Charlatans-Sänger Tim Burgess ist bei bester Laune: Die Streitigkeiten mit der bisherigen Plattenfirma, deren Folge nicht nur eher mäßige Plattenverkäufe außerhalb des heimatlichen UK waren, sondern auch die traurige Tatsache, dass die Band seit nunmehr über sechs Jahren nicht in Deutschland aufgetreten ist, sind ad acta gelegt. Mit ‘Simpatico’ ist ein neues Album zu promoten, auf dem man nun wieder gesünder und stärker wirkt als zuletzt.

“Wenn ich ‘Simpatico’ einen Charakter zuschreiben sollte – so wie ‘Up At The Lake’ klingt wie eine Holzfäller-Platte und ‘Wonderland’ eine ‘Asphalt-Scheibe’ war – dann wäre es wohl ‘mean streets’: schäbige, dunkle Seitenstraßen. Es ist definitiv eine düstere Platte, besonders was die Lyrics angeht.”

Kein unwichtiger Zusatz, denn obwohl so mancher Text um dunkle Momentaufnahmen und Beobachtungen kreist (spürbar allein schon an solchen Titeln wie ‘Blackened Blue Eyes’, ‘Dead Man’s Eye’ oder ‘City Of The Dead’, das auf die Seelen- und Leidenschaftslosigkeit in Los Angeles anspielt, wo Burgess seit einigen Jahren mit seiner Frau lebt), steht musikalisch die Rückkehr zum euphorischen Rave-Gefühl im Vordergrund, das den Charme der frühen Veröffentlichungen der Band im wesentlichen ausmacht.

“Der erste Song, den wir für das Album geschrieben haben, war ‘City Of The Dead’, und von diesem Sound (Burgess schnippt mit dem Finger und wippt sichtlich begeistert zu einem imaginären Off-Beat) kamen wir einfach nicht mehr weg. Dazu kamen dann noch klassische Old School-Charlatans-Nummern wie ‘Blackened Blue Eyes’ oder ‘When The Lights Go Out In London’. Wir haben wirklich alles gegeben, um das beste Album unser Karriere aufzunehmen.”

Unbedingt enorm viel Zeit gelassen hat man sich dafür allerdings nicht: Da mit den Reading’s Hook End Studios die Wahl auf ein ausgesprochen feines (und teures) Studio gefallen war, musste ‘Simpatico’ innerhalb von rund vier Wochen eingespielt sein. Ein Grund im übrigen für die Tatsache, dass die Band zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein Album nahezu komplett und gemeinsam live eingespielt hat.

Apropos live: Wenn nichts dazwischenkommt, werden die Charlatans noch dieses Jahr in Deutschland auf Clubtour gehen. Wieso es trotz solcher neuer Sommerhymnen wie ‘NYC (There’s No Need To Stop) ‘ und ‘Muddy Ground’ erst im Spätherbst dazu kommen wird, hat einen einfachen Grund. Burgess: “Definitiv erst nach der Fußballweltmeisterschaft! Das sagt doch jeder: halt dich bloß fern von Deutschland im Juni!”

Tim Burgess lacht und zeigt zum Abschied voller Stolz ein Bild von seinem Hund vor, das er mit seinem Handy gemacht hat. Und eine Umarmung gibt es auch noch. Auch so schön und einfach kann das Leben als Star mitunter sein.


Text: Friedrich Reip