Helgi Jonsson über seine Heimat Island, Sozialisation durch klassische Musik, das Hören an sich und – natürlich – Rock’n’Roll!

In Dänemark ist Helgi Jonsson ein Star. Das bekommen wir am eigenen Leibe zu spüren, als die Türen zum Konzertsaal verschlossen bleiben, wenn wir uns das Konzert von Jonsson und Tina Dico anhören möchten. Alle Plätze sind besetzt und Berichten zufolge springt das Publikum schon von den Stühlen als Jonsson die erste Saite anschlägt. Im Interview begegnet uns der Musiker als freundlicher, offener und ein wenig übermüdeter Mensch mit lustigem österreichischen Akzent. In gutem Deutsch spricht er leidenschaftlich über Musik und schwärmt im Anschluss von isländischen Kollegen mit geheimnisvollen Namen.

motor.de: Du kommst eigentlich aus Island, hast aber acht Jahre Posaune in Österreich studiert und bist scheinbar ununterbrochen auf Tour. Was heißt ‘zu Hause’ für dich?

Jonsson: Zu Hause heißt Island, auch wenn ich nicht viel dort bin. Vor allem im Moment ist es ein bisschen komisch, weil ich vor vier Tagen erst umgezogen bin. Noch einen Tag bevor ich hergekommen bin, habe ich alles in mein zukünftiges Haus gestellt.

motor.de: Isländische Künstler erfreuen sich großer Beliebtheit. Deine Heimat hat für viele etwas geheimnisvolles. Beeinflusst die Landschaft oder deine Umgebung dein Schaffen?

Jonsson: Auf jeden Fall, aber es ist schon eher ein Klischee. Landschaft spielt keine riesige Rolle. Andere Dinge wirken sich da mehr auf meine Arbeit aus: Das Wetter zum Beispiel oder das Licht dort oben in Island. Im Sommer ist es so hell dort und im Winter extrem dunkel. Solche starken Kontraste haben schon einen Einfluss auf mich und meine Musik.

motor.de: Schreibst du denn mehr auf Tour oder zu Hause?

Jonsson: Ich kann auf Tour überhaupt nicht arbeiten. Manchmal fallen mir schon ein paar Melodien ein, aber mich während einer Tour hinsetzen und Songs schreiben, kann ich persönlich gar nicht.

motor.de: Du bist studierter Musiker. Wie ist das für dich, wenn du selbst Musik hörst?

Jonsson:
Unterschiedlich. Das sind so Phasen. Ich höre oft zum Vergnügen, dann studiere ich etwas ein oder will irgendwas aus verschiedenen Blickwinkeln anhören. Zum Beispiel von der Produktion her, vom Arrangement, Klang oder den Lyrics. Das ist völlig unterschiedliches Hören. Teilweise kann ich aber auch überhaupt keine Musik hören, denn wenn man den ganzen Tag im Studio ist, will man am Abend nichts mehr hören und auch nicht auf Konzerte gehen oder so.

motor.de: Meinst du, du gehst Musik ganz anders an als ‘Laien’?

Jonsson: Teilweise schon. Ich stecke da ja ziemlich tief drin und bin auch oft unbewusst sehr analytisch unterwegs. Aber ich bin jetzt nicht geschmacklich irgendwie festgelegt. Ich höre eine sehr große Bandbreite an Musik.

motor.de: Was macht einen guten Song für dich aus?

Jonsson: Ein guter Song kann ganz verschiedene Eigenschaften haben. Manche Titel sind deswegen gut, weil sie so sind und andere sind gut, weil sie genau diesen Charakterzug nicht haben. Für mich persönlich muss ein guter Song eine echt große Melodie haben. Die Musik selbst muss größer sein als derjenige, der schreibt oder singt.

motor.de: In deiner Jugend hast du dich vorwiegend mit Jazz beschäftigt. Heute bist du Singer/Songwriter. Inwiefern spielt Jazz noch immer eine Rolle für dich?

Jonsson: Ich komme eigentlich viel mehr aus der klassischen Musik und ich habe nur deswegen Jazz studiert, weil der Posaunenlehrer dort ein großartiger Künstler war, der sowohl Klassik als auch zeitgenössische Musik und Jazz gemacht hat. Jazz hat mich sicherlich beeinflusst, aber ich glaube mein klassischer Hintergrund hat viel mehr mit dem zu tun, was ich in der Popmusik mache.

motor.de: Also konzipierst du eher, als dass du improvisierst?

Jonsson: Schon, ja. Aber ich improvisiere immer wieder, in jedem Konzert. Nur das Material, das ich mit auf die Bühne nehme, ist sehr konkret.

motor.de: Im Januar erschien dein drittes Album. Es enthält gerade Mal sieben Tracks. Wieso hast du dich für ein Mini-Format wie dieses entschieden?

Jonsson: Ich wollte eigentlich letzten Herbst schon das Album veröffentlichen, was ich jetzt im September kommt (lacht). Im letzten Herbst habe ich unheimlich viele Konzerte gespielt, hatte aber ein paar Stücke, die ich herausbringen wollte. Das waren bestimmte Songs, von denen ich wusste, dass sie ganz anders sind als das, was mein nächstes Album werden sollte. Ich wusste, dass mein nächstes großes Album käftiger sein soll mit Songs, die mehr rocken. Bäm! Rock’n’Roll!

Fotos: Anja Predeick
Illustrationen: Helgi Jonsson
Interview: Lydia Meyer