Den Wettbewerb um den innovativsten Sound werden die Schweden wohl kaum noch gewinnen können. Da hätten sie um einiges früher antreten müssen, so 40 Jahre schätzungsweise. Im flotten Dreierpack mit den Beatles und den Rolling Stones hätten sie sicherlich für ebenso viel Furore sorgen können wie die inzwischen gealterten Herren des Pop – und auch die Mädchen würden die vier locker um den Verstand bringen. Aber sei’s drum, die Frisuren haben sie trotzdem, die Mädels auch, und ach ja, die Melodien sowieso.

Wie ein Wirbelsturm haben Mando Diao ihre schrammelnden Kollegen von der Indie-Tanzfläche gefegt, und dazu brauchten die Mittzwanziger gerade mal ein einziges Album. ‘Bring ‘Em In’ geizte weder mit Posen noch mit Riffs, und wen die Hits nicht überzeugten, der bekam einen verbalen Einlauf von dem vorlauten Vierer verpasst. “Die Sache mit unserem ersten Album war folgende”, erklärt Gustaf Norén, Teilzeitsänger und Vollzeitgitarrist den kleinen Faut-Pas mit dem Album, das eigentlich gar keines war. “Uns war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass wir eine Platte machen. Eigentlich waren es nur Demos, von denen wir schließlich die besten zwölf aussuchten – und plötzlich war es ein Album…” Prall gefüllt mit Liedern, für die andere Bands ihre Mütter verscherbeln würden, wahlweise auch professionelle Hitschreiber anstellen müssten. Während ihnen der Erfolg Recht gibt, die Shows in Europa ausverkauft sind und die Japanerinnen für das gefühlsechte Rockstarleben sorgen, wird bereits am Nachfolger gearbeitet, der nicht wie das Debüt mit Minimaltechnik im Heimstudio mit aufgenommen wird, sondern im Hightech-Schlaraffenland auf dem Anwesen von Dr. Quinn aka Jane Seymour, die Ärztin aus Leidenschaft, und ihrer Residenz im englischen Bath seine Realisation findet.

Es ist kaum zu überhören, die Jungs haben ihren Sound ausgemistet, sich von allzu rumpeligen Zwischentönen verabschiedet und die Hochglanzpolitur (Gott sei Dank) nicht allzu dick aufgetragen. Herausgekommen ist ein feiner Querschnitt aus ‘She Loves You’ und ‘Let’s Spend The Night Together’, der so melodiös und ausgearbeitet daherkommt, dass Nicht-gefallen für Pop-gefällige Zuhörer eigentlich gar nicht in Frage kommt. Auch wenn sie zum Teil sehr nah an den Originalen gebaut haben, von ihrem einzigartigen Qualitäten sind sie nach wie vor überzeugt. “Deswegen bin ich schließlich hier”, lacht Björn Dixgård, der sich mit seinem Kollegen Gustaf die Gitarren- und Gesangsarbeit brüderlich teilt. “Eine Menge Bands unterschreiben Verträge und bekommen einen Haufen Geld, um ihre Platte zu bewerben, doch wenn sie keine guten Songs schreiben, dann war’s das. Solche Probleme haben wir um Glück nicht, denn wir schreiben gute Songs und wir sind immer noch auf der Suche nach dem ganz großen Erfolg, deshalb werden wir auch so schnell nicht aufhören.” Angst um das Selbstbewusstsein müssen sich fürsorgliche Zeitgenossen also nicht machen, und selbst wenn sie die Rolling Stones in der Vergangenheit gern mal in die Alterherrenschublade geschubst und für ihr Alterswerk getadelt haben, gibt es in der Tat ein paar Musikstücke, auf die selbst ein Mando Diao neidisch sein darf. “Ein Song wie ‘Dancing Queen’ von ABBA zum Beispiel. Das ist einer der brillantesten Pop-Songs überhaupt. Er hat eine ausgezeichnete Melodie und trifft dich wie ein Schlag. Schon beim ersten Hören weißt du, dass es der absolute Hit ist”, schwärmt Björn und seufzt: “Ich wünschte ich hätte ihn geschrieben, dann wäre ich inzwischen steinreich.” Bis es soweit ist, werden die Jungs aber noch eine ganze Menge Lieder schreiben müssen, in die sich dann nicht nur Mädchen mit Ponyfrisuren und Pferdeschwanz verlieben dürfen.

Text: Ina Göritz