Natalie Cole hat heute im People Magazine die gestrige Grammy-Verleihung kommentiert.
Dabei hat die Tochter des “King” Nat Cole etwas ziemlich komisches über Amy Winehouse gesagt: “Sie hätte nicht gewinnen sollen”, denn die Verleihung an Winehouse, die sich derzeit in England in einer Entzugsklinik befindet, sei eine “falsche Botschaft für alle jungen Menschen, die ins Musikgeschäft” wollen. Vielmehr hätten Künstler wie Rihanna oder Beyoncé Knowles bessere Preisträger abgegeben, denn jene hätten “hart gearbeitet und das Herz am rechten Fleck”. Diese Künstler seien “Leute, die wir ermutigen müssen”.
Ist das wahr? Sollen Musik-Preise jemanden “ermutigen” oder gar einen vernünftigen Lebensweg “belohnen”? Denken nun nach der gestrigen Veranstaltung junge Musikerinnen weltweit, sie müssten koksen, um einen Grammy zu kriegen? Cole versucht ihren Unmut so zu erklären: “Es geht [im Musikgeschäft] um Disziplin und harte Arbeit und nicht darum, einfach deine Drogen zu nehmen, auf die Bühne zu kommen und ausgezeichnet zu werden”.
Aber was die Cole da sagt ist ziemlich großer Quatsch, und zwar aus drei Gründen: Erstens sind Preise nicht primär dazu da, Leute zu ermutigen, bestimmte Dinge zukünftig zu tun oder zu lassen. Sie sind vielmehr per Definition vergangenheitsorientiert, denn es werden erbrachte Leistungen honoriert und nicht etwa gute Absichten für die Zukunft. Und wenn Winehouse ein zweifelsohne geniales Album aufgenommen hat, kann und sollte man sie dafür loben. Egal, was sie raucht.
Zweitens ist ein Musikpreis ein Musikpreis und eben keine Auszeichnung für steten Lebenswandel im Sinne vorbildhafter Außenwirkung. Er wird von der zunächst einmal Verkaufszahlen-orientierten Musikindustrie verliehen und nicht etwa vom Vatikan oder Kinderhilfswerk.
Drittens – und hier liegt der Hase im Pfeffer – wiederlegt sich Coles These von selbst. Harte Arbeit zu verrichten und ein netter Mensch zu sein (“das Herz am rechten Fleck zu haben”) spricht Cole in ihrer Wortwahl allen Leuten ab, die Drogen nehmen und trotzdem gute Musik machen. Ihrer Meinung nach sind Kokain, Alkohol und Co. für Musiker also quasi Doping. Substanzen, die einem “harte Arbeit” ersparen, indem man einfach strunzbreit und stock besoffen ins Studio torkelt und im Handumdrehen zwischen Johnnie Walker und Crackpfeife ein Hitalbum aufnimmt. Die Absurdität dieser Aussagen erkannte Cole im Interview selbst und ruderte umgehend etwas zurück. Winehouse sei zwar “talentiert und begabt“, sie habe aber heute bereits “eine Stufe beschritten, die sie noch gar nicht verdient habe”. Sie solle also erstmal ihr Leben in den Griff bekommen, bevor sie weiter Platten aufnimmt.

Natalie Cole verleiht Grammy an Amy Winehouse:

Dass gerade die Cole so etwas sagt ist seltsam. Sie selbst hatte in den Jungen Jahren ihrer Karriere massive Drogenprobleme und sollte die Wechselwirkungen von Business und Kokain eigentlich besser kennen. In den allermeisten Fällen kommt der Erfolg nämlich vor den Drogen und nicht andersherum. Dass Winehouse bereits auf ihrer ersten Hitsingle ihre Weigerung besingt, in eine Entzugsklinik zu gehen kann man ihr dabei sogar als ironische Auseinandersetzung anrechnen, wenn man ihre Texte überhaupt literarisch ernst nehmen möchte. Viel interessanter ist doch aber die Frage, die Cole mit ihrer Trotzreaktion wahrscheinlich gar nicht stellen wollte: Sind cleane brave Minnesänger wirklich etwas, das wir hören (und kaufen) wollen? Übertrieben gefragt: Ist Kunst als Kommunikationsform für den Künstler nicht vielmehr geradezu prädestiniert dazu, uns zu zeigen, was man mit Drogen alles machen kann? Coltrane, Hendrix, Morrison, Beatles, Stones – wegen mir auch Cobain: Es bleibt einfach naiv zu glauben, dass “Nevermind”, “Exile on Mainstreet”, “Sgt. Peppers Lonely Hearts Club”, “Waiting for the Sun”, “Are You Experienced” oder “Blue Train” so außerordentlich hervorragende Platten geworden wären, hätten ihre Verfasser im Studio nur O-Saft und Hanuta zu sich genommen.
Junge Künstler wissen das sehr wohl, genauso wie Natalie Cole selbst auch. Ganz ehrlich: der fette alte Elvis und der späte Morrison, waren als Vorbild so wenig attraktiv wie die toten Hendrix und Cobain. Es ist auch mit Sicherheit keine schöne Abendunterhaltung, eine teure Konzertkarte zu bezahlen, um diese Künstler dann zur Unfähigkeit betrunken auf der Bühne erleben zu müssen. Niemand sieht doch die Winehouse auf der Bühne oder per Videoleinwand auf Entzug und denkt sich “Boah, das will ich auch!”. Aber darum geht es beim Grammy nicht, sonder einzig und allein um The F***in’ Best Record of The Year. Und das ist gut so.