Moneybrother, der Northern Soul-Star aus Schweden, eroberte vergangenes Jahr auch Deutschland im Sturm. Wie schon in der nordischen Heimat blieb kein Publikum ungerührt, wenn er seine zwischen Falsett und warmem Tenor schwankende Stimme zu zuckersüßen Melodien und schwülstig arrangierten Disco-Soul-Nummern erhob. Auf seiner zweiten Langspielplatte, “To Die Alone”, gibt es von allem mehr.

“Mehr Drama, mehr Seele, mehr Schmerzen, mehr Rock,” um genau zu sein – nicht zu vergessen mehr Streicher, mehr Goldflitter und mehr Disco. Tatsächlich, Moneybrother und sein Produzent Jari Haapalainen (The Bear Quartet) haben gegenüber dem Vorgänger ‘Blood Panic’ noch einmal ordentlich aufgedreht. “Meine erste Langspielplatte wurde ja ganz gut angenommen”, erklärt Anders Wendin aka Moneybrother. “Es wäre leicht gewesen, dasselbe noch mal zu machen. Natürlich gab es diesmal einen gewissen Druck, einfach die Erwartungen der Fans, der Plattenfirma usw. Trotzdem habe ich gemacht, was ich wollte. Ich bin 29 Jahre alt, ich kann heute einfacher nein sagen. Ich weiß genau, was ich will, und habe das Selbstbewusstsein, mir nicht mehr reinreden zu lassen.”

Wer ist eigentlich der Mann, der da so frech und völlig ironiefrei die schlimmsten Zeiten der Siebzigerjahre wiederauferstehen lässt, und dabei trotzdem ernstzunehmende Musik produziert, die genreübergreifend jung und alt begeistert? Bürgerlich Anders Wendin, hat der Mann fast zehn Jahre in kleinen Punk-, Ska-, und Soul-Bands geackert, bis ihm 2003 in Schweden mit seinem Solo-Projekt der Durchbruch gelang. “Ich nenne mich Moneybrother, wenn ich Musik mache, weil es sich cooler anhört, und ich diesen märchenhaften Charakter erschaffen wollte, der ich sein könnte, wenn ich musiziere. Er ist eine Art Bühnenrolle. Dadurch, dass Moneybrother keine echte Person ist, kann er zum Beispiel auf den Plattenumschlägen oder in Videos dieses gewisse überlebensgroße Extra darstellen. Also dieser Typ mit dem Heiligenschein aus Kolibris auf dem goldfarbenen Umschlag von ‘To Die Alone’, das ist Moneybrother, nicht Anders Wendin. Moneybrother ist extrovertierter als Anders. Ich kann so auch besser mit dem geschäftlichen Teil umgehen – wann soll Moneybrother auf Tour gehen, was soll er wo machen, und so weiter. Wenn man so über sich selbst redet, wird man weniger auf sich selbst fixiert, und das ist gut. So reden alle von diesem Typen Moneybrother, und der gute alte Anders hat seine Ruhe.”

Herr Moneybrother (“Ein weißer, schwedischer Punk, der versucht, Soul zu machen”) komponiert also völlig unbeeindruckt von äußerem Druck Liebeslieder und Balladen über Herzschmerz und Verlangen, die er dann mit Hilfe von ein paar Musikerkollegen auf maximales Breitwandformat vergrößert – mit allem, was guter und nicht so guter Geschmack gerade noch zulassen. Bombastische Streicherarrangements, Schlittenklingeln, Chöre, Farfisa-Orgeln. Dem Titel entsprechend ist die Stimmung gedrückt. Disco in Moll. Die Lage ist ernst, aber nicht verzweifelt. Moneybrother kämpft. Um die Liebe, um sein Mädchen. Ja, auch die berühmte Joanna, um die sich schon auf der Hit-Single ‘Reconsider Me’ alles drehte. In ‘I’m Not Ready For It, Jo’ versucht Moneybrother, das Ganze doch noch zu retten. Vergeblich, natürlich. “Tja, es ist schön, jemanden zu haben, über den man singen kann”, kommentiert der Schwede mit einem lachenden und einem weinenden Auge. “Ich trauere ihr immer noch nach.”
Aus großen Gefühlen wird große Musik.

Text: Hans Vortisch