Mit akuter Soziophobie darf man dieser Tage nicht geschlagen sein, wenn man sich nett mit den Jungs von Hard-Fi über ihre neue Platte unterhalten möchte. Hier heißt es: näher zusammenrücken. Der genaue Grund dafür, warum Sänger Richard Archer und Gitarrist Ross Phillips ihre Gesprächspartner heute in ihrem Hotelbett empfangen, wird jedoch zunächst nicht so recht ersichtlich.

Fakt ist aber, dass die jungen Herren nicht immer so träge daherkamen. Die letzten zwei Jahre glichen eher einer ungemein aufregenden Reise durch Raum und Zeit und das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, wo alles begann.

Staines, England: In dieser kleinen Satellitenstadt einige Meilen außerhalb von London nahm die Hard-Fi-Historie ihren Anfang. Hier verschanzten sich Richard, Ross, Kai Stephens (Bass) und Steven Kemp (Schlagzeug) in einer provisorisch zum Aufnahmestudio umfunktionierten Taxizentrale und bastelten im Jahre 2005 ihr tanzflächenfüllendes Debütwerk “Stars Of CCTV” zusammen, das von dort aus langsam aber sicher an die Spitze der englischen Albumcharts marschieren sollte. Auf die bei den Inselbewohnern so beliebte Hype-Karte hatte man laut Gesangs-Vorstand Richard Archer dabei allerdings nie gesetzt.

“Diese Sache mit dem Hype muss man differenziert betrachten. Uns hat man nicht annähernd mit so viel medialer Aufmerksamkeit bedacht, wie die Arctic Monkeys. Okay, unser Album war Nummer Eins. Aber das dauerte auch 20 Wochen. Die Menschen hatten Zeit, die Platte für sich zu entdecken, sich darüber auszutauschen und sie wertschätzen zu lernen. In der Presse hätten man unserer Arbeit währenddessen sicher weitaus mehr Interesse widmen können, aber da begeistert man sich natürlich eher dafür, ob Pete Doherty einen fahren lässt – okay, er hat ja auch eine Supermodel-Freundin – wie auch immer, heutzutage geht es ganz offensichtlich einfach mehr um Staralarm als um Substanz.”

Mit unsinnigen Oberflächlichkeiten dieser Art möchte man sich im Hause Hard-Fi nicht belasten. Doch in diesem Business die Bodenständigkeit zu wahren, ist nicht immer einfach. Vor allem dann nicht, wenn man ein überaus engagiertes Plattenlabel im Nacken sitzen hat, das einen am liebsten umgehend in einen hyper-modernen Aufnahmetempel verfrachten möchte. “Für die Arbeit an “Once Upon A Time In The West” haben wir unser altes Studio ein wenig ausgebaut. Das hat ein paar Monate gedauert, was wiederum die Plattenfirma ziemlich nervös werden ließ. Die wollten natürlich kein Risiko eingehen und hätten uns lieber in einem großen Hightech-Studio mit einem wohlbekannten Produzenten gesehen, als uns dort mehr oder weniger auf eigene Faust an der Platte herumwerkeln zu lassen”, gibt Ross zu bedenken. Und sein Kollege Richard ergänzt: “Der Druck des zweiten Albums resultierte nicht aus einem Ideenmangel, im Gegenteil. Wir hatten ja sogar noch Songs in der Hinterhand, die bereits bei der Arbeit an der ersten Platte in einer Rohfassung entstanden sind. Doch mit unserer Entscheidung, relativ selbständig zu arbeiten, wurde auch der Druck größer, denn wenn du es vermasselst, kannst du niemand anderem mehr die Schuld in die Schuhe schieben. Plattenfirmen scheinen in einer konstant nervenüberspannten Welt zu leben und wenn irgendetwas mal gegen den Zeitplan läuft, rasten sie völlig aus. Wir brauchten so lange, wie wir eben brauchten, hatten die Sache aber immer im Griff.”

Suburban Knights

“Hatten wir das?” Ross’ höhnisches Nachhaken darf an dieser Stelle wohl als inaktuell gehandelt werden. Alles ist gut gegangen und mit “Once Upon A Time In The West” ein Zweitwerk entstanden, das sich laut Richard und Co. angeblich dunkler, persönlicher und zurückhaltender präsentiert als sein Vorgänger. Allerdings muss man, um zu derartigen Thesen zu gelangen, wohl auch der Albumverantwortliche höchstpersönlich sein. Jedem unbedarften Hörer wird hier ein derart hoher, perfekt polierter Pop-Anteil geboten, dass man unter dem überdimensionalen Sahnehäubchen wirklich ein wenig suchen muss, um schwermütiger anmutende Tracks wie “Help Me Please” zu finden. Quicklebendige Songs wie “Suburban Knights” und “I Shall Overcome” sind einfach in der Überzahl. Letzterer erinnert im Übrigen nicht nur an den radiovertrauten Klang der “Stars Of CCTV”-Kollektion sondern irgendwie auch an einen Robbie Williams/Justin Timerlake-Hypriden, der schnell noch durch das Hard-Fi’sche Sound-Walzwerk gepresst worden ist. Stücke wie diese werden auch beim zweiten Platten-Streich die Menschen wieder zum Tanzen bringen. Einen kleinen Vorgeschmack auf die publikumsinterne Hüftschwungfreude bekamen die Jungs kürzlich bereits bei einem kleinen Aufwärm-Gig in ihrer Heimat dargeboten.

Glastonbury Festival 2007: Wenn sich Ross und Richard nicht gerade mit der von ihnen so gefürchteten Toilettensituation bei diesem allseits beliebten Festival-Kracher auseinandersetzen müssen, dürften sie wirklich rundum zufrieden sein. Ihr Überraschungs-Konzert zugunsten von “Love Music Hate Racism” im allseits beliebten “Left Field Tent” sorgte für große Begeisterung und bestätigte die vier Freunde darin, dass sie den sommerlaunigen Beat-Pop-Funken nach wie vor am besten in der Live-Version entfachen können. Schon sehr bald wird die Mission der gepflegten Bühnenunterhaltung und das unumgängliche Hausen im Tourbusbunker wieder wie eine Gerölllawine über ihr Alltagsleben hinabstürzen und so kann man vielleicht auch verstehen, wieso die Jungs wenigsten den heutigen Tag noch einmal ganz gemütlich im Bett verbringen wollten.

Christine Stiller