Es geschah vor zwei Jahren: Page Hamilton, Sänger, Gitarrist und Gründer der legendären Helmet, fährt mit seinem Auto in LA und hörteRadio. Der Moderator plappert gerade etwas von einem lang ersehnten neuen Stück von irgendwelchen New Metal-Millionären. Gleich imAnschluss dürfen die Hörer anrufen und ihre Kommentare loswerden. Jetzt werden also gleich die hellauf begeisterten Fans sich zu Wort melden, aber es kommt anders: ein Anrufer meint, das Stück sei Müll und sollte sobald wie möglich vergessen werden. Page Hamilton dreht das Autoradio lauter. Was er denn lieber hören würde, fragt der Moderator zickig. „In meinem Auto läuft Helmet“, sagt der Anrufer, „und ich hab seit Ihnen nichts wirklich großartiges Neues mehr gehört“. Der Moderator spielt den nächsten Titel…

„Ich dachte, ich fahr gleich an die nächste Straßenlaterne“, erzählt Hamilton. „Ernsthaft, ich war absolut geschockt, dass irgendjemand sich einfach so für meine Band stark gemacht hat. Es hat mir plötzlich viel Selbstvertrauen gegeben; für das, was wir bisher gemacht haben und das, was noch die Zukunft bringen wird.“
Im Oktober 2004 erscheint auf Interscope/Universal „Size matters“, das erste Helmet-Album in sieben Jahren. „Der Albumtitel ist eine Referenz auf die amerikanische Gesellschaft“, sagt Hamilton. „Wir sind besessen davon, dass alles höher, lauter, größer und schneller sein muss. Integrität und neue Ideen scheinen gar nicht mehr gefragt zu sein.“ Hamilton hat seine Band Helmet wiederbelebt, zusammen mit Gitarrist Chris Traynor (Bush), Drummer John Tempesta (Rob Zombie, Testament) und Bassist Frank Bello (Anthrax). Aufgenommen wurde das Album Anfang des Jahres mit Hamilton selbst an den Reglern, unterstützt von Jay Baumgardner und Charlie Clouser (Nine Inch Nails). „Size matters“ ist nicht einfach das nächste Helmet-Album. Stattdessen hat Hamilton die Ingredenzien (minimalistische Riffs, tighte Rhythmen und wütende Texte) neu gemischt, sein Repertoire erweitert und mit mehr Melodie vermengt.

„In den vergangenen Jahren habe ich viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Menschen wie Bono, David Bowie oder den Film-Komponisten Elliot Goldenthal – Menschen mit sehr spannenden Ideen“, erzählt Hamilton auf die Frage nach den Einflüssen. „Das gab mir die Zuversicht, meine Songs zu schreiben. Bei den alten Helmet-Songs war ich der Anti-Songschreiber. Meine Stimme war ein Rhythmus-Instrument, ohne zu sehr auf die Inhalte zu achten. Heute bevorzuge ich eine gewisse Klarheit.“

Über die Zeitspanne von neun Jahren und vier wegweisenden Alben war Helmet das Vehikel für Hamiltons Rock-Ästhetik; eine Vision, die die Kluft zwischen Underground Rock, Feullitonisten und Headbangern. Mit ihrem Debüt „Strap it on“ (1991) gaben Helmet einem neuen Sound ein Gesicht. Das 92er Album „Meantime“ machte die Band endlich einem breiten Publikum bekannt und verkaufte über einer Million Platten. Und es war der Aufbruch einer neuen Metalfraktion, die sich abseits von Löwenmähne und Nietengürtel bewegte. Zwei weitere, grandiose Alben folgten („Betty, 94, „Aftertaste“, 96) bevor sich die Band 1998 auflöste. Eine Zusammenstellung dieser Zeit gibt es auf dem Album „Unsung – The Best of Helmet 1991-1997“, das Anfang des Jahres erschien.

Hamilton hatte sich seit dem Split nicht zur Ruhe gesetzt. In Trent Reznors Studio in New Orleans arbeitete er zusammen mit Charlie Clouser an neuen Songs. Er schrieb Filmmusiken (S.W.A.T.,The Good Thief, In Dreams, Titus) und arbeitete an einer Rock-Oper (Transposed Heads). Und Hamilton nutzte seine Freiheit, ganz andere Dinge auszuprobieren, zum Beispiel mit den Kalifornischen Elektrotüftlern Uberzone oder dem Trompeter Ben Neill. Vier Monate war er unterwegs mit David Bowie auf dessen „…hours“-Tour.

2002 begann ein neuer Zeitabschnitt: Hamilton gründete mit Freunden aus New York die Band Gandhi. Das war die Zeit als ganz Amerika im New Metal-Fieber war, einem Genre, dessen Wurzeln Hamilton selbst entwickelt hat. Im Booklet zu „Unsung“ schreibt der Gründer von Amphetamine Reptile, der ersten Plattenfirma von Helmet: „Ich meine, diese Bands sollten bekennen, woher sie ihren Sound gestohlen haben“.

Der Spagat zwischen LA, Hamiltons Heimat, und New York, seine aktuelle Band Gandhi, nervte. Zurück zu Hause konzentrierte er sich aufs Song schreiben. Durch Zufall traf er auf den Drummer John Tempesta, der mit Testament seine Karriere begonnen hatte. Er trommelte bei White Zombie bis Frontmann Rob Zombie beschloss, die Musik zu Gunsten seiner Filmpläne erst mal auf Eis zu legen. Zusammen mit Gitarrist Chris Traynor, der auf der Aftertaste-Tour von Helmet schon Gitarre spielte, trafen sie sich zum jammen. Hamilton schrieb mehr Songs. Einer davon, „Throwing punches“ kam auf den Soundtrack zu dem Film „Underworld“ unter seinem Namen.

Anfang des Jahres dann der Anruf des Chefs von Interscope, Jimmy Iovine. Er fragte, ob Page Künstler des Labels produzieren wolle. Hamilton sagte zu – erstes Projekt ist das Solo-Debüt von Bush-Sänger Gavin Rossdale. Ausserdem bat Iovine ihn, wieder mit Helmet zu Interscope zurück zu kommen. „Nach all den Jahren bekam ich auf einmal eine Chance wieder mit MEINER Band weiter zu machen – diese Einladung konnte ich einfach nicht ausschlagen“.

„Size matters“ ist eine kraftstrotzende Rückkehr unter dem Helmet-Banner. Aufgenommen wurde die Platte als Trio, mit Traynor am Bass. Helmet 2004, das ist mehr als die bloße Fortschreibung der Geschichte. Hamilton hat mehr Platz für Melodien gemacht ohne dass die Energie oder die Vision von Helmet verloren geht. Und „Size matters“ ist ein seltenes Ereignis: eine Veteranen-Band, die nicht ihre Kraft verloren hat, aber auch keinen Grund, ihre Historie einfach nur wieder zu beleben.

„Ich höre unsere alten Platten und wundere mich“, sagt Hamilton. „Wie konnten wir „Vaccination“ ohne Click aufnehmen oder warum wurden die Snare Drums auf „Betty“ so hoch gepitcht. Je mehr Platten Du aufnimmst, desto weiter möchtest Du Dich von Deinen vorherigen Alben entfernen. „Size matters“ ist sogesehen eine logische Fortsetzung“.

Mit dem ehemaligenB ass-Spieler von Athrax, Frank Bello, ist die Band für die Tour im Herbst komplett und Traynor kann wieder zur Gitarre zurück kehren. Es ist eine Band und Hamilton wird nicht müde, den Input von Traynor und Tempesta zu erwähnen. Allerdings weiß er auch, dass zwangsläufig die Frage nach den ehemaligen Mitstreitern Henry Bogdan (er lebt auf Hawaii und hat der Rockmusik den Rücken gekehrt) und Drummer John Stanier (er spielt in zwei Bands, Battles und Tomahawk).

„Die Beiden sind großartige Musiker“
, sagt Hamilton. „Aber 1997 war klar, dass wir eine Auszeit brauchten, weil wir uns einfach auf die Nerven gegangen sind. Aber ich wollte nicht aufhören… Die Band lief auseinander und Hamilton machte weiter: „Ich glaube, dass jemand, der Helmet nicht kennt und sowohl einen Song von „Aftertaste“ als auch einen Track aus dem neuen Album gehört hat, glauben wird, dass es sich um die gleiche Band handelt.“

„Ich mag Rock Musik noch immer“, erzählt Hamilton. „Ich stöpsel meine Gitarre ein und habe den Sound um mich. Aber ich finde heute nicht mehr viel Rock, der mir etwas bedeutet. Aber es gibt doch noch Hoffnung: Ich steh auf Dillinger Escape Plan, weil man denen einfach die Passion anhört und das Rockstar-Gehabe außen vorbleibt. Ein Teil meines Jobs als Musiker ist es, Respekt für die Vergangenheit zu haben und zu versuchen, etwas Neues auf den Weg zu bringen. Trendy sein, um zu gefallen – das ist nicht mein Ding.“

Falls Du der Typ bist, der bei dem Radio angerufen hat oder wenn Du in den letzten Jahren keinen Grund gesehen hast, in einen Plattenladen zu gehen: herzlich Willkommen im neuen Jahrtausend – und hör die Neue von Helmet…