die von Szene-Beschränkungen nicht viel halten: “Wir alle hören ganz unterschiedliche Musik – und mögen zudem Szenen nicht besonders. Es macht keinen Sinn, sich nur auf eine kleine Gruppe von Hörern zu beschränken. Und Szenen sind trendabhängig – sie kommen und gehen. Und wir wollen nicht kommen und gehen.”

Werden sie auch nicht. Denn auch das zweite Album, schlicht “Billy Talent II” betitelt, ist wieder eine Klasse für sich. Die Band bleibt ihrem eigenen Stil treu, ohne sich plump zu kopieren. Und man lotet die Extreme weiter aus – etwa im Opener “Devil In A Midnight Mass”, dem aggressivsten Song, den Billy Talent je geschrieben haben, und der dann folgerichtig auch mit einem sehr ernsten Thema aufwartet: “Ich las eines Tages eine Story über einen Priester in Boston, der jahrelang unzählige Kinder missbraucht hatte. Die Kirche schmiss ihn raus, er kam auch vor Gericht und wurde verurteilt. Später brach dann jemand in seine Zelle ein und brachte ihn um. Am Ende hatten alle verloren. Der Song ist nicht als Anklage gegen die Kirche gedacht; aber wir müssen über solche Themen reden, um Kids zu schützen und so etwas zu verhindern.”

Generell erzählt übrigens jeder Billy Talent-Song eine eigene Geschichte – der Band ist es wichtig, nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich etwas aussagen zu können. Noch ein weiterer Grund dafür, warum dieses Quartett auch zukünftig Gesprächsthema bleiben wird. Die Jagd auf den Titel “Platte des Jahres 2006” ist jedenfalls eröffnet – und die Chancen von Billy Talent auf diese Trophäe stehen erneut mehr als gut.

Text: Tito Wiesner